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Heilkräuter der Alpen

Besonderes aus den Höhen der Berge

Wie viele Menschen uns wohl beneiden, dass wir direkt am Fuß der Alpen wohnen, wissen wir nicht, allerdings denken sie bestimmt eher an die wunderschöne Landschaft und das Panorama, vielleicht noch an sportliche Aktivitäten, wohl aber weniger an Heilkräuter. Darum würde ich Ihnen gerne diesmal als „Einheimische“ den Blick dafür schärfen, welche Schätze der Pflanzenwelt am Rand Ihres Wanderweges liegen. Also Augen auf bei der nächsten Bergtour, es lohnt sich wirklich!

Meisterwurz (Peucedanum oder Imperatoria ostruthium)

„Verachtet mir die Meister nicht!“ sagte bereits Richard Wagner und so ist diese Pflanze aus der Familie der Doldenblütler eine wahre Meisterin unter den Heilpflanzen der Alpen und auch der Pyrenäen. In diesen Lebensräumen hatte sie schon lange Zeit eine große Bedeutung, da ihre Wurzeln traditionell für vielerlei Heilzwecke verwendet wurden. Durch die Kräfte, die ihr nachgesagt werden, hat sie auch den Namen „Ginseng der Alpen“ bekommen. Gerne wächst sie in Bereichen über 1.000 Meter, bevorzugt steinige und kalkige Böden und liebt einen „feuchten Fuß“, sprich, man findet sie an Bachufern oder in feuchten Gebüschzonen. Je nach Standort wird sie von 40 bis 100 cm hoch, ist ausdauernd, trägt nur wenige Laubblätter und bildet große Dolden mit kleinen weißen Blüten, diese etwa von Juni bis August. Die Wurzel, die ja für Heilzwecke verwendet wird, wird selbst im zeitigen Frühjahr oder im späten Herbst geerntet, da ihr in diesen Zeiten die größte Heilwirkung zugeschrieben wird. Am allerbesten seien die Pflanzen, die besonders hoch in den Bergen wachsen, umso widriger ihre Lebensumstände, umso mehr Energie sollten sie entwickeln.

In der Volksmedizin des Alpenraumes spielte sie immer schon eine große Rolle. Sie galt als eines der besten Mittel  gegen Ansteckungen aller Art und wurde für Mensch und Tier gleichermaßen verwendet. Unter anderem wurde eine getrocknete Wurzel als Anhänger getragen, um Krankheiten fernzuhalten und um „böse Geister zu vertreiben“. Als besonders heilkräftig galten die Wurzeln, die in der Johannisnacht (21. Juni) gegraben wurden.

Die Heilige Hildegard von Bingen schreibt: „Die Meisterwurz ist warm und taugt gegen Fieber. Denn wer Fieber hat, welcher Art es auch sei, der nehme Meisterwurz und zerstoße sie mäßig und gieße einen halben Becher Wein bis über die obersten Stücke (…) und so lasse er das mit diesem Wein über Nacht stehen, und am Morgen gieße er wiederum Wein dazu und so trinke er nüchtern, und das während 3 oder 5 Tagen, und er wird geheilt werden.“

Dieses Universalmittel gegen Fieber aller Art (evtl. sogar auch bakterielles) würden wir heute so zubereiten: Das Kauen einer kleinen Portion Meisterwurz lindert durch ihre ätherischen Öle, Gerb- und Bitterstoffe außerdem Übelkeit, Magenschmerzen und Verdauungsbeschwerden und soll sogar Zahnschmerzen lindern. Bei Bronchialerkrankungen wird durch die antibakterielle Wirkung die Atmung erleichtert, der Schleim gelöst und die Heilung beschleunigt. Ein Brei aus Meisterwurz-Pulver kann äußerlich aufgetragen Hautentzüngen lindern. Ein hieraus traditionell hergestellter Wurzelbrandwein ist besonders in Nord- und Osttirol bekannt und hat einen aromatischen Geschmack.

Sanikelkraut (Sanicula europea)

Diese zarte elfengleiche Pflanze aus der Familie der Doldenblütler wird in manchen Gegenden sogar „Heil aller Welt“ genannt, wofür auch der lateinische Gattungsname Sanicula spricht, abgeleitet von sanare = heilen, was sicher in Bezug auf die Verwendung des Krautes als Wundheilmittel steht. Die eher anspruchslose Waldpflanze ist theoretisch beinahe in ganz Europa beheimatet, zumindest dort, wo es noch frische Laubwälder mit kalkigem Untergrund gibt und sie aus diesem Grund selten höher als 1.700 m zu finden ist. Da die Familie der Doldengewächse sehr, sehr groß ist, gibt es einen Tipp zur Unterscheidung: das Sanikelkraut gehört mit einer Wuchshöhe von nur 20 – 60 cm zu den kleinsten seiner Art und hat charakteristische johannisbeerblattähnliche Laubblätter.

In den Schriften der alten griechischen oder römischen Ärzte lässt sich das Sanikelkraut nicht nachweisen, aber auch hier hatte wieder einmal die Heilige Hildegard von Bingen die Nase vorne: Sie meint dazu: „Die Sanikelpflanze ist warm und es ist mehr Reinheit in ihr und ihr Saft ist angenehm und heilsam…“. Das Sanikelelixier, auch unter dem Namen Sanivin bekannt, aus 100g Sanikelkraut mit Wurzel, 2 L Wasser, 300 g Honig und 50 g Süßholzsaft – Sanikelkraut mit Wasser 5 min. kräftig auskochen, Honig und Süßholzsaft zugeben, nochmals 2 min. aufkochen, filtrieren und in sterile Flaschen füllen – 3 Mal täglich 1 Likörglas nach dem Essen – gibt es gottseidank heute schon in trinkfertiger Form.
Empfohlen wird es von ihr ausdrücklich bei allen Eingeweideleiden, sprich Schmerzen und Entzündungen, sei es von Magen, Leber, Milz, Galle, Bauchspeicheldrüse, Dünn- und Dickdarm sogar den Organen des Unterleibs wie der Gebärmutter.

