
Königliche Speisen
Opulente Feste und prunkvolle Festtafeln hat Schloss Hohenschwangau wohl nie gesehen. Sein erster königlicher Besitzer, König Maximilian II. von Bayern, galt als bescheiden und maßvoll – Eigenschaften, die er auch von den Mitgliedern seiner Familie erwartete. Neben den feinen, liebevoll in den Hofküchen zubereiteten und meist von der französischen Küche inspirierten Speisen liebten er und sein Sohn, der spätere König Ludwig II., auch ein Gericht, das Ludwig in seinen Kindertagen kennen lernte. Dessen Ursprung ist eng mit der Geschichte seiner Vorfahren verbunden, und seine wesentliche Zutat lässt sich durchaus als identitätsstiftend bezeichnen: die Kartoffel.
Ludwigs Mutter Marie verbrachte als Kind viele Sommer im Riesengebirge. Später machte sie ihre Kinder mit einem Gericht vertraut, das vor allem bei der einfachen Landbevölkerung Schlesiens bekannt war und dessen Verbreitung in Preußen ihr Urgroßonkel Friedrich der Große gefördert hatte. Noch heute wird ihm diese besondere Frucht aus Dankbarkeit auf sein Grab in Sanssouci gelegt. Nach der Ernte verbrannte man das Kartoffelkraut und ließ die Knollen in der Asche garen. Gegessen wurden die fertigen Kartoffeln mit frischer Butter oder Buttermilch. Marie brachte diese Zubereitungsart aus ihrer Kindheit in Fischbach mit und pflegte sie auch mit ihren Kindern auf der Bleckenau bei Hohenschwangau. Dieser Ort erinnerte sie wie kaum ein anderer in Bayern an ihre alte Heimat. Auch als Ludwig den Kinderschuhen längst entwachsen war, ließ er sich diese Speise dort zubereiten.
Maries preußische Abstammung war allerdings nicht der Auslöser für die Verbreitung der Kartoffel in Bayern. Auch in Ludwigs väterlicher Ahnenreihe gab es diesbezüglich Visionäre: Ein Wittelsbacher trug wesentlich zur Verbreitung der Knolle bei. Unter Kurfürst Karl Theodor durfte Sir Benjamin Thompson, der 1792 zum Reichsgrafen von Rumford erhoben wurde, den Kartoffelanbau in Bayern fördern. So war der Englische Garten nicht nur für vergnügliche Spaziergänge gedacht, sondern diente auch als Anbaufläche zur Versorgung der bayerischen Truppen. 1795 entwickelte Rumford die nach ihm benannte „Rumfordsuppe“. Sie bestand aus Gerste, Graupen, Kartoffeln, Brotscheiben, Erbsen, Essig und Salz und wurde zunächst für die Truppenversorgung, später auch zur Armenspeisung eingesetzt.
Auch Ludwigs Vater, Maximilian II., kann als Förderer und Wegbereiter ernährungswissenschaftlicher Errungenschaften gelten. Mit seiner Thronbesteigung im Jahr 1848 begann er eine regelrechte Wissenschaftsoffensive. Ihm war bewusst, dass Naturwissenschaft und Technik im Zuge der beginnenden Industrialisierung eine wesentliche Rolle spielen würden. Neben dem Ziel, Bayern zu einem Wirtschaftsstandort zu entwickeln, der insbesondere mit Preußen konkurrieren und seine Position innerhalb des Deutschen Bundes stärken sollte, verfolgte er auch innenpolitische Interessen. So hoffte man, durch wissenschaftliche Forschung künftigen Missernten und den damit verbundenen Versorgungsengpässen und Hungersnöten entgegenwirken zu können.
Im Juli 1851 legte Max von Pettenkofer, der berühmte Begründer der modernen Hygieneforschung, dem König die Idee zur Gründung einer naturwissenschaftlich-technischen Kommission an der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften nahe. Nicht zuletzt dank Maximilians finanzieller Unterstützung gelang es Pettenkofer, wichtige Grundlagen für die heutige Ernährungslehre zu erarbeiten.
Bei den wissenschaftlichen Symposien Maximilians, insbesondere in München, wurde zumeist nur ein kleiner Imbiss gereicht. Über die Verpflegung bei diesen Zusammenkünften hieß es: „Das Souper war höchst einfach; der König selbst nahm meist nicht am Essen teil.“ Zu den erlesenen Forschern und Wissenschaftlern, die Maximilian an seinen Hof holte, gehörte auch Justus von Liebig. Er begründete das nach ihm benannte Fleischextrakt, einen Vorläufer späterer Brühwürfel, die unter anderem durch die Firma Maggi bekannt wurden. Auch die heutige Weihnachtsbäckerei wäre ohne Liebigs wissenschaftliche Arbeit kaum denkbar: Er trug maßgeblich zur Entwicklung des Backpulvers bei.
Mehr über den Einfluss der Wittelsbacher in Bayern und aus der höfischen (Ess-)Kultur erfahren Sie täglich von 9 bis 17 Uhr im Museum der bayerischen Könige. In königlicher Atmosphäre speisen, trinken und feiern können Sie in den Restaurants „Café Kainz“ und „Dorfwirt“ – gern richten diese auch Ihre Weihnachtsfeiern aus. Alle Informationen hierzu finden Sie auf www.hohenschwangau.de
Text: Louise-H. Meinicke, Kulturvermittlerin
im Museum der bayerischen Könige
Foto: Wikipedia



