Essen & TrinkenLeben

Die Edelkastanien – Maroni (Castanea sativa)

Vom „Brot der armen Leute“ zur Delikatesse für Feinschmecker

In dem Buch „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler fragt sie an einem klirrendkalten Tag den Mann, der mit einem eisernen Ofen auf dem Marktplatz steht, was er denn da mache. „Ich brate Maroni“ antwortet er ihr. Zum Dank dafür, dass er ihr welche schenkt, kuriert ihn die kleine Hexe für alle Zeit von seinem Schnupfen. Wir kennen ihn natürlich alle, den „Maronimann“ bzw. die -frau, die zur Herbst- und Winterzeit auf Märkten oder Plätzen zu finden ist und uns die braunschaligen Früchte in kleine Papiertüten packten. Diese Tradition geht übrigens auf das 18. Jahrhundert zurück, als Kaiserin Maria Theresia erlaubte, dass Wanderhändler die Maroni ihrer Heimat verkaufen durften. Die Beliebtheit hält bis heute an, wenn die durch das Rösten in der Frucht enthaltene Stärke in den chemischen Prozess der Verzuckerung überführt wird – rasch die Schale entfernt und schon hat man süßliche, kleine Häppchen, weich, warm und schmackhaft!

Die Edelkastanie, die zu den Buchengewächsen gehört, war wohl ursprünglich in Kleinasien beheimatet und gelangte ca. im 5. Jahrhundert nach Griechenland, bevor sie im ganzen Mittelmeerraum Verbreitung fand. Mit den Römern kam sie dann über die Alpen und so u.a. auch zu uns. Im 11.-13. Jahrhundert wurde sie immer mehr zum Grundnahrungsmittel, war zu Mehl vermahlen eine gute Kohlenhydratquelle, besonders im Winter und in Gebieten, in denen kein Getreide angebaut werden konnte. Daher der Name „Brot der armen Leute“. In manchen Gebieten war sie praktisch die einzige Nahrung. 1-2 Bäume wurden je nach Region für die ganzjährige Ernährung einer erwachsenen Person veranschlagt. Auch für die Schweinemast wurde die Edelkastanie gerne verwendet.

Erst in unserer Zeit wird sie als Delikatesse angesehen und vielfältig in der Küche eingesetzt.

Übrigens: es ist ein Edelkastanienbaum, der als der älteste und größte Baum Europas gilt – der „Kastanienbaum der 100 Pferde“ am Osthang des Vulkans Ätna. Sein Lebensalter wird auf 2.000-4.000 Jahre geschätzt und sein Stammumfang, bevor er sich in 3 Teilstämme aufteilte, betrug knapp 58 Meter!
Es lohnt sich wirklich, die Maroni nicht nur im Winter geröstet zu genießen. Edelkastanienmehl und vorgekochte, vakuumierte oder auch getrocknete Maroni sind das ganze Jahr verfügbar. Viele gute Gründe sprechen dafür, das wusste schon die Heilige Hildegard von Bingen, die uns hierzu viele Ratschläge gibt: Sie mag zwar klein sein, aber die Edelkastanie enthält jede Menge Nährstoffe, u.a. verfügt sie über einen hohen Kalium- und Magnesiumgehalt sowie Vitamin C und E sowie Vitamine aus der B-Familie. Bemerkenswert: in einer Tüte gebratene Maroni, so wie auf dem Weihnachtsmarkt gekauft, steckt der Wert eines 5-gängigen Menüs an Nährstoffen! Aber natürlich, wenn 1 Tüte eine Mahlzeit ersetzt, sollte man sie eher statt als zusätzlich hierzu essen! Besonders abends sind sie zu empfehlen, gerade, wenn man zur Nacht auf viele Speisen Magendrücken bekommt und dadurch schlecht einschläft. Eine gute Möglichkeit, da sie so leicht verdaulich sind.

Kaum zu glauben, aber Maroni sind eine gute Knabberei für Figurbewußte! Sie enthalten zwar 40% Kohlenhydrate und 210 kcal/100g, aber haben dafür nur 2% Fett im Vergleich zu Walnüssen mit 70%. Außerdem stärken sie die Milz und wärmen den Körper. Laut Hildegard von Bingen: “Wer aber Schmerzen in der Milz leidet, brate diese Kerne etwas am Feuer, esse sie oft mäßig warm und die Milz wird warm und bestrebt sich völliger Gesundheit.” In der Hildegard-Medizin stehen Milz und Herz über den Stoffwechsel in Zusammenhang und so ist die Edelkastanie auch ein gutes Mittel zur Herzstärkung. Eine ganz große Rolle spielt bei Hildegard die Marone in der Leber-Regeneration: zur Verbesserung schlechter Werte wird ein Honig aus 25 Teilen Maronimehl und 75 Teilen Honig gemischt und 2-3 x täglich 1-2 EL eingenommen, das mindestens ein Monat lang. Die Kur kann beliebig oft wiederholt werden.

