
Füssen im Hitzesommer: Verschont – aber vorbereitet?
Die diesjährige Hitzeperiode hatte es in sich. Nicht nur in Bayern ächzten die Menschen unter den hohen Temperaturen. In ganz Deutschland und Europa hinterließ die Hitze merkliche Spuren. Die extreme Hitzeperiode nahm in Bayern historische Ausmaße mit massiven Auswirkungen auf Gesundheit, Wirtschaft und Umwelt an.
Flüsse und Seen verzeichneten extreme Niedrigwasserstände, und die Grundwasserpegel fielen auf historische Tiefstände. Nach Hochrechnungen des Robert Koch-Instituts (RKI) starben in Bayern bis zum 9. August bereits rund 1.760 Menschen an den Folgen der Hitze.
Auch im Allgäu, wie in den regionalen Kliniken Ostallgäu-Kaufbeuren, wurde während der Hitzewellen ein erhöhtes Aufkommen von hitzebedingten Kreislauf- und Notfallpatienten registriert, konkrete Todeszahlen auf Landkreisebene werden jedoch aus Datenschutz- und Statistikgründen nicht separat ausgewiesen.
Füssen blieb von diesen Extremsituationen weitgehend verschont. Während andere Gemeinden im Allgäu mit Wasserengpässen kämpften – unter anderem auch Lengenwang –, blieb Füssen nach eigener Aussage ohne Notfall, ohne kritische Momente, ohne außergewöhnliche Lage, wie Füssens Bürgermeister Maximilian Eichstetter bestätigte.
Trotz dieser positiven Nachrichten rücken die Maßnahmen, die Lechstadt klimaresilient zu gestalten, nach Angaben von Eichstetter immer mehr in den Fokus. „Das Thema spielt bei unseren Planungen zunehmend eine Rolle. Dazu gehören insbesondere der Erhalt und die Neupflanzung von Bäumen, Verschattung, Grünflächen, die Reduzierung beziehungsweise Vermeidung unnötiger Versiegelung sowie die Frage, wie Niederschlagswasser möglichst vor Ort zurückgehalten und versickert werden kann. Gerade bei der Neugestaltung öffentlicher Flächen versuchen wir, diese Aspekte stärker mitzudenken.“
Helmut Schauer, Leiter der Stadtwerke in Füssen, hat bereits 2023 ein umfangreiches Strukturgutachten in Auftrag gegeben. Dabei wurde die bestehende Wasserversorgung in allen Bereichen untersucht – von den Anforderungen an Wasserversorgungssysteme über die Wasserqualität, den Wasserverbrauch und -bedarf bis hin zur Löschwassersituation, zur Versorgungssicherheit sowie zu den Not- und Ersatzversorgungsmöglichkeiten.
Letzteres gerät aktuell durch verschiedene Krisen immer mehr in den öffentlichen Fokus. Weitere notwendige Maßnahmen betreffen den Ausfall der Wassergewinnungsanlagen und des Fremdwasserbezugs, den Ausfall der Wasserspeicher- und Wasserförderanlagen sowie der Fallleitungen und Zubringerleitungen bis hin zum großflächigen Stromausfall. „Digitale Überwachungssysteme helfen, diese Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und gezielt zu steuern“, erklärt Schauer.
Aktuell werden alle elektrotechnischen Anlagen saniert und auf den neuesten technisch-digitalen Stand gebracht. Zwei leistungsfähige Notstromaggregate wurden unter anderem mit staatlichen Zuschüssen angeschafft. Um die Versorgungssicherheit noch weiter zu erhöhen, ist derzeit der Neubau des Hochbehälters Enzensberg in der Umsetzung. In der Prüfung ist außerdem die Aktivierung eines zweiten Standbeins über die Eigenwasserversorgung durch Quellwasser.
Zwischen den umliegenden Gemeinden besteht ein enger Kontakt zum fachlichen Austausch und zur Auslotung von Kooperationsmöglichkeiten. Notverbünde bestehen bereits mit den Gemeinden Schwangau und Rieden am Forggensee. „Nicht zu vergessen sind unsere zahlreichen Trinkbrunnen im Versorgungsgebiet, die bei extremer Hitze kostenlos frisches Trinkwasser liefern. All diese Maßnahmen tragen grundsätzlich zu Strukturverbesserungen in der Wasserversorgung bei und sind die Grundlage für eine sichere, nachhaltige und wirtschaftliche Wasserversorgung“, erläutert Schauer.
