Soziales

75 Jahre Seniorenzentrum St. Martin in Füssen

Ein Jubiläum mit Geschichte und Zukunft

In den 75 Jahren hat das Seniorenzentrum St. Martin im Füssener Westen Generationen von Menschen begleitet, gepflegt, Würde bewahrt und Lebensqualität gesichert. Was 1950 als Einrichtung für Senioren in der Region seinen Anfang nahm, ist heute ein modernes, lebendiges Pflegezentrum mit 81 Bewohnerplätzen, über 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus 28 Nationen – und einer Philosophie, die man klar spürt.

Andreas Vogel, der selbst aus der Pflege kommt, leitet das Seniorenzentrum St. Martin seit sechs Jahren – und das merkt man ihm an. Nicht im Sinne von Nostalgie, sondern im Sinne von Respekt. Er weiß, was die Kolleginnen und Kollegen täglich leisten. Im vergangenen Jahr fanden zwei externe Prüfungen statt – durch den Medizinischen Dienst und die Heimaufsicht. Beide verliefen so gut, dass das St. Martin in diesem Jahr gar nicht geprüft wurde. „Wir haben hervorragende Leute im Leitungsbereich und an der Basis sehr gut ausgebildete Menschen. Wir haben Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen, die wunderbare Arbeit leisten. Darauf bin ich sehr stolz und dankbar“, sagt Andreas Vogel.

Kein neuer Bewohner zieht ein, ohne dass Vogel ihn vorher persönlich kennen gelernt hat. „Ich bin Krankenpfleger. Ich will wissen, wer die Leute sind und welche Geschichte sie haben.“ Die persönlichen Aufnahmegespräche sind für die Zusammenarbeit mit den Angehörigen ebenso wichtig: Was können sie erwarten, und was bietet das Haus? Vogel spricht dabei offen über das, was das Haus leisten kann und was nicht. „Wir würden uns nichts Gutes tun, wenn wir Illusionen wecken, die wir nicht einhalten können.“

Ein Haus mit besonderer Architektur

Die Bauform des Hauses folgt einem U-Grundriss: Zwei Flügel – Ostflügel und Westflügel – verbinden sich über gemeinsame Gemeinschaftsräume. Was das Haus von vielen anderen Pflegeeinrichtungen unterscheidet: Es gibt keinen großen Speisesaal. Stattdessen gibt es auf den Wohnbereichen kleinere Gemeinschaftsräume, in denen jeweils etwa zehn bis zwölf Menschen gemeinsam essen. Das Hausgemeinschaftskonzept schafft eine Vertrautheit, die in größeren Einrichtungen nicht immer möglich ist. „Dadurch bleibt es familiärer“, weiß Andreas Vogel.

Die Terrasse mit einem schönen Blick

Die Einbindung der Bewohnerinnen und Bewohner in das Alltagsleben ist dem Team wichtig – innerhalb dessen, was die jeweilige Pflegebedürftigkeit erlaubt. Sie decken die Tische ein, polieren das Besteck, schneiden Blumen und verteilen sie in Vasen. Im Garten gibt es Hochbeete, in denen Kräuter und Blumen angepflanzt werden. Zu Weihnachten werden gemeinsam Kekse gebacken. „Es geht ums Gebrauchtwerden, ums Dazugehören, ums Leben“, so Vogel.

Therapeutisches Angebot

Das St. Martin beschäftigt eigene Ergotherapeutinnen – drei Fachkräfte in Teilzeit, mit eigenem Therapieraum, Sprossenwand und Ergometer. Bewegungsgruppen, Handtraining, Balanceübungen – das alles findet intern statt. Die Betreuungskräfte bieten Gedächtnisübungen und individuelle Beschäftigung an. Dazu kommen regelmäßige Hundetherapie, Alpakabesuche und ein Garten der Sinne. Ein mobiler Snoezelwagen kommt vor allem in der Sterbephase zum Einsatz.

Eine der gemütlichen Sitzecken

„Spät“ bedeutet: Die ambulante Versorgung funktioniert

Dass die Menschen später ins Pflegeheim kommen, weil sie länger zu Hause bleiben können als früher, ist Fakt. Ambulante Pflege, Essen auf Rädern, Hausnotruf, Tagesbetreuung – all das funktioniert heute deutlich besser als noch vor einigen Jahren. Aber es hat eine Kehrseite: Wer erst kommt, wenn es wirklich nicht mehr anders geht, kommt oft mit hoher Pflegebedürftigkeit – und meist nicht freiwillig, weiß Andreas Vogel aus Erfahrung.

