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Heimliche Residenzen

„O es ist nothwenig sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann“, schrieb der 24-jährige König Ludwig II. bereits fünf Jahre nach seiner Thronbesteigung an seine ehemalige Erzieherin Sybilla Meilhaus.

Das Erschaffen solcher Zufluchtsorte führte Ludwig zur Perfektion. Er erschuf die Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee, die bis heute weit über die Grenzen Bayerns bekannt sind. Jedoch entstanden nicht nur Schlösser auf Geheiß des Königs. All seine Bauten thematisieren eine gewisse Geschichte, Epoche oder Familie. Schloss Neuschwanstein – die „Gralsburg“, die das Rittertum und dessen Sagenwelt behandelt, Schloss Linderhof – die Huldigung der Bourbonenkönige und Schloss Herrenchiemsee – die fast exakte Kopie des prächtigen französischen Schlosses Versailles.

Die Leidenschaft für das Bauen von Rückzugsorten beginnt allerdings nicht erst als Ludwig ein älterer Mann ist, der Plan für Neuschwanstein reift in ihm bereits im Alter von zwanzig Jahren. Diese Schlösser, egal ob für jedermann zu sehen oder verborgen, erfüllen jedoch keinen repräsentativen oder staatsmännischen Zweck, wie beispielsweise die Münchner Residenz oder Schloss Nymphenburg. Sie sollten seine privaten Refugien werden. Für ihn ganz allein. Niemand durfte sie ohne die Einladung des Königs betreten. Es waren die politischen Schwierigkeiten wie Kriege, in die er hineingezogen wurde, obwohl er sie nicht führen wollte, die ihn im Laufe seines Lebens immer mehr in die Abgeschiedenheit dieser Rückzugsorte trieben.

Einen der ersten Zufluchtsorte ließ er, direkt vor aller Augen und doch verborgen, auf dem Dach der Münchener Residenz entstehen. Ein Wintergarten, der seines Gleichen suchte. Denn mit den Wintergärten, die wir heute kennen, hatte dieser rein gar nichts zu tun. Der komplette westliche Teil des Festsaalbaus der Münchner Residenz wurde mit einer freitragenden Eisen-Glas-Konstruktion überspannt. In ihrer Länge maß sie ca. 80 Meter in ihrer Breite ca. 17 Meter. Der so entstandene Raum wurde nach den Vorstellungen des Königs wie ein natürlicher Garten gestaltet. In der Mitte befand sich ein See: 20 Meter lang, 12 Meter breit. Aufgrund der Tiefe von ca. 1,5 Metern hätte man darin mühelos schwimmen können. Ein kleiner Bach schlängelte sich durch das gesamte Areal. Vorbei an einer großen Wiese, einer Felswand mit Wasserfall und Grotte, einem maurischen Kiosk, einer Fischerhütte aus geflochtenem Binsenrohr, einem großen Zelt aus blauer Seide und einem Laubengang. Die Pflanzenpracht des Wintergartens beschränkte sich nicht nur auf das Gras der Wiese. Große Dattelpalmen und Bananenstauden wuchsen gen Himmel. Hier konnte der König den Münchner Trubel und die Probleme der Realität einfach hinter sich lassen und sich in die Einsamkeit seines Dachgartens zurückziehen. Leider wurde Ludwigs Wintergarten nach seinem Tod zurückgebaut. Jedoch können Interessierte mittels einer Computeranimation, die im Museum der bayerischen Könige in Hohenschwangau zu sehen ist, den Wintergarten in seiner ganzen Pracht erleben. Dabei sollte es allerdings nicht bleiben. Weitere Rückzugs- und Zufluchtsorte versteckte er weit weg von den Menschen, tief im Wald.

Fernab der Straße durch den Ammerwald, auf einer Lichtung hinter einem ausgetrockneten Bachbett, zimmerten Bauarbeiter aus rohen, rauen Balken und Brettern eine einfache Behausung: Die Hundinghütte. War der König von der Geschichte einer Epoche, einer Oper oder einem Theaterstück fasziniert, wollte er tief darin eintauchen, diese Welt besuchen und sie sich vor Augen führen können, wann immer es ihm beliebte. So entstand die Hütte des Hunding aus der Wagneroper „Walküre“. Nach den Anweisungen des Komponisten für das Bühnenbild des ersten Akts errichtete man das Blockhaus in der Abgeschiedenheit. In der Mitte des großen Raumes, der von seinen Ausmaßen eher einem Saal glich, wuchs die Weltesche Yggdrasil aus dem Boden, durch das Dach hindurch, ihre Äste und Zweige überall ausstreckend. In Ermangelung einer Esche übernahm diese tragende Rolle eine Buche, die mit Eschenrinde verkleidet wurde. Um dieselbe herum lagen Bärenfelle auf dem kalten Steinboden. Die Wände waren mit Decken und grob gewobenen Stoffen behängt, über einer prasselnden Feuerstelle hing ein gusseiserner Topf, Hirschgeweihe und andere Trophäen schmückten die Wände. Hierher fuhr der König, wenn er sich gerade im Schloss Linderhof aufhielt, im Sommer wie im Winter. Dann setze er sich in den großen Saal auf eine Ruhebank und vertiefte sich in eine Lektüre.