Auch nach Pfarrer Kneipp bringt der Sanikel, innerlich und äußerlich angewandt, bei allen Arten von Verletzungen Hilfe – bei Gaumen-, Rachen- und Magenentzündungen, Blutbrechen, ebenso wie bei äußerlichen Verwundungen und Quetschungen.

Die Wirkungen der Pflanze beruhen u.a. auf ihrem Gehalt an Saponinen, Gerb- und Bitterstoffen. Sie wirkt allgemein magenstärkend, appetitanregend, schleimlösend bei Bronchitis – hier wäre ein Aufguß aus 2 EL getrocknetem Kraut auf ¼ L Wasser mit Honig gesüßt gut – und eignet sich als Kaltauszug gut zur Mundspülung bei Zahnfleischerkrankungen.
Frisches Sanikelkraut auf Wunden gelegt, kann die Blutung stillen (Desinfektion natürlich nicht vergessen!), Auflagen oder Umschläge sind bei Entzündungen angezeigt, es wird auch gerne für Bäder genutzt.

Eine Teemischung gegen Blähungen und Magen-Darm-Beschwerden könnte wie folgt aussehen: 10 g Sanikelkraut, 10 g Kümmelfrüchte, 20 g Pfefferminzblätter, 5 g Fenchelfrüchte
2 gehäufte TL dieser Mischung (Fenchel und Kümmel vorher im Mörser grob zerstoßen) mit ¼ L Wasser übergießen und 10 min. ziehen lassen. 2 x täglich 1 Tasse trinken.

Augentrost (Euphrasia officinalis)

„Nomen est omen“ – das trifft kaum bei einer Heilpflanze so gut zu wie beim Augentrost, dem Mittel bei Augenleiden vielerlei Art. Das Kraut aus der Familie der Sommerwurzgewächse (Orobanchaceae) steigt in den europäischen Alpen bis in eine Höhe von 2.300 m. Der  Augentrost ist ein einjähriger sogenannter „Halbschmarotzer“ auf Wiesenpflanzen, seine Samen sind nur in deren Einflussbereich keimbar, mit Hilfe von Saugwurzeln wird die Wirtspflanze angezapft. Hiervon kommen auch seine anderen Trivialnamen wie „Wiesenwolf“ oder „Weiddieb“. Ist die Pflanze herangewachsen, kommt sie auch ohne „fremde Hilfe“ aus. Der Name „Euphrasia“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet Frohsinn oder Wohlbefinden. Bei den antiken Ärzten wurde der Augentrost noch nicht erwähnt, aber in der Signaturenlehre des Paracelsus wird er auf jeden Fall schon beschrieben – die kleinen weißen Blüten mit dem schwarzen Punkt in der Mitte erinnern tatsächlich an ein Auge. Im 14. Jhd. widmete der spanische Arzt Arnoldus Villanovus ihm sogar ein ganzes Buch, er war davon überzeugt, dass diese Pflanze den Blinden das Augenlicht wiedergeben könne… In Frankreich heißt ein Wein aus Augentrost „Casse-lunette“ – Brillenbrecher.

Die Wirkstoffe sind natürlich in unserer heutigen Zeit bekannt: entzündungshemmende Iridoidglykoside, antibakterielle Phenolcarbonsäuren und Flavonoide, um nur die wichtigsten zu nennen. Deshalb wirken abgekochte, reine Umschläge bei diversen Augenleiden wie Bindehaut- oder Lidrandentzündung, bei mechanisch hervorgerufenen Verletzungen wirkt die Pflanze schmerzlindernd und heilend. Auch Störungen der Augenfunktion z.B. Lichtempfindlichkeit, Brennen, Tränenfluss können positiv beeinflusst werden. Selbstverständlich gibt es diverse Fertigprodukte in Form von Augentropfen, -salben oder -bädern (übrigens auch gut bei Tieren einsetzbar, selbst schon an meinen Katzen erprobt!), aber es ist möglich, sich selbst eine Spülung oder einen wohltuenden Umschlag herzustellen:
½ TL Kraut für 2 min. in 125 ml kochendem Wasser ziehen lassen. Sehr sorgfältig filtern, am besten durch 2 Kaffeefilter geben. Zwar sind im Tränenfilm bakterientötende Stoffe enthalten, bei entzündeten Augen sollte man auf jeden Fall trotzdem auf eine gewisse Sterilität achten (Hände waschen!). Bei übermäßigem Tränenfluss lässt man das Kraut länger ziehen, damit der Aufguss stärker wird und das Auge trocknet. Natürlich kann man Augentrost auch als Tee trinken, traditionell bei Magenproblemen, gegen Husten und Heiserkeit, Heuschnupfen, Nebenhöhlenentzündungen sowie Hautproblemen, bei letzteren auch wieder zusätzlich als Umschläge.

Also, wenn sie das nächste Mal wieder in die Berge gehen, dann hoffentlich mit einem besonders geschärften Blick, damit Sie diese Schätze am Wegesrand auch entdecken.

Ihre Apothekerin
Simone Wagner

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