
Im Schatten der Zeit
Ein Allerheiligen-Spaziergang über den Alten Friedhof in Füssen
Wenn im Spätherbst der Nebel träge über den Lech zieht und das erste Frostrot in den Blättern der alten Kastanien brennt, verändert sich das Ostallgäu. Die Tage werden kürzer, die Natur zieht sich zurück – und mit ihr die Gedanken der Menschen. Es ist die Zeit des Erinnerns. Wer zu Allerheiligen einen Ort sucht, an dem Regionalgeschichte lebendig wird und der Frieden greifbar ist, findet ihn mitten in Füssen. Versteckt hinter der trutzigen mittelalterlichen Stadtmauer liegt der historische Sebastiansfriedhof. Ein magischer Ort, an dem verwitterter Stein von großen Träumen, vergessenen Handwerken und der Ewigkeit erzählt.
Wer das kunstvolle Sebastianstor an der Klosterstraße durchschreitet, lässt das geschäftige Treiben der Füssener Altstadt mit einem Schritt hinter sich. Es ist, als würde man in eine andere Epoche eintauchen. Nur wenige Schritte entfernt rauscht der Verkehr, doch hier drinnen regiert das Schweigen – ein warmes, tröstliches Schweigen. Der Alte Friedhof, umrahmt von historischen Artillerietürmen und dem hölzernen Wehrgang, ist kein gewöhnlicher Ort der Trauer. Er ist ein kulturhistorisches Schatzkästchen unter freiem Himmel.
Ein Friedhof aus der Not geboren
Die Wiege dieser Ruhestätte steht im Jahr 1528 und verdankt ihre Existenz einem höchst pragmatischen, wenn auch schaurigen Umstand: Bis dahin bestatteten die Füssener ihre Toten dicht gedrängt rund um das nahegelegene Kloster St. Mang. Weil der Boden dort jedoch derart feucht und übernutzt war, verwesten die Leichen nicht mehr richtig. Ein neuer Platz musste her. Die Wahl fiel auf das Gelände südlich der Sebastianskirche, die um 1500 ursprünglich als einfache Pestkapelle direkt an der Stadtmauer errichtet worden war. Später, im frühen 18. Jahrhundert, erweiterte der berühmte Baumeister Johann Georg Fischer die Kapelle zu der prachtvollen barocken Friedhofskirche, die noch heute stolz über den Gräbern wacht. Fast genau 400 Jahre lang erfüllte der Friedhof treu seinen Dienst, bis 1934 das vorläufige Aus kam: Die Ruhestätte wurde geschlossen, die Natur holte sich die Mauern zurück.
Aus dem Dornröschenschlaf erweckt
Dass man heute überhaupt noch über diesen geschichtsträchtigen Boden wandeln kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Nach der Schließung drohte das Areal komplett zu verfallen und zu verwildern. Doch die Füssener wollten ihr historisches Juwel nicht aufgeben. In den 1980er-Jahren schlossen sich Denkmalschützer, die katholische Kirchenstiftung und engagierte Bürger zusammen, um die Anlage vor dem Bagger zu retten.
Ein ganz entscheidender Motor bei dieser Rettungsaktion war die Kolpingsfamilie Füssen. Mit unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden, Tatkraft und handwerklichem Geschick half der Verein dabei, die zugewachsenen Pfade freizulegen, verfallene Grabsteine zu sichern und das Areal wieder in einen würdevollen Zustand zu versetzen. Dank dieses unermüdlichen Bürgerengagements konnte der Friedhof im Jahr 1988 feierlich wiedereröffnet werden. Heute stehen rund 414 historische Gräber unter Schutz – und der Friedhof wird wieder behutsam für Bestattungen genutzt.
Wo Allgäuer Flößer neben königlichen Baumeistern ruhen
Im weichen, goldenen Herbstlicht des Voralpenlandes scheinen die bemoosten Inschriften fast zu leuchten. Sie erzählen von den Menschen, die das Ostallgäu zu dem machten, was es heute ist. Hier ruhen sie Seite an Seite: Einfache Allgäuer Flößer, deren Hände vom eiskalten Flusswasser gezeichnet waren, angesehene Handelsherren und ein Mann, dessen Visionen bis heute Millionen von Menschen aus aller Welt in die Region in und um Füssen locken: Domenico Quaglio.
Der berühmte Maler und Architekt, der im Auftrag von König Maximilian II. das nahegelegene Schloss Hohenschwangau in ein weltbekanntes, neugotisches Märchen verwandelte, fand genau hier seine letzte Zuflucht. Er starb mitten während der anstrengenden Bauarbeiten im Jahr 1837 in Füssen. Sein aufwendig verziertes Grabmal gleich neben dem Eingang zieht bis heute die Blicke auf sich. Weiter hinten im Areal, abgetrennt durch eine kleine Einfriedung, befindet sich der schlichte Klosterfriedhof, auf dem die Mönche des angrenzenden Franziskanerklosters begraben liegen.
Ein Ort für die Gegenwart
Doch der Sebastiansfriedhof schaut nicht nur zurück. Dass er ein tief im Heute verankerter Ort des Trostes ist, beweist eine ganz besondere Stätte direkt an der Innenseite der alten Stadtmauer: das Sternenkindergrab. Diese liebevoll gestaltete Ruhestätte für still- und totgeborene Kinder schenkt betroffenen Eltern aus der Region einen geschützten Raum für ihre Trauer.
Wenn am Nachmittag des 1. Novembers zu Allerheiligen die Dämmerung hereinbricht, verwandelt sich der Alte Friedhof in ein unvergessliches Meer aus hunderten Lichtern. Der Schein der Kerzen bricht sich an den jahrhundertealten, schmiedeeisernen Kreuzen, und die alten Steinmauern werfen lange, warme Schatten. Wer in diesen Tagen hier spazieren geht, spürt: Die Menschen, die das Allgäu einst prägten, sind nicht vergessen. Sie ruhen in Frieden – mitten im Herzen von Füssen.
Text: FA/pm · Foto: Hubert Riegger



