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Quantität statt Qualität?

… im Gespräch mit Füssens Tourismuschef Stefan Fredlmeier

Sie bieten Betten in besten Innenstadtlagen und punkten mit attraktiven Übernachtungspreisen. Das sind die sogenannten Budget-Hotels. Ihre Hauptmerkmale – vornehmliche Buchungsmöglichkeit via Internet, kaum Personal, datumsabhängige Preise, schlichte Ausstattung. So ein Budget-Hotel soll in der Reichenstraße im alten Sparkassen-Gebäude entstehen. Der Investor plant 28 Zimmer mit etwa 60 bis 80 Betten. Ein Restaurant ist nicht geplant. Eine Baunutzungsordnung ist für die gesamte Reichenstraße nicht vorhanden, hieß es aus dem Rathaus. „Es ist ein Mischgebiet“, so Armin Angeringer aus dem Stadtbauamt. Fakt ist, dass so ein Projekt nicht in das Tourismuskonzept von Füssen Tourismus und Marketing sowie der Stadt Füssen passen. Positiv zu bewerten ist allerdings, dass beim Umbau des Gebäudes ein öffentliches WC entsteht, hieß es von Seiten des Stadtrates, sowie die Beseitigung eines Leerstandes in einer 1A-Lage.

Füssen aktuell sprach mit Tourismusdirektor Stefan Fredlmeier über das geplante Hotel und die Entwicklung des Tourismus in Füssen…

Herr Fredlmeier, haben wir in Füssen einen Qualitätstourismus?
Wir haben in Füssen keine einheitliche Qualität: Unser Qualitätsspektrum spreizt sich auf vom exzellenten Premiumhaus mit ausgezeichneter Ausstattung und exquisitem Service bis hin zu Billiganbietern, die nur deshalb existieren, weil Füssen mit der Lage nahe den Königsschlössern vor allem in der Hauptsaison sehr viele Urlauber und Tagestouristen in die Stadt zieht. Indes haben wir uns in den touristischen Gremien auf einen klaren Qualitätskurs verständigt, um zu vermeiden, in den Strudel des Billigtourismus zu geraten, der letztlich einen ruinösen Preiswettbewerb primär in der Nebensaison nach sich zieht.

Welche Kriterien sind für einen Qualitätstourismus unabdingbar?
Generell ist Qualität keine Frage beispielsweise der Anzahl der Sterne, sondern auf jeder Angebotsebene möglich. Eine Beschreibung der Kriterien für einen Qualitätsnachweis hängt von dem Produkt, aber auch von der Zielgruppe ab. Vereinfachend kann man aber sagen: Qualität im Tourismus bedeutet nicht, einen Ertrag mit minimalem Aufwand zu betreiben, sondern bei gegebener Wirtschaftlichkeit maximale Anstrengungen zu unternehmen, um den Gast zu begeistern.
Das alte Sparkassen-Gebäude in der Reichenstraße soll ein Budget Hotel werden, das heißt reduzierte Zimmerflächen zu günstigen Preisen ohne direkten Service.

In Großstädten ist das üblich. Füssen ist eine Kleinstadt. Gibt es eine Bedarfsanalyse dafür?
Wir selbst verfügen über keine selbst ermittelten Zahlen, was den Bedarf im Budgetbereich betrifft, wissen aber von Investoren in diesem Segment, dass durchaus ein Bedarf in Füssen besteht bzw. diesbezügliche Kapazitäten bei guter Vermarktung vor allem über internationale Reiseveranstalter primär in der Hauptsaison ausreichend ausgelastet werden können. Wir sprechen von Reisegruppen oder Einzelreisenden, deren hauptsächliche Motivation nach Füssen zu kommen der Besuch des Schlosses Neuschwanstein ist und für die Füssen hauptsächlich dann interessant wird, wenn die Stadt Hotels mit sehr günstigen Preisen präsentieren kann. Verfolgt man eine rein quantitative, also nur auf eine Steigerung der Übernachtungszahlen ausgerichtete Strategie, könnte man solchen Projekten also durchaus zustimmen. Die touristischen Gremien haben sich allerdings ganz klar anders positioniert: Eine Zustimmung von touristischer Seite erfahren nur solche Projekte, die geeignet sind, eine strategische Schwäche zu beseitigen oder aber die Wettbewerbsfähigkeit bestehender Betriebe zu steigern. Ein unreguliertes Wachstum von Kapazitäten hingegen verschärft die Konkurrenzsituation vor allem in der Nebensaison, drückt den Preis und vermindert dadurch die Wertschöpfung der Anbieter. Rein über den Preis und nicht über die Qualität mit klarer Profilierung anzubieten, birgt das Risiko, dass man schnell Geschäft verliert, wenn ein anderer Anbieter den Preis unterbietet. Für Füssen als Ganzes gilt: Wir dürfen uns nicht unter Wert verkaufen – dazu sind unsere Stadt und das Allgäu viel zu wertvoll.

