Menschen

„Mode ist mehr als nur ein Stück Stoff!“

Ein Nadelstreifenanzug in tiefem blau, auffällige Ringe an den Fingern, eine markante Brille und eine Stimme, die nach unzähligen Gesprächen, nach gelebtem Leben klingt. Thorsten Krug steht in seinem Geschäft in der Uferstr. 2 in Hopfen am See und ist genau das, was in der heutigen Einzelhandelslandschaft selten geworden ist: kompromisslos authentisch. Seit 15 Jahren betreibt der bald 56-jährige hier sein Herrenmoden-Fachgeschäft, in einem Ort voller Restaurants und Hotels, in welchem er eigentlich gar nicht existieren dürfte. Und doch tut er es.

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„Ich bin, wie ich bin“, sagt Krug und diese fünf Worte sind vielleicht die treffendste Beschreibung für einen Mann, der sich nicht verstellen kann und will. Sein Vater (er verstarb, als Thorsten 17 Jahre alt war) und seine Mutter eröffneten in Füssen das Geschäft bereits 1981, seit nunmehr 45 Jahren gibt es also Krug Herrenmode. Doch der Weg nach Hopfen war kein Selbstläufer. Geboren in Bielefeld, gelernt und gearbeitet in Füssen, in Überlingen am Bodensee und Springe bei Hannover, führte ihn der Weg 1995 zurück ins Allgäu. Die verschiedenen Stationen hört man ihm an – er wechselt mühelos zwischen Hochdeutsch und Allgäuerisch, passt sich seinem Gegenüber an. „Phonetisch bin ich nicht schlecht aufgestellt“, sagt er schmunzelnd. Diese Anpassungsfähigkeit ist im Handel unerlässlich, doch seine Persönlichkeit verbiegt er dabei nie.

„Zeit ist der neue Service“

Was ihn von der Masse abhebt, ist sein Verständnis von Service. Wenn ein Mann eine komplette Garderobe wie Kombination oder Anzug für Festlichkeiten, Business etc. braucht, macht Krug einen Termin. Dann hängt er ein Schild in die Tür – „Beratungsgespräch“! „Ich gehe davon aus, dass der Kunde alles Recht der Welt hat, den bestmöglichen Service zu bekommen. Den kann ich aber nur geben, wenn ich ausschließlich Zeit für Ihn habe“. Aus einer geplanten Stunde werden oft zwei oder mehr. Kaffee wird getrunken, Hochzeiter bringen ihre Freunde samt einer Kiste Bier mit, Leberkäs-Semmeln werden geholt und man macht sich eine gute Zeit. Das ist sein Verständnis von Handel – nicht die schnelle Transaktion, sondern das Gefühl zu vermitteln, dass sich jemand kümmert. Viele seiner Kunden bedanken sich dafür, sagen: „Mein Gott, es ist so schön, dass es noch solche Art Läden gibt“!

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Das Kernpublikum sind Männer, welche im Leben angekommen sind, die Familie haben und im Beruf ihr Standing gefunden haben. Viele begleitet Krug seit Jahrzehnten, mittlerweile kommen nicht selten deren Söhne. „Die Jungen sind oftmals völlig von sich selbst überrascht, wenn sie das erste Mal im Anzug vor dem Spiegel stehen“, erzählt er. Einige wüssten gar nicht mehr, wie eine Hose ordentlich sitzt. Doch wenn sie dann ihr Spiegelbild sehen, seien sie begeistert – und die Eltern erst recht.

Gegen den Strom der Fast Fashion

Krug wird emotional, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit und Fast Fashion geht. „Jeder erzählt, wir brauchen E-Autos, regionale Wurst, Eier und Gemüse – aber bei dem, was wir auf unserer Haut tragen, was uns nach außen sichtbar ausmacht, ist es uns egal, woher unsere Kleidung kommt, wie sie hergestellt wird. Ich verstehe es nicht.“ Seine Kritik richtet sich gegen die Doppelmoral der Konsumgesellschaft, gegen die Wegwerfmentalität. „Wir haben doch alle viel zu viel in unseren Schränken hängen. Aber wenn es das ist, dass die Leute danach gieren, dass jede Woche zum Teil fragwürdig hergestellte Bekleidung über den Seeweg zu uns gelangt, die wir dreimal anziehen, um sie dann wegzuschmeißen – Leute, erzählt mir nicht, dass es das sein kann (2022 waren es in Deutschland ca. 150.000 Tonnen Textilabfall).“

Er selbst setzt auf Qualität, auf europäische Produktion, auf Stoffe und Schnitte, die halten. „Das machen wir seit 45 Jahren bei uns im Laden. Es hat nur niemanden interessiert.“ Jetzt wo Nachhaltigkeit zum Trend ernannt wurde, ärgert ihn das Scheinheilige daran. Doch er predigt nicht – er lebt vor. Und seine Kunden schätzen genau das.

