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Vom Allgäu nach New York

Rebecca Riemann: „Es war alles ganz anders geplant

Als Rebecca Riemann zum ersten Mal nach New York reiste, war das 2008. Damals wollte sie in Amerika Urlaub machen, abschalten und sich von der vielen Arbeit in der Gastronomie erholen. New York war wirklich faszinierend für die junge Frau. Und dass sie später sogar dort leben würde, daran dachte die heute 29-jährige Füssenerin damals nicht.Heute ist Rebecca Riemann verheiratet, hat eine kleine Tochter und ist rundum zufrieden. Alles verlief damals anders, als geplant- Aus dem ursprünglich zweiwöchigen Urlaub wurde zwei  Monate später eine Au-Pair-Stelle. Also flog sie wieder nach New York zurück und blieb diesmal aber für ein ganzes Jahr. In dieser Zeit lernte sie auch ihren Mann Chris kennen, einen Peruaner, der als Industrieingenieur in New York arbeitete. Als sie nach dem Au-Pair-Aufenthalt wieder nach Füssen zurück kam, vergingen eineinhalb Jahre, bis sie ihren Chris wiedersehen konnte. Aber dieses Mal nicht in New York sondern in Kanada, wo die Beiden dann auch spontan heirateten.

Das hört sich alles sehr abenteuerlich   an. War es das auch?
Kann man wohl sagen. Ich habe Chris eineinhalb Jahre nicht gesehen und ich war so gespannt auf alles was kommen würde. Als ich ihm gegenüber stand war für mich klar: ja, wir heiraten! An unseren Gefühlen hatte sich nichts geändert.

Eine Liebesgeschichte, wie sie im Buche steht.
Für mich ist es auf jeden Fall so!

Warum haben Sie in Kanada geheiratet?
Weil die Einreisebestimmungen für Amerika so kompliziert sind, sind wir den Weg über Kanada gegangen.

Dann haben Sie also ohne Familie geheiratet?
Ja, ganz unspektakulär. Für meine Mutter war das ganz schlimm. Früher dachte ich immer, man muss nicht heiraten, wenn man sich liebt – Aber es ist doch etwas ganz Besonderes. Ich finde es ist ein sehr schönes Gefühl!

Sie haben aber dennoch den Namen Ihres Mannes nicht angenommen?
Ja, das stimmt. Der Name ändert ja auch nichts an meiner Person oder am verheiratet sein.

FA_06_14_riemann02Wie würden Sie New York beschreiben?
New York ist anstrengend aufregend.
Ich habe den Eindruck, dass man hier einfach tougher sein muss, wenn man nicht untergehen will. New York ist sehr schön, kann aber auch laut und schmutzig sein. Als typische New Yorkerin würde ich mich aber nicht unbedingt bezeichnen, denn es gibt auch ein anderes New York…

Welches?
Durch mein Kind habe ich viele neue Leute kennengelernt – sie sind ein wenig alternativ. Das „andere“ New York das ich kenne ist grün, hat Wälder und Wiesen. Es gibt eigentlich alles dort.

Es heißt, New York schläft nicht?
Oh ja! Als ich das erste Mal wieder zu Hause in Füssen war, bin ich um halb neun eine kleine Runde durch Füssen gelaufen und dachte mir „Oh Gott wie ruhig es hier ist“- Das war so ungewohnt für mich.

Ist es schwierig als Ausländer in New York zu leben?
Nein, gar nicht, man fällt dort überhaupt nicht auf. Es gibt sehr viele Gemeinschaften von Deutschen, Mexikanern oder Asiaten. Es ist alles sehr bunt gemischt, sehr aufregend.

Haben Sie sich Ihr Leben einmal so vorgestellt?
Nein, nicht wirklich. Weil ich mir früher keine konkreten Vorstellungen darüber gemacht habe. Nach der Hochzeit sowieso nicht. Sofia hat unseren Plan ein bisschen durcheinander gebracht. Wir haben gedacht, wir werden uns erst einmal ein Nest bauen und danach würde unser Kind kommen. Durch Sofia hat sich für mich eigentlich alles verändert. Als ich merkte, dass ich schwanger war, war meine erste Reaktion: „ich fliege nach Hause“.

Gleich so schlimm?
Nicht weil ich schwanger war, sondern weil ich abartige Vorstellungen von den Krankenhäusern in Amerika hatte. Außerdem wollte ich meine Mutter in meiner Nähe haben. Nach einer Weile habe ich mich wieder eingekriegt und über Alternativen nachgedacht. Heraus kam, dass ich  eine Hausgeburt wollte. Davon musste ich meinen Mann erst überzeugen.

