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Auf der Walz

12 Gesellen bekommen Schlafplatz im Gästehaus St. Ulrich

Sie fallen auf, die jungen Männer und manchmal auch Frauen, angezogen in schwarzer Cordhose mit Schlag, Weste und Jackett, darunter ein kragenloses weißes Hemd. Mit einem Schlapphut, Zylinder oder Melone auf dem Kopf, einem Wanderstock in der Hand, der als Stenz bezeichnet wird und meistens aus gedrehtem oder geschwungenem Holz besteht, sind sie unterwegs. Das wenige an Hab und Gut, das sie dabeihaben, tragen sie im Charlottenburger, einem Stofftuch, mit sich. Es sind Gesellen und Gesellinnen, die auf der Walz sind, sozusagen auf Wanderschaft, um Land und Leute kennenzulernen und ihren Beruf nach Möglichkeit zu perfektionieren beziehungsweise Neues dazuzulernen.

Mit nur fünf Euro in der Tasche ziehen sie los, mit fünf Euro kehren sie zurück. Dabei gilt es strikte Regeln zu befolgen. Kein Handy, kein Internet, kein Auto. Die Gesellen arbeiten, um zu reisen und reisen, um zu arbeiten. Schätzungen zufolge sind es rund 700 Gesellen, die so durch die Gegend, durch fremde Länder und in anderen Kontinenten unterwegs sind. Meistens sind sie zu zweit oder allein unterwegs. In Füssen waren erst vor kurzem gleich zwölf Gesellen auf der Walz. Ein Anblick, den es so nicht oft gibt.

Der Grund ihrer Zusammenkunft war die Verabschiedung von Mark, einem Zimmermanngesellen, der aus Apfeldorf bei Schongau kommt und nun nach drei Jahren Wanderschaft heimkehrt. Er war unter anderem in Rumänien, Portugal und in der Schweiz unterwegs. Erlaubt ist es den Gesellen, maximal drei Monate an einem Ort zu bleiben. Unterwegs lernte Mark viele Gleichgesinnte kennen. Zu den elf, die ihn nun auf seinen letzten Tagen nochmals begleiteten, zählten Jan-Niklas, Lukas, Jakob, Leon und Finn. Sie stammen aus der Gegend um Heidenheim, aus Minden, aus einem Ort in Niedersachsen und sogar von der Insel Norderney.

Schöne Begegnungen prägen die Walz. Und lustige Zufälle. „Ich habe in Nürnberg meine ehemalige Nachbarin aus Hannover getroffen, mitten in der Nacht. Da denkt man sich: Die Welt ist klein“, erzählt Leon. Monatlich finden in ganz Deutschland und der Schweiz verteilt Stammtische statt. Dort wird darüber gesprochen, wer kam, wer ging und wer nach Hause zurückkehren wird. Nur so war es Marks Freunden möglich zu erfahren, dass seine Wanderschaft nun zu Ende geht.

Um sich auf die Walz zu begeben, müssen die Gesellen einiges erfüllen: Sie dürfen kein Haus, keine Ehefrau, keine Kinder, keine Vorstrafen haben und nicht über 30  Jahre alt sein. Die Gesellen dürfen weder für die Fortbewegung noch für die Unterkunft Geld ausgeben. Sie trampen, gehen zu Fuß und sind immer auf den guten Willen der Mitmenschen angewiesen. Grundsätzlich können die Gesellen hingehen, wo sie wollen. Einzige Ausnahme ist der Heimatort. Reisen dorthin sind nur in Ausnahmefällen wie schwerer Krankheit oder bei einem Todesfall erlaubt.

Wer sich für die Walz entscheidet, entscheidet sich nicht nur für Abenteuer und für Menschen, sondern auch für eine Fortbildungsreise. Sobald die Gesellen in einer Ortschaft ankommen, melden sie sich normalerweise im Rathaus an. Bei den zwölf Wandergesellen war es die Tourist Information, wo sie nach einem möglichen Schlafplatz fragten. Nach einem Telefonat vermittelte sie die jungen Männer zu Anton Steiner.

Steiner ist nicht nur selbst gelernter Schreiner, er leitet zudem das Gästehaus St. Ulrich im Faulenbacher Tal. Genügend Betten waren nicht frei, aber ein Seminarraum, in dem er die jungen Männer einquartierte. Ein Frühstück kam noch on top dazu. Ihre Reaktion zeigte Steiner, dass das keine Selbstverständlichkeit für sie ist. Einen oder zwei Gesellen kann man schon mal aufnehmen, aber gleich zwölf ist mehr als ungewöhnlich.

Für den Hotelier war das eine Selbstverständlichkeit. „Wir sind ein christliches Haus und hatten die Möglichkeit, alle bei uns aufzunehmen.“ Steiner, der vor einigen Jahren einen Kolpingverein gründete, lebt den Gedanken von Adolph Kolping, der die Gesellenvereine gründete, um die damals menschenunwürdigen Lebensbedingungen und Lebensweisen der meisten Handwerksgesellen zu verbessern.

Ob Steiner wieder Wandergesellen aufnehmen würde? „Natürlich. Wenn wir Platz haben, ist das kein Problem.“  Bevor Mark gen Heimat und einige in Richtung Ammersee weiterzogen, sagten sie gemeinsam einen Spruch auf, den nur Gesellen auf der Walz kennen. Eine Art Segen für das Haus und alle, die darin ein- und ausgehen. Was für Mark nun kommt, darüber macht er sich keine Sorgen: „Die Arbeit liegt auf der Straße.“ In Kontakt wollen die Gesellen auf jeden Fall bleiben. 

Text · Foto: Sabina Riegger 

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