Menschen

Prof. Dr. Dr. Fuat Oduncu – neuer Vorsitzender der Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer

Vom Füssener Schulkind zum Hüter der medizinischen Ethik

Er kam 1974 als kleiner Junge aus Südostanatolien nach Füssen – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Er spielte Fußball mit Kindern aus aller Welt, tanzte sich dreimal zum Allgäuer Meister im Breakdance und schaffte das Abitur mit einer glatten Eins. Dann studierte er Medizin und Philosophie, wurde Onkologe, Chefarzt, Professor und bekam das Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Verfassungsorden verliehen. Seine Heimatstadt Füssen trug ihn ins Goldene Buch ein. Man könnte meinen, die Geschichte von Prof. Dr. med. Dr. phil. Fuat Oduncu MA, EMB, MBA sei längst erzählt. Doch weit gefehlt.

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Seit dem 12. Mai 2026 ist der Füssener mit den aramäisch-assyrischen Wurzeln aus der Türkei Vorsitzender der Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer – für die Amtsperiode 2026 bis 2030. Ein Amt, das wie kein anderes zu einem Mann passt, der schon als junger Medizinstudent begann, die großen Fragen zu stellen: Was darf die Medizin? Was soll sie? Und wo liegen die Grenzen des Machbaren?

Die Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer ist eine unabhängige Instanz, die klinische Studien und medizinische Forschungsvorhaben prüft und bewertet – stets mit dem Ziel, die Rechte, die Sicherheit und das Wohlergehen der Patientinnen und Patienten zu schützen. Sie wacht darüber, dass medizinischer Fortschritt nicht auf Kosten des Menschen geht. Dass ausgerechnet Fuat Oduncu nun an ihrer Spitze steht, ist kein Zufall. Es ist die logische Fortsetzung eines Lebensweges, der von Anfang an von einer Frage angetrieben wurde: Was ist das Richtige – für den Menschen? Darüber sprachen wir mit Professor Oduncu. 

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Herr Professor Oduncu, seit dem 12. Mai sind Sie Vorsitzender der Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer. Was hat Sie an diesem Amt gereizt und was bedeutet es Ihnen persönlich?
Das Amt des Vorsitzenden der Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) bedeutet sehr große Verantwortung. Persönlich empfinde ich Demut und große Dankbarkeit für das Vertrauen der Ethikkommission, die mich einstimmig für dieses Amt gewählt hat. Auch die persönlichen Glückwünsche der Hauptgeschäftsführung und des Präsidenten der BLÄK haben mich sehr geehrt. Dieses Vertrauen und hohe Zustimmung sind notwendig, um die großen Herausforderungen in der Medizin, die ja von Tag zu Tag mehr und nicht weniger werden, zu meistern. 

Sie haben sich schon während Ihres Medizinstudiums intensiv mit Medizinethik beschäftigt und dafür gesorgt, dass sie heute zum Pflichtfach für Medizinstudierende gehört. Ist der Vorsitz der Ethikkommission für Sie so etwas wie die Krönung dieses Lebenswerks?
Es gibt mir Bestätigung, dass es gut und richtig war, dass ich den Mut und unbändige Neugier hatte, mich vor über dreißig Jahren als junger Medizinstudent auf den bis dahin noch unbeschrittenen Weg der Medizinethik zu begeben. Die Medizin hat mich zu den großen Menschheits- und Sinnfragen der Philosophie geführt, die Philosophie wiederum zur Ethik und ihre konkrete Anwendung auf die Medizin, die wir heute als Pflichtfach Medizinethik im Medizinstudium in Deutschland unterrichten.

Ich wurde damals von vielen ausgelacht und weggeschickt mit den schmerzlichen Worten: Was wollen Sie mit der Medizinethik, wieder so eine Modeerscheinung aus Amerika! Heute bin ich dankbar und stolz darauf, dass ich – damals als völliger Nobody – nicht aufgegeben habe und der Medizinethik substantiell verholfen habe, dass sie heute ein normales Pflichtfach im Medizinstudium ist. Verrückt, wenn man sich vorstellt, was die Medizin heute ohne die Ethik wäre?

Was sind die wichtigsten Aufgaben der Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer und welche Themen werden Sie in Ihrer Amtsperiode von 2026 bis 2030 besonders beschäftigen?
Zu den Aufgaben der Ethikkommission gehört, dass alle eingereichten Forschungsvorhaben sorgfältig und nach einheitlichen ethischen und rechtlichen Maßstäben bewertet werden. Eine zentrale Verantwortung besteht darin, den Schutz der Studienteilnehmer stets in den Mittelpunkt der Beratungen zu stellen und einen ausgewogenen Ausgleich zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und ethischer Verantwortung zu fördern. Die wissenschaftliche Qualität muss nachvollziehbar sein, die Risiken für die Teilnehmenden müssen vertretbar bleiben, und die Rechte, die Sicherheit und die Würde der beteiligten Personen müssen umfassend geschützt werden.

Zusätzlich zu den bestehenden Aufgaben kommen immer größere Herausforderungen auf uns zu: EU-Verordnungen und Harmonisierung im europäischen Kontext, Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI), komplexere Fragestellungen und Studiendesigns und schließlich die Digitalisierung stets unter Wahrung von Patientensicherheit und Patientenwohl.

Medizin und Ethik gehen für Sie seit Jahrzehnten Hand in Hand. Wo sehen Sie heute die größten ethischen Herausforderungen in der modernen Medizin – etwa im Bereich Künstliche Intelligenz, Sterbehilfe oder Genforschung?
Mit KI, Sterbehilfe und Genforschung haben Sie drei ganz vulnerable Gebiete der Medizin angesprochen. So unterschiedlich diese Bereiche im Inhalt auch sind, so haben sie doch eine ethische Grundstruktur: Darf die Medizin alles, was sie kann? Was ist notwendig und wo werden Grenzen überschritten? Es ist die Verantwortung der Medizin, aber der ganzen Gesellschaft, mit Augenmaß und Vernunft die weiteren Entwicklungen gerade in diesen Bereichen immer unter dem Schirm der universellen Prinzipien der Medizinethik zu beurteilen: Menschenwürde, Gutes tun, Nichtschaden, Autonomie, Gerechtigkeit. 

Sie sind ein Mensch, der immer wieder Brücken gebaut hat – zwischen Kulturen, zwischen Medizin und Philosophie. Welche Brücke möchten Sie als Vorsitzender der Ethikkommission bauen?
Um die schöne Metapher des Brückenbauens zu bemühen, möchte ich mit ganzer Kraft und Überzeugung mich dafür einsetzen, stabile und nachhaltige Brücken zwischen der Medizin als Wissenschaft und der Ethik als moralischer Kompass zu bauen. Nur dann kann es gelingen, einerseits gute medizinische Forschung zu fördern und andererseits die hohen Güter der unveräußerlichen Menschenwürde und des Patientenwohls zu wahren. Genauso wichtig und vermutlich notwendiger denn je ist es, durch Transparenz, Kommunikation und strikte Einhaltung wissenschaftlicher und ethischer Standards eine Brücke des Vertrauens zwischen medizinischer Forschung und der Öffentlichkeit zu bauen. 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Oduncu. Wir wünschen Ihnen und der Ethikkommission eine erfolgreiche und wegweisende Amtsperiode.
Ich danke Ihnen für Ihr Interesse.

Text: Sabina Riegger · Foto: privat

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