Haben Sie ihn überzeugen können?
Es war die Hebamme, die ihn überzeugen konnte. Er wollte Zahlen und Statistiken darüber. Als er die bekam, war er beruhigt und unserer Hausgeburt stand nichts mehr im Wege. Von da an hat sich vieles beruhigt und ich war die ganze Schwangerschaft über relativ entspannt.

Ich kann mir vorstellen, dass eine Hausgeburt in Amerika nicht unbedingt etwas ganz alltägliches ist. In Deutschland ist es das auch nicht. Warum haben Sie sich dennoch für eine Hausgeburt entschlossen?
Schwanger sein und ins Krankenhaus gehen – das ist für mich ein Widerspruch. Ins Krankenhaus geht man, wenn man krank ist. Außerdem kenne ich es nicht anders. Meine Mutter hat fünf Hausgeburten gehabt. Durch meine Eltern habe ich gelernt alternativer zu denken.

Was heißt das genau?
Über den Tellerrand zu schauen, zu hinterfragen und nach dem Sinn zu suchen. Ich denke, meine Eltern haben mir gut beigebracht nicht immer zu allem Ja und Amen zu sagen. Natürlich kann das auch sehr anstrengend sein. Und um ehrlich zu sein, kann das einen aber auch Charakterlich stärker machen und bereichern. Für meinen Mann war die Geburt auch ein tolles Erlebnis. Er hätte nie gedacht, sein Kind als erstes in den Händen halten zu dürfen.

Leben Sie mitten in New York oder außerhalb?
Wir leben in der Bronx, für uns Allgäuer ist es eine Stadt, nur ruhiger. Bis nach Manhatten fährt man mit der U-Bahn etwa eine Stunde.

Ist die Bronx nicht gefährlich?
Sagen wir mal so, man bekommt gleich ein anderes Sicherheit-Bewusstsein. Das heißt, man geht nicht einfach so um halb zehn alleine durch den Central Park oder in die U-Bahn. Es gibt hier richtig verrückte Leute. Die Bronx hat  aber auch schöne, ruhige Wohngegenden. In so einer leben wir auch.

New York gilt als sehr teuer, insbesondere die Mieten.
Ja, die Stadt ist sehr, sehr teuer. Die Mieten, eigentlich alles hier. Die Wohnungen sind sehr klein. Große Wohnungen sind Luxus und demnach sehr teuer.

Wie groß ist Ihre Wohnung?
Unsere Wohnung ist relativ groß, über 100 Quadratmeter, obwohl es nur zwei Zimmer sind – aber sehr gemütlich.

Dann haben Sie ja richtig Glück!
Ja, die Wohnung wird vom Arbeitgeber meines Mannes gestellt. Ich hoffe, dass wir später einen guten Kindergarten und eine Schule für Sofia finden. Staatliche Schulen sind hier schrecklich. Sie sehen von außen aus wie Gefängnisse, und sind auch vom Lehrstoff her schlecht. Und wenn man sein Kind auf eine gute Schule schicken will, dann muss man etwa 20.000 Dollar im Jahr bezahlen.

Familie und New York muss sich also nicht widersprechen?
Nein, nicht unbedingt. Wie gesagt, man muss Ellenbogen haben, im Geschäftsleben stark sein, sich behaupten können und man sollte wissen, was man will. Ein vitales  Leben ist hier allerdings noch immer ein Fremdwort. Die Körperdimensionen sind schockierend. Vielleicht bin ich aber auch zu  körperbewusst und achte auf die Ernährung. Kochen ist hier etwas abstraktes, weil man einfach ein zu großes Angebot an Fertigprodukten hat, die voll von Zusatzstoffen sind. Ungesund zu essen wird den Leuten hier leicht und billig gemacht, sodass man sich nicht wirklich damit beschäftigt, was man letztendlich konsumiert.

Sie kochen also selber, oder?
Natürlich, zwei Mal am Tag! Wenn ich Heimweh habe, dann gibt es Pfannkuchen oder Kartoffelsuppe, so wie es meine Oma gemacht hat. Teilweise koche ich auch peruanisch, das hat mir Chris’ Mama beigebracht.

Würden Sie lieber wieder in Füssen leben?
Das ist eine schwierige Frage und ich kann es gar nicht genau sagen. Ich finde jede Erfahrung, die man macht, ob positiv oder negativ, ist eine gute Erfahrung, weil sie im Endeffekt etwas wert ist. Natürlich hoffe ich mit meiner Familie irgendwann wieder zurückzukommen . Aber ich finde es schön hier in New York.Wir haben gute Freunde gefunden und fühlen uns einfach wohl in Amerika.

Das Interview führte Sabina Riegger
Bilder: Rebecca Riemann

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