Die Entscheidung für ein Pflegeheim ist in den allermeisten Fällen eine Entscheidung der Angehörigen. Fast alle sind noch berufstätig, leisten Enormes – und fühlen sich trotzdem schuldig. Vogel spricht das in jedem Aufnahmegespräch offen an. „Ich möchte die Angehörigen darin bestärken zu sagen: Es geht einfach nicht mehr anders. Und das ist keine Niederlage.“ Wer dabei oft zu kurz kommt: Die pflegenden Angehörigen selbst. Ihre Erschöpfung, ihre Belastung, die jahrelange Aufopferung – das alles tritt in den Hintergrund, wenn der Fokus ausschließlich auf dem Betroffenen liegt.

Finanzierung: Wenn das Geld nicht reicht

Ein großes Thema ist auch die Finanzierung des Pflegeplatzes. „Entweder man ist Selbstzahler, oder man stellt einen Sozialhilfeantrag – das Haus unterstützt dabei. Doch der Antrag ist aufwendig: 16 Seiten, umfangreiche Unterlagen, Prüfung der finanziellen Verhältnisse inklusive Schenkungen der vergangenen Jahre“, erklärt der Einrichtungsleiter. Die Bewilligung dauert. Sechs bis neun Monate sind keine Seltenheit. In dieser Zeit sind die Bewohnerinnen und Bewohner längst eingezogen und werden vollumfänglich versorgt – das Pflegeheim geht in finanzielle Vorleistung. Manche Einrichtungen geraten dadurch in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. „Das St. Martin ist als Einrichtung des BRK-Kreisverbands Füssen in einem stabilen Trägerrahmen“, so Vogel. Die Kinder der Bewohner werden nur dann zur Kasse gebeten, wenn sie selbst mehr als 100.000 Euro im Jahr verdienen – das ist in der Praxis die absolute Ausnahme.

Eine Küche auf jeder Etage

28 Nationen unter einem Dach

Im Eingangsbereich des Seniorenzentrums hängt eine Weltkarte. Pins markieren die Herkunftsländer der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 28 Nationen. Für Andreas Vogel ist das keine Marketingbotschaft, sondern gelebte Notwendigkeit und echte Bereicherung. Die entscheidende Frage ist für ihn nicht, woher jemand kommt, sondern wer dieser Mensch wirklich ist. Deshalb führt er mit Bewerberinnen und Bewerbern aus dem Ausland persönliche Videointerviews.

Ausbildung als Zukunftsinvestition

Das St. Martin strebt an, jährlich acht Auszubildende aufzunehmen. Seit dem 1. April absolvieren vier junge Menschen aus Kamerun ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft – alle mit Abitur und einem beeindruckend hohen schulischen Ausbildungsniveau. Für das nächste Jahr plant man, zusätzlich Auszubildende aus Indien aufzunehmen. Auch sie werden sorgfältig ausgewählt: Schulischer Abschluss und Sprachkenntnisse spielen dabei eine entscheidende Rolle. Die Bewerbungszahlen junger Menschen aus der Region steigen zudem.

Andreas Vogel bleibt trotz alledem realistisch: „Wenn man sich die demografische Entwicklung anschaut, ist klar, dass wir dringend Pflegefachkräfte brauchen werden.“ Laut aktuellen Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) werden in Deutschland bis 2034 zwischen 90.000 und 350.000 Pflegekräfte fehlen – eine Zahl, die deutlich macht, wie groß die Herausforderung ist und wie wichtig gut ausgebildete Fachkräfte aus dem In- und Ausland sind. Die politische Dimension lässt Vogel nicht unerwähnt. Wer in Zukunft die Eltern versorgen solle, fragt er – und findet deutliche Worte in Richtung jener, die behaupten, man könne auf qualifizierte Zuwanderung verzichten: „Das ist komplett an der Realität vorbei, Wir brauchen weiterhin qualifizierte Zuwanderung.“

Fabiola Nyampinga und Raul Martinez stehen stellvertretend für viele, ohne die das Seniorenzentrum St. Martin nicht denkbar wäre.

Fabiola Nyampinga kommt aus Ruanda und macht zur Zeit eine Ausbildung als Pflegehelferin im Seniorenzentrum St. Martin.

Fabiola Nyampinga – von Kigali nach Füssen

Fabiola Nyampinga ist 28 Jahre alt und kommt aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Wenn sie von ihrer Heimatstadt spricht, leuchten ihre Augen auf – eine grüne Stadt mit vielen Bergen, denn Ruanda trägt nicht umsonst den Beinamen „Land der tausend Hügel“. Deswegen, sagt Nyampinga mit einem Lächeln, fühle sie sich in Füssen so wohl.

