BrauchtumLeben

Am Hexensonntag ist Scheibenschlagen

Lebendiger Brauch in Pinswang

So genau weiß man nicht, wann das Scheibenschießen und die Hexverbrennung ihren Ursprung hatten – aber eigentlich ist das auch egal. Wichtig ist es für die Pinswanger Buben, dass sie dabei sind, mit ihren Scheiben und den Haselnussstöcken. Aufregung ist immer dabei, besonders dann wenn es am Hexensonntag los geht. Scheibenschießen in Pinswang ist ein Brauchtum, an dem alle Bewohner des Ortes teilnehmen. Man ist immer wieder aufs Neue gespannt, wer die Scheiben am weitesten schießt. Dass viele Zuschauer aus den benachbarten Ortschaften auch dem mystischen Brauch beiwohnen, dessen Ursprung unbekannt ist, stört die Pinswanger nicht. Ganz im Gegenteil – jeder ist herzlich willkommen.

Ganz früher, es war in den frühen 50er Jahren, hatte Pinswang ein Alleinstellungsmerkmal. Nirgendwo im streng katholischen Ausserfern, noch im benachbarten Allgäu, war es in der Fastenzeit erlaubt, Musik zu machen, geschweigedenn zu tanzen. Trotz des Verbotes bekam Pinswang als einziges Dorf von der Diözese die Erlaubnis für Musik und Tanz am Hexensonntag. „Da sind sie alle aus Füssen und Umgebung gekommen um zu tanzen. Walzer, Twist … heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen“, erinnert sich der Kirchenmesner. Auch er war mal Hauptmann, so nannte man den ältesten Schulbuben im Dorf. Von der ersten bis zur achten Klasse Volksschule werden die jungen Pinswanger „Scheibenbuben“ genannt. Sie haben gemeinsam mit dem Hauptmann Sorge zu tragen, dass das Holz für den Scheiterhaufen gesammelt wird und die Hexe in Lumpen angezogen ist. Sie muss streng bewacht werden, damit sie die Dorfjugend nicht stiehlt – das wäre nämlich keine gute Sache. „Dann wird man richtig nervös“, erzählt der Dorfchronist Gebhard Haller. Fabian Kaiser, Paul Müller und Andre Zaminer sind die Hauptmänner in Unterpinswang. Sie organisieren das diesjährige Scheibenschießen und Hexverbrennen. In Oberpinswang ist Tobias Ginther der Hauptmann. Sowohl Ober- als auch Unterpinswang haben einen sogenannten Scheibenbichl, auf dem der Scheiterhaufen aufgebaut wird und die Hexe verbrannt wird. Der Weg dorthin wird Scheibenweg genannt, der im Winter geräumt werden muss, damit man mit den Dörflern, den Besuchern und vor allem mit der Hexe, die auf einem Holzkreuz gehalten wird, mühelos zum Bichl laufen kann. Aus Stroh und alten Lumpen wird die Hexe angefertigt, dazu bekommt sie einen Regenschirm, einen Korb und eine lange Wurst angenäht.

„Sie bekommt a Gwand um das ned schad ist“, erklärt Gebhard Haller. Die Hexe in Unterpinswang wird seit einigen Jahren von Ulrike Rainer, Gertraud Hosp und Sabine Triendl gemacht. In Oberpinswang dagegen wird die Hexe am „lumpigen Donnerstag“ von der Mutter des amtierenden Hauptmannes angefertigt – eine Arbeit, die mit viel Spaß und guter Laune verbunden ist. Am Hexensonntag, im Allgäu auch Funkensonntag genannt, ist es dann endlich soweit, und Jung und Alt treffen sich kurz vor dem Betläuten um 18 Uhr am Aufstellungsplatz. Erst wenn die Glocke vier Mal geschlagen hat, setzt sich der Zug fröhlich und lautstark in Bewegung mit dem Spruch: „Vivat hoch, d‘Hex hat Durscht, will a lange, lange Wurscht“. Woher der Spruch kommt und was er bedeutet, das weiß auch der Dorfchronist nicht. „Der Spruch ist eine mündliche Überlieferung und wird uns immer ein Rätsel bleiben“, erzählt Gebhard Haller. Bevor es zum Scheibenbichl geht, kehren die Kinder noch ins Gastlokal ein. In Unterpinswang ist es der „Gasthof zum Schluxen“. Dort werden die Kinder mit Funkenkiachl und Glühwein versorgt. Auf dem Scheibenbichl angekommen, wird die Hexe durch den Hauptmann auf dem Scheiterhaufen aufgestellt und der Scheiterhaufen angezündet. Viele kleine Funken fliegen durch die Dunkelheit, und jeder schaut wie gebannt auf das Feuer. Nach einer Zeit werden die Scheiben auf die langen Stöcke gesteckt, im lodernden Feuer angeglüht und schwungvoll in die Nacht geschleudert. Nach dem Scheibenschießen kehrt man dann noch ein auf „Hexenkost“ und lässt den bezaubernden Abend ausklingen.

Dieses Jahr fällt der Hexensonntag auf den 18. Februar. Wer bei dem Brauch dabei sein möchte, sollte kurz vor
18 Uhr in Pinswang sein.

Text: Sabina Riegger · Bilder: Hubert Riegger

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