Maroni sind ein guter Sattmacher: durch ihren Kohlenhydrat- u. Stärkegehalt sättigen sie gut und nachhaltig. Gerade deshalb wurde sie eben in früheren Zeiten als Getreideersatz verwendet, z.B. zur Herstellung von Gebäck und Kuchen oder zu einem Polenta-artigen Brei verarbeitet. Gekochte Maroni sind auch für Diabetiker geeignet, da die Stärke hierin langsam verstoffwechselt wird, es gibt keine “Insulin-Spitzen”. Ihren typischen Geschmack erhalten die Edelkastanien allerdings durch braten oder rösten, hier wird ein Teil der Stärke in Zucker umgewandelt – nun werden sie so typisch sahnig. Sehr gut verträglich sind sie auch für Allergiker, denn sie sind glutenfrei. Weizenallergiker u. an Zöliakie erkrankte können Maronimehl gut verwenden. Außerdem gehören sie zu den basischen Lebensmitteln und helfen, einer Übersäuerung des Körpers entgegen zu wirken – gut z.B. auch für Rheumapatienten.

Maroni als “Schokoladenersatz”: nicht nur gesünder und kalorienärmer enthalten sie die Aminosäure Tryptophan, einen Baustein des “Glückshormons” Serotonin, das uns zufrieden und ausgeglichen macht und einen guten Schlaf ermöglicht. Das wiederum bringt die Endorphine auf Vordermann, wirkt schmerzlindernd und beruhigend. Sie stärken durch die enthaltenen B-Vitamine und Phosphor die Nerven – gut bei geistiger und körperlicher Erschöpfung. Ideal z.B. auch vor Prüfungen.
Edelkastanien bauen nach Krankheiten den Körper wieder richtig auf. Ideal nach Operationen, nach streßreichen Tagen und bei Blutarmut.

Durch das vorhandene Kalium können sie auch unterstützend bei Herz-Kreislauferkrankungen und zu hohem Blutdruck wirken. Sehr bewährt hat sich auch der sog. “Maronibrei” der Hildegard von Bingen bei Magenschmerzen, – geschwüren und Gastritis. “Wer Magenschmerzen hat, koche die Kerne der Frucht stark in Wasser und zerquetsche sie in diesem Wasser zu Brei. Dann mische er in einer Schüssel etwas Feinmehl mit Wasser und füge zu diesem Teig eine Mischung aus Süßholzpulver und etwas weniger Engelsüßpulver. (…) Das soll er essen, und es reinigt seinen Magen und macht ihn warm und kräftig.” Statt pürierter Kastanien kann auch das Mehl verwendet werden. In der Hildegard-Medizin werden außerdem das Edelkastanienholz als äußerliches Stärkungsmittel und ein Saunaaufguß aus Blättern und den stachligen Schalenhülsen gegen Rheuma und den dadurch verbundenen Zorn empfohlen.

Nicht zu vergessen: der Honig aus den Blüten, der sowohl in flüssiger als auch in cremiger Form angeboten wird. Er ist der mit Abstand aromatischste deutsche Honig. Oft kommt er auch aus Südtirol. Sein Geschmack ist kräftig-herb mit leicht bittersüßer Note und erinnert an den Geruch der blühenden Bäume. Er eignet sich weniger zum Süßen, eher zum Würzen und Verfeinern und paßt hervorragend zu kräftigem Vollkornbrot, Käse, Früchten u. Nüssen.

Wie vielseitig Maroni zu verarbeiten sind, würden Sie sicher gar nicht denken: kulinarisch gesehen sind sie viel mehr als nur ein schneller Imbiss – von der Suppe bis zum Nachtisch gibt es unendliche Variationen, da bleibt kein Wunsch offen!

Darum hier einige schöne Rezepte:

Kastaniensuppe mit Hühnerbrühe:
3 Tassen vorgekochte Edelkastanien, 1 EL Öl, 4 Tassen Hühnerbrühe, ½ TL Salz, 1 Prise Pfeffer, etwas Galgantpulver, Bertram, 2 Tassen Sahne.
Die Kastanien durch ein grobes Sieb reiben und in die Brühe geben. Salz, Pfeffer, Galgant, Bertram und Sahne dazugeben und aufkochen – servieren.

Geschmorte Kastanien:
Vorgekochte Kastanien, etwas Sellerie, Fleischbrühe, Salz, Galgant oder Pfeffer.
Würfelig geschnittenen Sellerie in wenig Fleischbrühe weichkochen, Kastanien dazugeben und nochmals gut erhitzen. Salz, Galgant oder Pfeffer hinzugeben. Als Beilage mit Fond (abgeseihte Kochflüssigkeit) servieren.

Hähnchen-Kastanien-Salat:
1 Tasse gekochtes, zerkleinertes Hähnchenfleisch, ½ Tasse gekochte, zerkleinerte Edelkastanien, 1 Tasse zerkleinerten Sellerie, 2 hartgekochte Eigelb (zerdrückt), ½ Tasse Ananas, ½ Tasse Mayonnaise oder Salatsauce. Die Zutaten zu einem Salat zusammenmengen.

Auch als Spätzle oder Pfannkuchen sind Maroni in “Mehl-Form” eine sehr schöne Alternative für Allergiker!

Mit den besten Wünschen für eine stimmungsvolle Herbst- und Winterzeit.

Ihre Apothekerin Simone Wagner

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