Kolumne

Kein Plan, bester Plan

Ich sitze auf dem Beifahrersitz unseres alten VW Busses. Es fühlt sich an, als könnte ich die Luft schneiden. Es ist schwülheiß, die Sonne brennt. Ich versuche die Fensterscheibe noch weiter runterzulassen, in der Hoffnung, ein bisschen mehr Fahrtwind in den dreiunddreißig Jahre alten Bus zu bekommen.

Umgeben von großen Weiden, halten wir an einer Parkbucht. Die Kinder schlafen. Der Hund schaut mich mit skeptischem Blick an. Er kann nicht sprechen, aber wir verstehen uns auch ohne Worte. Wir haben uns verfahren. Und der Hund weiß es. Ich müsste jetzt dringend ins Internet, um die Adresse zu finden. Aber es geht nicht- kein Netz. Ich versuche es wie die Schauspielerinnen in seichten Filmen, wenn der letzte Funken Hoffnung in einer scheinbar aussichtslosen Situation der Handyempfang ist. Ich steige aus und halte mein Telefon in die Luft. Irgendwo muss er doch sein, dieser Empfang.

Aus dem Bus tönt leise die Musik- Billie Holiday. Ich muss an Schweden denken, an eine ähnliche Situation. Wir mussten unsere Reserven für die kommenden Tage auffüllen. Noch nirgends zuvor waren wir so tief in den Wäldern unterwegs, in der unberührten und weiten Natur. Und noch nirgends zuvor war mein Handyempfang besser als in der tiefsten Wildnis Schwedens.

Aber gut, ich bin gerade nicht in einem schwedischen Wald, sondern ungefähr hundert Kilometer vor Berlin. Das ist natürlich eine völlig andere Situation. Millimeter für Millimeter lasse ich das Telefon durch die Luft gleiten. So langsam zwickt meine Schulter. Mein Mann winkt mich zurück zum Bus. „Komm, wir fahren jetzt mal in den Ort rein.“ Wir flüstern, unsere Kinder schlafen noch immer. Solange wir fahren, lese ich mein Buch weiter: „Abends war alles zu einer Masse verklebt, der Tag lag wie in Grießklumpen da, grau und zäh… .“

Ich klappe das Buch schnell wieder zu. Ich glaube, wir haben keinen Plan mehr. Langsam rollen wir durch die kleine Ortschaft. Wir fahren auf ein altes Fachwerkhaus am Ende einer Kurve zu. An dem Haus lehnt eine glatzköpfige Schaufensterpuppe im Neoprenanzug. Ein Mann kommt aus dem Garten an die Straße und gestikuliert entschieden. Wir halten an:

„Na, Freunde, wat sucht ihr? Kajak, Kaffee oder Karaoke?“ Der Mann heißt Bela. Er ist Ende fünfzig und sieht aus wie Chevy Chase mit Hornbrille. Bela ist begnadeter Kajakfahrer, Sänger, Hobby-Barista, Maler und Bürgermeister. Außerdem hat er uns vereinnahmt.

Der Internet-Zugang ist inzwischen egal. Weil wir jetzt hier sind. Zwischen Kaffee und Musik, Mücken, Eis und Lampions. Zwischen Spree und privatem Stellplatz im Garten. Mir fällt gerade etwas von Gerhard Uhlenbruck ein: „Man muss nicht immer da anknüpfen, wo man den Faden verloren hat, sondern auch mal etwas Neues einfädeln.“

Oder wie Bela singt: „Dat Jute kommt immer. Dit is amtlich.“

Ich glaube, genau so geht glücklich sein.

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