
Frei
Früher gab es dieses Magazin, das ich mir jeden Monat kaufte, um die letzten Seiten in Ruhe lesen zu können. Der Rest des Inhalts interessierte mich ehrlich gesagt nicht wirklich. Der Autor, ein Mann in seinen besten Jahren, schrieb über das alltägliche Leben in einer Großstadt. Ich mochte sehr, was ich von ihm las. Obwohl jede Geschichte irgendwie vorhersehbar war, war ich gleichzeitig fasziniert davon, wie er zwischen Satire, Ironie und Witz eine Geschichte erzählte.
Aber manchmal fragte ich mich, was ihn in „Wirklichkeit” beschäftigte. An was dachte er? Was ging ihm durch seinen Kopf? Ich konnte mir unmöglich vorstellen, dass das alles war: die seichten und belanglosen Anekdoten und Geschichten über Cafés und Urlaube, über scheinbare Freunde und unscheinbare Familienmitglieder. Ich bewunderte seine Art, des Erzählens und wollte einfach mehr von ihm lesen. Mehr als die gefühlt konstruierten Geschichten über neue Trendgetränke in der hippen Großstadt.
Ja, schon klar, das war seine Sprache, sein Stil, seine Art Leser:innen in den Bann zu ziehen, mit den vermeintlich kleinen Dingen des Alltags. Aber ich las auch zwischen den Zeilen. Und ganz offensichtlich, schrieb da ein kluger und wortwitziger, offener Mann, der mich zum Nachdenken brachte. Und zwar darüber, ob all die Ereignisse wirklich stattfanden, oder ob es seine Art der Rebellion war, bewusst nichts anzusprechen, das auch nur ansatzweise von größerer Bedeutung war.
Über viele Jahre sammelte ich seine Texte und ich erinnere mich daran, wie ich als Teenagerin dachte, in ihm ein Vorbild gefunden zu haben. Ich wollte seine Sprache sprechen und es mit ihm aufnehmen, als das weibliche Pendant aus der ländlichen Kleinstadt. Aber ich konnte mich nicht in diese Form biegen. Es fühlte sich nicht richtig an. Weil das nicht ich war. Sondern er. Und so wollte ich nicht sein.
Diese Erkenntnis wühlte mich auf, denn offenbar war ich noch auf der Suche nach mir, bis ich dann dachte mich in einem wütenden Beitrag über einen verurteilten Bundestagsabgeordneten gefunden zu haben, den ich damals für ein renommiertes Nachrichtenportal schrieb. Aber das war auch nicht ich. Aber das hier, in diesen Zeilen, das bin ich.
Irgendwann habe ich nicht mehr gesucht. Und mich gerade deswegen gefunden. Oft wünschte ich mir, ich könnte all meine Gedanken niederschreiben, denn in meiner romantischen Vorstellung gibt es nichts Bedeutenderes als Worte, die Menschen berühren, bewegen und vielleicht sogar heilen können. Und wenn auch nur ein kleines bisschen. Ich will mir nicht anmaßen, das über meine Worte zu behaupten. Aber das wünsche ich mir. Und träumen sollte man. Ich konstruiere nichts. Ich erzähle einfach.
Und so passiert es dann, dass ich in den vergangenen Zeilen nicht über das schrieb, was ich eigentlich im Sinn hatte. Ich wollte über die mentale Gesundheit schreiben und darüber, wie wichtig es ist, dieses stigmatisierte Tabuthema nicht abzutun.
Ich wollte auf psychisch erkrankte Frauen und Kinder aufmerksam machen und auf den verheerenden Mangel an Therapieplätzen, auf das stille Leid vieler Menschen da draußen, weil es mir wichtig ist. Und auch weil sie unsichtbar ist, die psychische Gesundheit unseres Gegenübers. Wir sehen nicht alles und auch nicht immer, wie gut oder schlecht es manchen Menschen mental geht, bloß weil sie nach außen hin zu funktionieren scheinen.
Stattdessen habe ich von diesem Autor erzählt. Ich könnte alles löschen und neu schreiben. Aber geht es beim Schreiben nicht um Authentizität und Aufrichtigkeit? Für mich schon. Ich denke wieder an den Autor und daran, wie schnell man sich verliert, in den eigenen Gedanken, in jenen, die frei sind. Und vermutlich ist es genau das, was uns einzigartig macht.