Nur wenige hundert Meter von der Hundinghütte entfernt entstand das Hauptelement eines weiteren Bühnenbildes. Unterhalb von Kreuzspitze und Geierköpfe ließ der König die Einsiedelei des Gurrnemanz aus der Oper „Parsifal“ errichten. Eine kleine Hütte aus rohen Baumstämmen, mit Rindendach und einem Glockenturm. Dieses für Ludwig wichtige Gebäude, an dem am Karfreitag der Ritter Parsifal auf den Gralsritter Gurrnemanz trifft, wird für den streng gläubigen König ein Ort der religiösen Einkehr. Nach jedem Aufenthalt in der Hundinghütte begibt er sich vor der Abfahrt erst in die Gurrnemanz-Klause, um dort im stillen Gebet zu versinken. Es sollte nicht bei Einsiedelei und Hundinghütte bleiben. Unterhalb der Stockalpe ließ der König sein eigenes originales Stück aus dem Orient errichten. Das Marokkanische Haus, das er auf der Pariser Weltausstellung gekauft hatte, wurde an diesem Ort im Ammerwald aufgestellt. Hier hätte wohl niemand ein orientalisches Gebäude vermutet. Das Haus erfreute den König sehr, jedoch wurde es nach der Aufstellung erst einmal nach seinen Vorstellungen verändert. Man strich es in kräftigem Rot und Gelb, da Ludwig die originalen Farben als zu blass empfand. Die vorhandenen Fenster wurden durch farbige Glasfenster ersetzt. Für die Inneneinrichtung wurden Räucherschalen, Tischchen, Spiegel, Leuchter, zwei Elefanten aus Bronze, eine Matte aus Ostindien und Teppiche aus Persien gekauft. Aus einem neuen Brunnen in der Mitte des Raumes plätscherte Wasser. Mit dem Marokkohaus brachte der König einen Hauch Orient in das Voralpenland. Wenn sich Ludwig hier aufhielt, genoss er die Umgebung, rauchte und las in einem Buch.

Die Krönung seiner heimlichen Residenzen bildete wohl das Königshäuschen auf dem Schachen. Von außen ein reich verziertes Berghaus. Im Erdgeschoss geräumig mit Eingangsbereich, Schlaf-, Arbeits- und Nebenzimmer, alles aus feinstem Zedernholz gefertigt. Schlicht, aber durchaus eines Königs würdig. Geht man allerdings in den ersten Stock, erblickt man etwas vollkommen Unerwartetes. Ein das ganze Stockwerk umfassender Raum im türkischen Stil mit Ruhebänken ringsherum. Ein großer Springbrunnen, die Zimmerdecke übersäht mit goldenen Sternen, Divane in Blau und Gold, Räuchergefäße und Vasen mit Straußenfedern, Nargileh- und Tschibukpfeifen. Das durch Buntglasfenster hereinfallende Licht tauchte den Raum in eine besondere Stimmung. Im türkischen Saal kleideten sich Bedienstete in orientalische Kostüme, lagen auf den Ruhebänken, rauchten Wasserpfeife und unterhielten sich. Der König hingegen mischte sich nicht in die Szenerie. Er saß am Rand auf einer Bank, in ein Buch vertieft.

Mit zunehmendem Alter vermied Ludwig öffentliche Auftritte, bis er diese sogar völlig aufgab. Er zog sich immer mehr in die schützenden Mauern seiner heimlichen und abgeschiedenen Residenzen zurück. Auch wenn die bayerische Bevölkerung von Ludwigs Schlossbauten wusste, so waren die genauen Standorte von Hudinghütte, Einsiedelei oder Schachen weitestgehend unbekannt.

Am 13. Juni jährt sich der Todestag König Ludwigs II. zum 133. Mal.

Text: Vanessa Richter · Foto: Wikipedia

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