Kultur

Neuschwanstein Konzerte 2026: Interview mit der Künstlerin Esther Abrami

Die französische Geigerin Esther Abrami hat sich mit ihrem Album WOMEN international einen Namen gemacht – nicht nur als virtuose Musikerin, sondern auch als engagierte Botschafterin für vergessene Komponistinnen. Mit einer beeindruckenden digitalen Reichweite und innovativen Konzertformaten baut sie Brücken zwischen klassischer Musik und neuen Publikumsschichten.

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Im Rahmen der Neuschwanstein Konzerte wird sie am Abend „Die Zukunft der Ewigkeit“ auftreten – ein Programm, das bewusst den Dialog zwischen musikalischer Tradition und zeitgenössischer Interpretation sucht. Im Interview spricht Esther Abrami über ihre persönliche Entdeckungsreise zu Komponistinnen, die Verantwortung gegenüber einem neuen Publikum und darüber, warum Emotionen wichtiger sind als Perfektion. Sie erzählt, wie ihre Ausbildung in verschiedenen Ländern sie geprägt hat, welche Rolle ihre historische Vuillaume-Violine spielt und was sie sich von einem Auftritt an einem der märchenhaftesten Orte Europas erhofft.

Sie haben sich mit Ihrem Album WOMEN intensiv der Wiederentdeckung von Komponistinnen gewidmet und damit auch einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit vergessener Stimmen geleistet. Was hat diesen künstlerischen Fokus bei Ihnen ausgelöst und was hat sich durch diese Auseinandersetzung für Ihren eigenen Blick auf das Repertoire verändert?

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Ich habe über 15 Jahre Musik studiert und Hunderte von Stücken gelernt – aber kein einziges davon wurde von einer Frau komponiert. Erst nach meinem Studium wurde mir bewusst, dass ich nie einer Komponistin begegnet war. Heute erkennen wir in vielen Bereichen unserer Gesellschaft, dass uns oft nur die Hälfte der Geschichte erzählt wurde, sei es in der Musik, in der Wissenschaft oder in der Kunst. Als mir das klar wurde und ich begann, selbst zu recherchieren, war es, als hätte sich eine völlig neue Welt für mich geöffnet. Ich dachte, ich würde die klassische Musik und ihre Komponisten gut kennen und plötzlich entdeckte ich unglaubliche Werke und Lebensgeschichten von Frauen, die bereits seit dem Mittelalter komponiert haben.

Inwiefern fließt dieser Ansatz auch in Ihren Auftritt bei den Neuschwanstein Konzerten ein, gerade in einem Programm, das sich mit „Die Zukunft der Ewigkeit“ bewusst zwischen Tradition und Gegenwart bewegt?

Meine Auftritte sind seit der Veröffentlichung von WOMEN stark davon geprägt und so wird es auch in Neuschwanstein sein. Ich freue mich sehr, dass das Thema dieses Abends diesen Ansatz so gut widerspiegelt. Für mich geht es darum, zwischen verschiedenen Epochen zu vermitteln und diese für ein heutiges Publikum erlebbar zu machen. Während des Konzerts erzähle ich dem Publikum die Geschichten der Komponistinnen, bevor ich ihre Musik spiele. So können die Zuhörer:innen die Werke noch intensiver erleben.

Ihre musikalische Ausbildung führte Sie von Südfrankreich über Manchester bis nach London. Wie haben diese unterschiedlichen kulturellen und lokalen Einflüsse Ihren künstlerischen Zugang geprägt?

Ich bin sehr dankbar, dass ich in verschiedenen Ländern studieren konnte. Das hat meine Persönlichkeit geprägt und mich vor allem sehr neugierig gemacht; was mir wiederum sehr geholfen hat, als ich begann, über Komponistinnen zu recherchieren, über die kaum jemand spricht. Gleichzeitig hat mich diese Zeit sehr resilient gemacht. In ein Land zu kommen, dessen Sprache ich anfangs nicht gesprochen habe, war eine Herausforderung. Aber genau das hat mir geholfen, heute in unterschiedlichsten Situationen selbstbewusst zu sein.

