Menschen

Wenn der Berg ruft, ist Klaus zur Stelle

Dem Himmel so nah…

Talstation Neunerköpfle, Tannheimer Tal. Ich habe eine Verabredung mit dem erfahrenen Bergwanderführer Klaus. Ein Wetter wie aus dem Bilderbuch, der Himmel strahlend blau und eine gigantische Fernsicht sind die optimale Voraussetzung für meine geplante Wanderung. Auf dem Weg zum Ticketcenter höre ich schon von Weitem eine markante Stimme und bin mir ziemlich sicher, dass es sich dabei nur um den Bergführer handeln kann. Noch ein paar Stufen hoch, sehe ich in ein lachendes Gesicht und weiß sofort, das ist er. Klaus Schneider, mein Bergführer.

Nach einer herzlichen Begrüßung fahren wir mit der Seilbahn auf 1756 m hoch zur Bergstation Neunerköpfle. Die zwölf Minuten Fahrzeit vergehen wie im Flug, weil mir Klaus bereits in der Gondel so viel Wissen über das  Tannheimer Tal vermittelt, dass ich Mühe habe, all die Informationen aufzunehmen. Oben angekommen, machen wir uns auf den 9erlebnisweg, ein interaktives Ausflugsziel für die ganze Familie rund um das Neunerköpfle.

Seit bereits neun Jahren steht der gelernte Maurer den Besuchern des Tannheimer Tals mindestens zweimal wöchentlich, völlig unentgeltlich Rede und Antwort. Er kennt seine Heimat wie kaum ein anderer. Bereits in jungen Jahren engagierte sich der staatlich geprüfte Skilehrer mit unermüdlichem Einsatz für die Menschen der Region und hatte als Leiter der Skischule 29 Jahre Verantwortung zahlreicher Events übernommen. Markus Wasmeier, Leonhard Stock und viele weitere namhafte Skirennläufer fuhren damals als junge Burschen bei seinen organisierten FIS-Rennen mit. Der Ausblick am heutigen Tag ist atemberaubend und wir sehen weit über Kempten hinaus. Wenn man Glück hat, sieht man sogar bis Ulm. „Jetzt Mädle schau amol“ sagt Klaus plötzlich zu mir, als wir um einen kleinen Vorsprung herum gehen. „Da drüben ist mein Lieblingsberg, das Gaishorn“, mit einer Höhe von 2247 m auch das Matterhorn der Tannheimer Alpen genannt. „Da oben ist es noch nicht so überlaufen und a bisserl ruhiger im Vergleich zu den anderen Gipfeln“.

Ein paar Schritte weiter blüht am Wegesrand der erste gelbe und blaue Eisenhut. „Als giftigste Blume der Alpen kann sie das menschliche Leben durchaus in tödliche Gefahr bringen“, erklärt er mir. Klaus beschreibt mir die verschiedenen interaktiven Stationen des Erlebnisweges. Mit einer unbeschreiblichen Leidenschaft zeigt er mir ganz nebenbei Pflanzenarten, wie sie im Tal oft nicht mehr zu finden sind. Fasziniert von seiner mitreißenden Art, mir die Vielfalt der Berg- und Pflanzenwelt näher zu bringen, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn sein Repertoire umfasst mittlerweile über 100 verschiedene Blumen- und Pflanzenarten, für dessen Erhaltung er sich ehrenamtlich als aktives  Bergwachtmitglied mit großem Engagement einsetzt.

Unterhalb des Gipfelkreuzes steht das größte Gästebuch der Alpen mit einer Höhe von drei Metern, in dem sich Wanderer verewigen können. Natürlich zeigt mir auch mein Bergführer seinen Spruch, den er auf die Tafel geschrieben hat. „Dem Himmel so nah, der Arbeit so fern – so hab ich’s gern“. Klaus empfindet seine geführten Berg- und Wandertouren nicht als Arbeit, es ist sein Leben. Sommer wie Winter gibt es so gut wie keinen Tag, an dem er nicht irgendwo in den Alpen zu finden ist. Vorwiegend natürlich auf seinem Hausberg, dem Neunerköpfle, wo er zahlreiche Besucher in seinen Bann zieht.

Nicht selten kommt es vor, dass er mit einer Gruppe von zehn Leuten seine Tour beginnt und sich am Ende 40 – 50 Menschen um ihn scharen, die er so nach und nach am Wegesrand durch seine herzliche Art animiert, mit ihm die Wanderung fortzusetzen. Währenddessen erklärt er fast schon spielerisch das gesamte Alpenpanorama mit allen umliegenden Gipfelnamen, sämtliche Almhütten mit ihren leckeren Spezialitäten und nicht zuletzt natürlich alle Alpenblumen, die den Weg kreuzen. Zu seinen persönlichen Favoriten zählen der Frauenschuh, die Türkenbundlilie und ganz klar das Edelweiß. Selbstverständlich muss auch der Enzian als typische Gebirgspflanze mit seinen 16 verschiedenen Arten erwähnt werden, wo er doch so manchen Wanderer in flüssiger Form zu einer kleinen Hüttenpause verführt.

Flotte Sprüche und ein unübertrefflich trockener Humor sind sein Markenzeichen, von dem ich mich an diesem Tag selbst überzeugen kann, als wir auf eine kleine Gruppe Touristen treffen, die ein sehr unwegsames Gelände hinabsteigen wollen. Obwohl ihnen mein Bergführer den richtigen Weg zeigt, schauen sie ihn sehr ungläubig an und wollen die Route trotz Abratens fortsetzen. Klaus schüttelt nur den Kopf und sagt ihnen in seiner witzig-charmanten Art:  „Dr‘ Heli hot heit koan Benzin mea und Bergrettung isch im Urlaub“.  Ich schmunzele in mich hinein, aber diese Worte haben sie dann wohl doch verstanden und drehen daraufhin um. Keiner ist ihm da oben auf dem Berg böse, auch wenn er manchmal an die Vernunft der Leute appellieren muss, denn Sicherheit geht nun mal vor.

Zum Abschluss unseres Ausflugs darf der Einkehrschwung nicht fehlen und wir genießen erneut die herrliche und reizvolle Aussicht auf der Terrasse einer Almhütte. Als ich noch etwas über Klaus Hobbys erfahren möchte, bin ich abermals erstaunt, als er aus seinem Rucksack einen modernen Tablet-PC hervorholt. Damit habe ich nicht gerechnet! Perfekt ausgestattet mit Handy, Pad und Visitenkarten habe ich mein gesamtes Büro immer auf dem Rücken mit dabei, lacht er verschmitzt. Jetzt weiß ich auch, was sein großes Hobby ist, als er mir stolz auf seinem transportablen PC wunderschöne Bilder alpiner Blumen zeigt, die er allesamt selbst fotografiert hat. Sowohl diese Fotos, aber auch lebende Blumen benötigt er immer wieder  für seine zahlreichen botanischen Vorträge, die er in Schulen und der Touristinformation regelmäßig abhält, wenn er nicht gerade in den Bergen unterwegs ist. Langeweile kennt der 69-jährige Bergführer nicht und sein größter Wunsch ist die Erhaltung seiner Gesundheit, damit er noch viele Jahre den Menschen dieses kostenlose Angebot der Erlebniswanderungen ermöglichen kann.

Danke für diesen unvergesslichen Tag und noch viele heitere Stunden im Tannheimer Tal.

Text: Tanja Hiebsch ·
Bilder: Wolfgang Moosbrugger

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