Die Wasserqualität blieb trotz der Hitze auf höchstem Niveau: Geruch, Geschmack, Farbe, Trübung und Temperatur werden regelmäßig geprüft – alle gesetzlichen Parameter wurden eingehalten. „Wir können uns glücklich schätzen, dass wir bestes Grundwasser liefern. Jegliche Aufbereitung oder Zusätze gibt es bei uns nicht“, so Schauer.
Klimawandel im Allgäu – was die Zahlen sagen
Laut Helmut Schauer hatte die Hitze und Trockenheit keine Auswirkungen auf die Grundwasserreserven. „Neben den offiziellen staatlichen Messstellen des Wasserwirtschaftsamtes haben wir eigene Grundwasserpegel, die monatlich gemessen werden. Von den 31 Messstellen der Stadtwerke lasse ich mir die aussagefähigsten Pegelstände mehrmals im Jahr vorlegen. Dabei stellen wir fest, dass einige Pegel im Fünf- oder Zehn-Jahres-Vergleich sogar steigen, andere leicht fallen – hier sprechen wir aber von wenigen Zentimetern. Im Durchschnitt können wir zum jetzigen Zeitpunkt keine negativen Auswirkungen feststellen. Entscheidend sind die kommenden Monate, also Herbst und Winter, in denen wieder durchschnittliche Niederschlagsmengen in Form von Regen und Schnee niedergehen müssen, damit sich die Reserven regenerieren können.“
Die Schneemengen im Allgäu zeigen in den letzten Jahren einen deutlich rückläufigen Trend bei der Anzahl der Schneetage und der Dauer der Schneebedeckung. Zwar nehmen die Gesamtniederschläge im Winter statistisch sogar leicht zu, aufgrund steigender Temperaturen fällt dieser Niederschlag in niedrigen und mittleren Lagen jedoch immer häufiger als Regen statt als Schnee. Eine Studie von Martin F. Schneider (2019), aktualisiert bis 2025, hat untersucht, wie sich das Klima in den Landkreisen Ober-, Ost- und Unterallgäu verändert hat – und was das für Natur und Lebensräume bedeutet.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Jahresdurchschnittstemperaturen sind seit 1781 um bis zu 2,9 Grad Celsius gestiegen. Die Wassertemperaturen in den untersuchten Gewässern erhöhten sich allein zwischen 1981 und 2025 um bis zu 3,2 Grad. Gleichzeitig nahmen die Jahresniederschläge seit 1880 um bis zu 200 Millimeter zu.
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel beim Winter: Die Zahl der Frosttage sank seit 1880 um mehr als 40 Tage, die Schneebedeckung nahm seit 1910 um bis zu 50 Prozent ab. Die Vegetationsperiode hat sich gegenüber 1952 um bis zu 17 Tage verlängert und dauert heute in manchen Orten bis zu 267 Tage im Jahr. Die Daten wurden mit dem statistisch anerkannten Mann-Kendall-Test auf ihre Aussagekraft geprüft und gelten als belastbar.
Maßnahmen und Investitionen
Das bedeutet, dass Klimaanpassungsmaßnahmen nicht mehr von der Hand zu weisen sind. Sie sind von zentraler Bedeutung, da die Folgen des Klimawandels wie Hitze, Dürren und Starkregen bereits spürbar sind und sich nicht mehr vollständig verhindern lassen. Um Klimamaßnahmen umsetzen zu können, brauchen die Kommunen Geld – auch wenn sie gesetzlich kein separates, isoliertes Klimaanpassungsbudget ausweisen müssen. Allerdings verpflichtet das bundesweit geltende Klimaanpassungsgesetz (KAnG) die Bundesländer dazu, dafür zu sorgen, dass Städte, Gemeinden und Landkreise systematische Klimaanpassungskonzepte erstellen.
Wie die Finanzierung dieser Konzepte im kommunalen Haushalt abgebildet wird, bleibt den Kommunen überlassen. „Klimaanpassung ist bei uns kein einzelner Haushaltsposten, sondern Bestandteil verschiedener Maßnahmen und Investitionen – beispielsweise bei Grünflächen, Stadtentwicklung, Hochbau, Entsiegelung, Baumpflanzungen oder energetischen Maßnahmen. Wo entsprechende Förderprogramme von Bund oder Freistaat zur Verfügung stehen und für unsere Projekte passen, versuchen wir diese selbstverständlich zu nutzen. Die entsprechenden Ausgaben verteilen sich auf unterschiedliche Haushaltsstellen und Projekte. Eine einzelne Zahl würde deshalb ein falsches Bild vermitteln“, erläutert Füssens Bürgermeister Maximilian Eichstetter.