Sie verbinden klassische Konzertformate zunehmend mit neuen Kontexten, etwa durch genreübergreifende Projekte oder Ihre starke digitale Präsenz. Was reizt Sie an diesem erweiterten Zugang zur klassischen Musik?

Was mich daran besonders reizt, ist das Publikum, das ich dadurch erreiche, vor allem ein neues und jüngeres Publikum. Viele Menschen, die mir in den sozialen Medien folgen, mich aus dem Fernsehen kennen oder mich in Projekten mit Popkünstlern erleben, gehören nicht zum klassischen Konzertpublikum. Umso mehr freut es mich, wenn ich bei meinen Konzerten viele Kinder und junge Menschen sehe, insbesondere junge Mädchen, die mir erzählen, dass sie durch mich angefangen haben, Geige zu spielen.

Der Abend „Die Zukunft der Ewigkeit“ stellt bewusst den Dialog zwischen Tradition und Gegenwart in den Mittelpunkt. Wie interpretieren Sie diesen Gedanken aus Ihrer Perspektive als Künstlerin?

Klassische Musik ist im Kern stark mit Tradition verbunden und genau diese Musik liebe ich sehr. Gleichzeitig versuche ich seit Beginn meiner Karriere, Wege zu finden, sie auch in der Gegenwart zugänglich zu machen. Ich glaube, es geht vor allem um das Erzählen von Geschichten. Klassische Musik sollte Teil unseres Alltags sein. Ich bin überzeugt, dass sie genauso selbstverständlich gehört werden kann wie andere Genres. Dafür braucht es jedoch einen Dialog und eine Brücke zwischen der Tradition und der heutigen Welt.

Sie spielen eine historische Vuillaume-Violine, ein Instrument mit eigener Geschichte. Was macht das mit Ihnen und welche Rolle spielt dieses „Erbe“ in Ihrem künstlerischen Ausdruck?

Für mich besteht die wichtigste Verantwortung darin, Menschen überhaupt für diese Musik zu begeistern. Oft beschäftigen wir uns sehr stark mit Fragen nach „Purismus“ oder „Perfektion“, wie genau ein Ton gespielt werden sollte oder ob ein Werk stilistisch korrekt interpretiert ist. Das sind wichtige Fragen – aber sie verlieren ihre Bedeutung, wenn es irgendwann kein Publikum mehr gibt. Deshalb sehe ich meine Aufgabe darin, mehr Menschen für klassische Musik zu gewinnen, insbesondere junge Menschen.

Das Schloss Neuschwanstein ist ein Ort, der stark mit Fantasie, Geschichte und Bildkraft aufgeladen ist. Wird diese besondere Atmosphäre Ihre Interpretation oder Ihre Bühnenpräsenz beeinflussen und wenn ja, inwieweit?

Auf jeden Fall. Bisher habe ich den Ort nur auf Fotos und in Videos gesehen und bin jetzt schon beeindruckt. Das ist etwas, das ich an meinem Beruf besonders liebe: an außergewöhnlichen Orten zu spielen. Ich habe bereits am Comer See oder auf einem Turm gespielt und während ich gespielt habe, fühlte es sich oft wie ein Traum an. Ich bin sicher, dass es in Neuschwanstein ähnlich sein wird. Die Kombination aus Musik und dieser einzigartigen Kulisse wird eine ganz besondere Atmosphäre schaffen und mir viel Inspiration geben. Ich glaube, es wird ein Konzert, das ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

Wenn Sie den Konzertabend in einem Gedanken zusammenfassen müssten, worauf dürfen sich die Besucher:innen besonders freuen?

Ein Satz, den ich nach meinen Konzerten oft höre, ist: „Danke für die Emotionen, die Sie uns geschenkt haben.“ Wenn das Publikum sich auf etwas freuen darf, dann darauf, berührt zu werden: von der Musik und von den Lebensgeschichten außergewöhnlicher Frauen, die ihre Zeit geprägt haben und dennoch lange vergessen waren.

Text: FA/pm · Foto: Larsen Strings

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