In dem Fall ist keine Bebauungsnutzungsordnung vorhanden, da die Reichenstraße ein Mischgebiet ist. Das bedeutet, dass  die Zielsetzung einer qualitativ hochwertigen Entwicklung von Tourismus und Stadt eigentlich keine Auswirkung auf die Beantwortung der baurechtlichen Fragestellung hat. Kann man unter diesen Umständen die touristische Zielentwicklung trotzdem realisieren?
Für die Gremien und auch für mich, die wir viel Zeit und Energie in die Erarbeitung einer qualitätsorientierten Tourismusentwicklungsstrategie investiert haben, ist es reichlich frustrierend, dass letztlich das Baurecht jegliche touristische Erwägungen (er)schlägt. Unsere Stellungnahmen verpuffen immer dann, wenn es keine baurechtlichen Instrumente gibt, um potenziellen Fehlentwicklungen Einhalt zu gebieten. Dem Bauausschuss bleiben oft nur Hilfsmittel wie Stellplatznachweis oder die Fassadengestaltung, um einen Einfluss geltend zu machen.

Eigentlich könnte sich doch Füssen glücklich schätzen, wenn der Leerstand im alten Sparkassen-Gebäude nach vielen Jahren endlich beseitigt wird, oder?
In der Tat sehen auch wir diesen Aspekt im Kern positiv, ebenso wie die Investitionsbereitschaft eines Unternehmens aus der Region und nicht zuletzt die geplante Schaffung von weiteren öffentlichen WCs. Neben der Diskussion um die Notwendigkeit und das Niveau der neuen Kapazitäten stellt sich aber auch die Frage, wie die Füssener Altstadt ein weiteres Hotel verkraften soll. Schon heute kommt es angesichts des spürbaren Verkehrsaufkommens in der Ritterstraße und der Hinteren Gasse bisweilen zu heiklen Verkehrssituationen und deutlichen Interessenkonflikten zwischen Fußgängern, Radfahrern und KFZ.

Besteht nicht irgendwann einmal die Gefahr, dass die Gäste Füssen als Destination nicht mehr buchen werden, weil der Stress durch zu viele Gäste als zu groß empfunden wird und man sich nicht mehr wohlfühlt?
In bestimmten Teilen Füssens besteht die Gefahr, dass die Aufenthaltsqualität sinkt, wenn man auf ein rein quantitatives Wachstum setzt. Glücklicherweise gibt es viele Häuser, die mit hohem Aufwand in höchste Qualität investieren. Für Füssen gilt, dass wir deren Ausrichtung zum Maßstab der Gesamtentwicklung nehmen müssen, nicht ein Wachsen im Budget-Bereich. Letzterer muss Füssens Angebot abrunden, darf aber das Angebot nicht dominieren.

Eine Frage zum Schluss:  Kann das Festspielhaus wieder ein Zugpferd für Füssen werden?
Durchaus: Aus touristischer Sicht wünsche ich mir eine Kombination aus Festspielhaus und einem 4- bis 5-Sterne-Hotel und damit ein Angebot auch für größere Tagungen und Kongresse an einem Standort, der fraglos zu den attraktivsten im gesamten Alpenraum zählt.

Das Interview führte Sabina Riegger
Bild:  Hubert Riegger

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