Sie studierte in Ruanda und arbeitete in einem kleinen Krankenhaus – nur fünf Stunden täglich, mit keinem geregeltem Einkommen. Als ihre jüngste Schwester schwer erkrankte und drei Monate im Krankenhaus lag, reifte in ihr ein Entschluss: Sie wollte Menschen wirklich helfen können. Eine Freundin, die in Deutschland Au-pair war, machte ihr Mut. Nyampinga lernte Deutsch beim Goethe-Institut bis zum Niveau B1, bewarb sich – und bekam einen Vertrag. Darauf stand: St. Martin, Füssen. Das Visum war innerhalb von sieben Tagen ausgestellt.

Heute, gut ein Jahr nach ihrer Ankunft und ihrem Bundesfreiwilligendienst, macht Fabiola Nyampinga ihre einjährige Ausbildung zur Pflegehelferin im Seniorenzentrum St. Martin. Und an dem Tag, an dem dieses Gespräch stattfand, hatte sie eine praktische Prüfung mit der Note Einsbestanden. Dabei hatte sie in den Wochen vor der Prüfung gezittert. „Ich hatte Angst, dass ich alles vergesse, wenn die Prüferin kommt“, erzählt sie. Sie rief ihre Mutter in Ruanda an und bat sie, für sie zu beten. Dann kam die Prüferin – und war so freundlich im Gespräch, dass Nyampinga irgendwann vergaß, dass es überhaupt eine Prüfung war. „Ich habe so viel geredet, dass ich dachte, das ist gar keine Prüfung mehr.“

Die Anfangszeit in Füssen war nicht einfach. Der erste Winter war eine Offenbarung: Als Kind hatte Fabiola Nyampinga Schnee nur aus dem Fernsehen gekannt und ihn wunderschön gefunden. Die Realität war anders. „Das war sehr kalt“, sagt sie trocken – und lacht dabei herzlich. Schwerer wog das Heimweh. Die Mutter fehlte, die Sprache, die Vertrautheit des Alltags. Was half war die Freundlichkeit der Bewohnerinnen und Bewohner und die Geduld der Kolleginnen und Kollegen. „Sie waren alle nett zu mir. Das hat mir sehr geholfen.“

Mittlerweile hat Nyampinga in Füssen Fuß gefasst. Sie hat Freunde, einen Partner – der aus Kamerun stammt, seit Jahren in Deutschland lebt und fließend Deutsch spricht –, und eine Schwester, die in Hannover wohnt. Mit ihrer Mutter in Kigali telefoniert sie jeden Tag. Und die Zukunft? Nyampinga möchte ihre Ausbildung abschließen, sich weiterentwickeln und irgendwann eine Familie gründen. Füssen soll ihr Zuhause bleiben.

Einrichtungsleiter Vogel bringt es auf den Punkt: „Fabiola ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie gut Integration funktionieren kann, wenn man Menschen eine Chance gibt. Ich bin tief beeindruckt von dem, was unsere Kolleginnen und Kollegen jeden Tag leisten.“

(v.l.) Einrichtungsleiter Andreas Vogel und der stellvertretender Pflegedienstleiter Raul Martinez

Raul Martinez – von Alicante nach Füssen, von null zum stellvertretenden Pflegedienstleiter

Raul Martinez sitzt entspannt, spricht ruhig und klar. Auf Deutsch, versteht sich – einem guten Deutsch, das er sich über Jahre hinweg von Grund auf erarbeitet hat. Er ist 37 Jahre alt, kommt aus einem kleinen Dorf bei Alicante an der spanischen Mittelmeerküste und arbeitet seit April 2014 im Seniorenzentrum St. Martin. Seit drei Jahren ist er stellvertretender Pflegedienstleiter. Den Weg nach Füssen fand er über das europäische Jobvermittlungsprogramm Eures, das damals eine Kooperation zwischen Deutschland und Spanien unterstützte. Martinez hatte in Spanien eine Ausbildung zum Pflegehelfer abgeschlossen, wollte sich aber eigentlich als Koch bewerben – er wusste nicht, dass gerade Pflegekräfte gesucht wurden. Im Bewerbungsgespräch klärte sich das schnell. „Die sagten: Aber du bist doch Pfleger. Und ich sagte: Ja, das ist mein Job.“ Ein Angebot für Füssen kam. Er nahm es an.