Die ehrliche Art

„Ich kann mir schon vorstellen, dass der ein oder andere ein Problem damit hat, wenn ich ihm ehrlich sage, was ihm, steht und was nicht“, gibt Krug zu. Direkt. Ohne Umschweife. Diese Ehrlichkeit ist nicht immer bequem, und sie ist selten geworden. Thorsten Krug verkauft nicht um des Verkaufens willen – er will, dass seine Kunden sich wohl fühlen, dass sie etwas finden, das zu ihnen passt. Manch mal zeigt er Ihnen auch Hemden und Shirts, von denen er weiß, dass sie sie nicht sofort kaufen werden. Ein Hemd mit Totenköpfen, eines mit Ananas in Sonnenbrille. „Der muss es nicht beim ersten Mal kaufen. Aber er hat es gesehen. Und vielleicht denkt er sich für die nächste Gartenparty: Da war doch was“! Die Idee pflanzen, den Denkanstoß geben – das möchte er seinen Kunden mitgeben.

Der Preis der Leidenschaft

„Mit meiner Arbeit bin ich zufrieden. Mit der Entwicklung im Einzelhandel überhaupt nicht“ sagt er. Er spricht darüber, wie sich der Ort verändert hat. „Hopfen wandelt sich gefühlt von einem Feriendorf zu einem Ferienpark. Dadurch verändert sich das Einkaufsverhalten. Allerdings hat sich dieses in sehr vielen Bereichen grundlegend gewandelt“, bemerkt er. Ob er den Schritt bereut hat, nach Hopfen gekommen zu sein? „Nein, hier ist es halt anders“, antwortet er. „Ich möchte Zeit haben für meine Leute“ In einer Fußgängerzone, im hektischen Touristentrubel, wäre das nicht möglich. Die Arbeit ist sein Leben – im Guten wie im Herausfordernden. 2022 erlitt Thorsten Krug, der von seinen Freunden meist nur „Torte“ genannt wird, einen Herzinfarkt. „Sie haben maßlos gelebt“, sagte der Arzt. Er widersprach nicht. Seitdem ist er 25 Kilo leichter, ernährt sich bewusster, raucht kaum noch. „Ich sehe viele Dinge gelassener als vorher.“

Familie

Luise, seine Frau, nennt er „mein Mädchen“. Dieses Jahr feiern sie Silberhochzeit. Tochter Lisa, „auch mein Mädchen“, war schon da, als er seine Frau kennenlernte. „Wenn ich die Frau habe, habe ich das Kind auch. Damit ist für mich auch klar gewesen, sie so erziehen und zu begleiten, als wäre sie mein eigenes Kind.“ Diese bedingungslose Zuneigung, diese Fähigkeit zu lieben, hat er von seinen Eltern.

Auch seine ältere Schwester, die in Portugal lebt, ist ihm wichtig – eine Rebellin, eine Aktivistin, die ihr Leben nach ihren Regeln lebt. „Die macht einfach das, wo viele andere sagen würden: Die spinnt. Aber das ist ihre Überzeugung und somit ist ihr auch egal, was andere über sie denken.“ Bewunderung schwingt in seiner Stimme mit.

Ein Geschäft mit Haltung

„Uns, mich, gibt es nicht wegen der Gäste, sondern wegen der Einheimischen“ stellt der Fußballfan klar. „Krugs haben 1981 aufgemacht, damit der Einheimische etwas zum Anziehen finden kann. Daran hat sich nichts geändert.“
Es ist eine Haltung, die immer seltener wird: ein Geschäft, das nicht primär den schnellen Euro vom Touristen sucht, sondern dem Ort und seinen Menschen dient. Ob er noch 10 Jahre weitermacht? „Der Wunsch ist da“, sagt er!

„Ab und zu wird es mir hier“ – und er zeigt auf seinen Kopf, „zu eng.“ Abschalten fällt ihm schwer, wenn er in Hopfen ist. Deswegen braucht er seine freien Tage, Urlaub, die Auszeiten mit seiner Frau. Wenn er dann Richtung Meer unterwegs ist, ist er weg. Endlich mal Ruhe vom Reden. „Wenn du 330, 340 Tage im Jahr reden musst, sollst, willst, dann bist du auch froh, wenn es mal nicht so ist.“ Was bleibt, ist ein Mann, der seinen Weg geht. Kompromisslos, ehrlich, mit Ecken und Kanten. Thorsten Krug ist kein bequemer Verkäufer, der jedem nach dem Mund redet. Er ist ein Händler mit Haltung, ein Berater mit Meinung, ein Mensch mit Herz. „Ich kann jeden Morgen in den Spiegel gucken, ich kann aber auch jeden Abend in den Spiegel gucken“, sagt er. Und genau diese Integrität ist es, die seine Kunden schätzen und die sein Geschäft in Hopfen am See zu etwas Besonderem macht – zu einem Ort, an dem Mode mehr ist als nur Stoff. Sie ist Ausdruck von Persönlichkeit, von Werten, von gelebter Leidenschaft.


Inhaber: Luise und Thorsten Krug
Uferstraße 2
87629 Füssen / Hopfen am See
Telefon: (0 83 62) 48 66
info@krug-herrenmode.de

Text: tk/FA · Foto: Sabina Riegger

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