Kolumne

Alfred

Mein Handy liegt auf einem kleinen Holztisch in der Hütte. Ich höre es vibrieren. Eine Benachrichtigung, dann wohl noch eine. Ich lasse es liegen.

[Werbung] BRK: Wohnungen gesucht

Wir sind hoch oben in einem Bergdorf in Südtirol, meine Familie und ich – an einem Ort mit geschnitzten Holzbalkonen und Geranien, Weinberge, Wege aus alten Steinen. Und überall Schafe, die auf den Weiden rundherum grasen. Bei jeder ihrer Bewegungen läuten die kleinen Glocken an ihrem Hals.  Außer dem Läuten und dem Wind, der durch die hohen Bäume weht, ist es still hier oben. Ich atme tief ein und vermisse nichts. Das Wesentliche hier oben beruhigt mich. 

Die Berge stehen seit Jahrtausenden da, die Sonne wandert unbeirrt von Ost nach West. Und im Hintergrund läuft das große, manchmal unordentliche Leben weiter – auch hier oben im  Bergdorf. Aber das ist nicht schlimm. Im Gegenteil sogar. Wenn man ehrlich ist, dann gibt es nichts Beruhigenderes, als die Gewissheit, dass alles immer weitergeht. Denn wenn das Leben weitergeht, dann gehen auch wir weiter. 

Werbung Stellenanzeige Koch/Köchin ML Catering

Hier oben auf dem Hof sitzen wir inzwischen mit Menschen zusammen, die wir unvorbereitet kennen gelernt haben. Menschen aus anderen Ländern, aus anderen Leben. Die jüngste ist wenige Monate alt, auf dem Arm ihrer Mama, der älteste am Tisch geht bald in den Ruhestand.

Ich lehne mich zurück und beobachte das Treiben. Es wird gelacht und erzählt, Das Brotzeitbrett wird rumgereicht und das Schüttelbrot vorsichtig gebrochen. Während ich diese Menschen beobachte, die wie wir eines der wenigen Gästezimmer des Bergbauernhofes bewohnen, weiß ich einmal mehr, warum ich das Reisen so liebe. 

Beim Reisen geht es nicht ums Ankommen an einem Ort, sondern um das Eintreten in eine andere Welt.  Eine Welt, in der man einfach durch Landschaften, Länder und Orte fährt und vergisst, wer man zu Hause oft sein muss. Eine Welt, in der man gemeinsam mit Menschen, die man vor drei Stunden noch nicht kannte, lacht, wandert oder ins Meer springt.

Während wir hier draußen in der warmen Abendsonne sitzen, kommt Alfred um die Ecke und spielt uns auf seinem Akkordeon etwas vor. Alfred ist der Gastgeber des Hofes. Er ist  Landwirt, Vater, Großvater – einer jener Menschen, bei denen man sofort spürt, dass sie geerdet sind. Er fasziniert mich. Seine Hände haben die Erde angefasst, Tiere versorgt, Holz gestapelt, Äpfel und Wein geerntet. 

Ein paar Tage ziehen ins Land, bevor wir wieder abreisen müssen. Ich vermisse die Dolomiten schon jetzt. Die Blüten, die Weite, das einfache Leben. Alfred und seine Familie verabschieden uns. Ihre Umarmungen waren fest, ehrlich und innig.

Ich habe unsere Umarmung noch lange gespürt, auch als wir schon längst wieder im Auto saßen und das Tal sich unter uns öffnete. In diesen Tagen ist mir wieder bewusst geworden, wie wichtig diese Auszeiten sind. Die jede*r von uns braucht und die trotzdem nicht für alle möglich sind. Leider.

Kopf aus und raus. Das brauchen wir, für alles, was kommen wird- ob wir bereit sind oder nicht. Das Leben geht immer weiter – mit allem, was das bedeutet. 

Kopf aus. Und raus. Auch als Erinnerung daran, dass das Leben schön ist – wenn wir es schön sein lassen.

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

To respond on your own website, enter the URL of your response which should contain a link to this post's permalink URL. Your response will then appear (possibly after moderation) on this page. Want to update or remove your response? Update or delete your post and re-enter your post's URL again. (Find out more about Webmentions.)

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"