Diese Freiwilligkeit spiegelt sich auch beim Thema Hitzeaktionsplan wider. Bereits im September 2020 hat die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) der Länder beschlossen, dass bis 2025 flächendeckend Hitzeaktionspläne in den Kommunen vorliegen sollten. Da dies rechtlich aber eine Empfehlung und keine Pflicht war, hinken viele Städte bei der Umsetzung hinterher – so auch Füssen.
Pragmatische Maßnahmen, die funktionieren
Ganz anders beim Pflege- und Seniorenheim St. Michael. Matthias Stroeher ist Leiter der Einrichtung und trägt die Verantwortung für eine besonders schutzbedürftige Gruppe: ältere, oft pflegebedürftige Menschen, deren Körper auf Hitze weitaus empfindlicher reagiert als der eines gesunden jungen oder mittelalten Erwachsenen. Umso wichtiger ist für ihn ein durchdachtes, erprobtes Hitzeschutzkonzept, das laufend aktualisiert wird.
Die bauliche Situation macht die Umsetzung der Maßnahmen nicht einfach: Das Heim ist in einem Gebäude aus den 1970er Jahren untergebracht. Beton speichert Hitze, fehlende Isolierung verschlimmert das Problem. Ausgerechnet die attraktivsten Zimmer im Dachgeschoss werden bei extremen Temperaturen zu gefährdeten Räumen. Klimaanlagen könnten das Problem zwar lindern, doch Stroeher hält ihren Einbau für illusorisch – die Kombination aus immensen finanziellen, baulichen, bürokratischen und hygienischen Hürden macht eine Umsetzung nahezu unmöglich.
Deshalb setzt das Team vom St. Michael auf ein ganzes Bündel pragmatischer Maßnahmen: „Wir setzen auf praktische Anpassungen: leichte, mineralstoffreiche Kost wie klare Suppen und Wassermelone statt Schweinshaxe, häufige kühlende Waschungen und Arm- und Beinbäder nach Kneipp unter den Bäumen im Garten. Baulich helfen uns morgendliches Lüften, Beschattung und Ventilatoren mit nassen Tüchern. Für unser Personal stellen wir kontinuierlich Mineralwasser bereit und ermöglichen häufigere kleine Pausen. Mit diesen Maßnahmen haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, erklärt Stroeher.
Er spricht auch über ein Thema, das in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung findet – und das er für hochgefährlich hält: Bewohnerinnen und Bewohner mit Demenz und sogenannter Hinlauftendenz. Diese Menschen verlassen die Einrichtung mitunter, ohne sich orientieren zu können. „Das passiert überall recht häufig“, sagt Stroeher.
Was im Alltag eine große Herausforderung ist, wird bei extremen Temperaturen zur unmittelbaren Lebensgefahr: Eine demenzkranke Person, die bei 35 Grad und mehr in der prallen Sonne umherirrt, ohne Wasser und ohne Schatten, ist in höchster Not. Diese besondere Gruppe erfordert im Hitzesommer erhöhte Wachsamkeit rund um die Uhr.
Wie es in Zukunft für Füssen weitergehen soll, beschreibt Maximilian Eichstetter so: „Grundsätzlich müssen wir uns darauf einstellen, dass längere Hitze- und Trockenperioden künftig häufiger auftreten können. Für Füssen bedeutet Klimaanpassung deshalb aus meiner Sicht vor allem, das Thema ganz praktisch bei unseren Investitionen und Planungen mitzudenken: mehr Grün und Schatten, möglichst wenig zusätzliche Versiegelung, ein intelligenter Umgang mit Niederschlagswasser, hitzeangepasste Gebäude und eine langfristig sichere Trinkwasserversorgung.“
Bei städtischen Neubauten und Sanierungen werden energetische Standards wie sommerlicher Wärmeschutz und Verschattung bereits in der Planung berücksichtigt.
Text: Sabina Riegger · Foto: privat