Deutsch sprach Martinez damals kein einziges Wort. Im Rahmen des Projekts hatte er in Spanien einen einmonatigen Intensivkurs belegt – eine solide Grundlage war das nicht, wie er selbst sagt. Das Bewerbungsgespräch führte er auf Spanisch, mit ein paar Brocken Englisch als Notreserve. Dann reiste er nach Bayern.

Am ersten Abend in Deutschland rief er seine Mutter an. „Ich will nach Hause, hier bleibe ich nicht“, sagte er ihr am Telefon. Sie antwortete nur: „Du wolltest es. Jetzt bleibst du da.“ Mütter können manchmal das Richtige sagen, erzählt er lächelnd. Was folgte, war ein langer, anstrengender und letztlich erfolgreicher Weg. Vormittags Deutschkurs, nachmittags Praktikum im Haus. Da seine spanische Ausbildung anerkannt wurde, arbeitete Martinez sechs Monate als Pflegehelfer. Im September 2015 begann er die dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger. Die ersten Monate waren zäh: Alle Unterlagen bekam er zwar auf Spanisch, aber im Haus sprach niemand seine Sprache. Es gab keine andere Wahl als Deutsch – und die Kolleginnen hatten die Geduld, die er brauchte. „Sie waren nie genervt. Sie haben immer mitgemacht und geholfen.“ Irgendwann, erinnert er sich, stand er eines Morgens auf – und konnte Deutsch.

Nach der Ausbildung bildete er sich weiter, übernahm mehr Verantwortung und wurde Praxisanleiter. Jetzt, elf Jahre nach seiner Ankunft, ist er stellvertretender Pflegedienstleiter. Was das für ihn bedeutet? Er hält kurz inne. „Es bedeutet Vertrauen. Dass meine Entwicklung anerkannt wird.“ Und dann, etwas leiser: Er denkt an seine Großmutter, die immer die studierten Cousinen als die Erfolgreichen bezeichnet hatte. „Als sie gestorben ist, habe ich mir gedacht: Ich hoffe, du siehst jetzt, was ich bin.“

In Spanien, erzählt Martinez, arbeitete er nach dem Prinzip: Schnell, schnell, schnell. Kaum Zeit, kaum Ruhe. Hier lernte er, anders zu arbeiten – bewusster, ruhiger, mit mehr Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Menschen. Das Konzept der Hausgemeinschaft, die kleinen Essbereiche, der Geruch nach frisch Gekochtem statt nach Desinfektionsmittel: „Das hatten wir in Spanien nicht.“ Als Praxisanleiter begleitet Raul Martinez heute Auszubildende, die aus vielen verschiedenen Ländern kommen. Er macht dabei kein Hehl daraus, dass er selbst Ausländer ist und deshalb weiß, wie es sich anfühlt, fremd zu sein. „Ich kann niemanden verurteilen, woher er kommt. Und ich lerne selbst ständig dazu – über andere Kulturen, über andere Wege, Pflege zu verstehen und zu leben.“

Seinen Geburtstag feiert Martinez an einem besonderen Tag: dem Tag seiner Ankunft in Deutschland. „An diesem Tag habe ich mir mein neues Leben geschenkt.“

Auf die Frage, wie er sich in Füssen fühlt, antwortet er: „Ich bin ein Mensch, der Routine braucht und etwas Festes. Hier kenne ich mich aus. Hier fühle ich mich wohl. Die Arbeit ist wie ein zweites Zuhause. Ich bin angekommen und werde hier bleiben.“

Eine Geschichte, die bleibt

75 Jahre Seniorenzentrum St. Martin. Was bleibt nach diesem Besuch, nach diesen Gesprächen? Das Bild eines Hauses, das nicht perfekt ist – das gibt es nicht in der Pflege – aber das aufrichtig ist. Das nicht verspricht, was es nicht halten kann. Das weiß, was es leistet. Und das Menschen anzieht, die genau dieses Haus brauchen: als Bewohnerinnen und Bewohner, als Angehörige und als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 28 Nationen, die hier ihre Heimat gefunden haben.

Fabiola Nyampinga mit ihrer Einser-Prüfung. Raul Martinez, der an einem Geburtstag ein neues Leben begann. Andreas Vogel, der jeden Einzug persönlich begleitet und die über 90 Mitarbeiter, die so viel leisten, dass alles läuft, wie es laufen muss. Es ist ein Haus für Menschen – von Menschen.

Text · Fotos: Sabina Riegger

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