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Erste Hilfe mit einheimischen Kräutern

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Ob Sie nun spazieren bzw. wandern gehen, mit dem Fahrrad unterwegs sind oder einfach nur ein Picknick veranstalten, ein kleines Malheur ist schnell passiert. Wie schön wäre es dann, wenn man sich und Anderen mit frischen Pflanzen Erste Hilfe leisten könnte? Das ist eigentlich gar nicht so schwer, denn in unserer Umgebung wächst Vieles, das uns hierbei unterstützt. Natürlich dienen diese Empfehlungen nur zur Erstversorgung, sie ersetzen keinen Besuch beim Fachmann, aber tragen rasch zur Linderung bei.

Hirtentäschelkraut
(Capsella bursa-pastoris)

An diesem Kraut sind sie sicher schon oft vorbei gelaufen und mögen es für Unkraut gehalten haben, denn das bescheidene Pflänzchen wächst an sehr unspektakulären Plätzen, selbst zwischen Pflastersteinen. Und doch ist es anerkannte Heilpflanze mit erstaunlichen Fähigkeiten. Das Hirtentäschelkraut gehört zur Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae) und blüht von März bis Oktober. Ursrünglich stammt es aus Osteuropa, hat sich aber weit verbreitet – außer in den Tropen wächst es inzwischen überall. Seine Inhaltsstoffe sind Senfölgykoside, sog. Glucosinolate, die zu den sekundären Pflanzenstoffen zählen, außerdem spezielle Proteine, Aminosäuren und Mineralien wie Calcium und Kalium sowie Flavonoide.

Seinen Namen verdankt das Hirtentäschelkraut übrigens der Form seiner Frucht. Diese erinnert an die aus Fell gefertigten Umhängetaschen mittelalterlicher Hirten. Die Legende erzählt, dass die Hirten eine Pause machten und ihre Taschen mit Geldstücken über Nacht an einen Baum hängten. Am nächsten Morgen waren sie angewachsen, weil der Busch die Geldstücke für die reifenden Samen hielt. Was aber Tatsache ist, dass Hirten seit jeher das Kraut bei sich trugen, um ihren Schafen im Bedarf schnell Hilfe leisten zu können. Wie kann uns nun das Hirtentäschelkraut im Akutfall helfen? Mit einem Grashalm gespielt, unvorsichtig mit dem Taschenmesser hantiert, an einer Glasscherbe verletzt? Blutet die Wunde heftig oder blutet sie erneut, weil sie wieder aufgerissen wurde?

Bei kleineren Verletzungen stoppt ein Breiumschlag aus dem oberirdischen ganzen Kraut nicht nur die Blutung, sondern heilt außerdem und hat antientzündliche Eigenschaften. Eine mit dem Pflanzensaft aus den Blättern getränkte Watte stoppt sehr schnell Nasenbluten. Wer öfter darunter leidet, sollte immer eine kleine Dose mit getrocknetem und fein zerkleinertem Hirtentäschelkraut bei sich tragen. Bei Bedarf braucht man dann nur ein weinig von diesem Pflanzenpulver wie Schnupftabak einzuschnupfen. Die Blutung wird dadurch gestoppt.  Das Pulver kann auch direkt auf frische, blutende Wunden gestreut werden. Natürlich ist es auf jeden Fall sinnvoll, die Wunde daheim nochmals zu desinfizieren und zu versorgen und sich evtl. medizinische Hilfe zu holen.

Zitronenmelisse
(Melissa officinalis)

Die Zitronenmelisse oder Melisse gehört zur Familie der Lippenblütler und stammt aus dem östlichen Mittelmeerraum. Das Wort Melissa ist die gekürzte Form des griechischen melissophyllon, das „Bienenblatt“ bedeutet, abgeleitet von melitta = Biene und meli = Honig. Schon im Altertum wurde die Melisse als Bienenfutterpflanze angebaut, Plinius und Virgil berichteten, dass sie als Lockmittel zum Ausreiben von neuen Bienenstöcken verwendet wurde. Die medizinische Anwendung der Melisse hat ebenfalls eine ca. 2000-jährige Tradition. In Griechenland war sie hauptsächlich zur Behandlung sog. „Frauenbeschwerden“ bekannt, die Römer setzten sie außerdem bei Melancholie, Skorpionstichen und Spinnenbissen ein. Benediktinermönche brachten sie mit nach Deutschland und schon Kaiser Karl der Große ordnete an, dass sie in jedem Klostergarten anzupflanzen sei. Hildegard von Bingen nannte die Zitronenmelisse „Bienenaug“ und empfahl sie als Mittel, welches „das Herz freudig macht“. Zusätzlich wurde sie auch auch gegen Zahnschmerzen und Hundebisse verwendet. Ein Tee aus Melisse wurde bei strapazierten Nerven und Schlaflosigkeit getrunken, es hieß, das bringe schöne Träume. 1611 stellten die Karmeliter zum ersten Mal ihren berühmten Melissengeist her, der auch heute noch bei Erkältung, Migräne, Magenbeschwerden und Frauenleiden Verwendung findet, aber ja angeblich alles heilen könne…

Arzneilich wirksam ist das in den Melissenblättern enthaltene ätherische Öl, das sich u.a. aus den Substanzen Citral, Geranial, Neral und Citronellal zusammensetzt. Diese Stoffe sind auch für den zitronenartigen Geruch verantwortlich. Außerdem sind noch Bitter- und Gerbstoffe, Flavonoide und Mineralsalze enthalten. Die Melisse entfaltet in unserem Körper gleich mehrere Effekte. Erstens wirkt sie leicht beruhigend und angstlösend und kann so auch beim Einschlafen helfen. Zweitens kann sie die Muskulatur im Darm entspannen und so Blähungen und Völlegefühl lindern. Und drittens, und das ist das Entscheidende für unsere „Erste Hilfe“, haben selbst Experimente im Labor gezeigt, dass sie sogar Herpes-simplex-Viren bekämpft. Natürlich gibt es auch Herpessalben mit Melissenextrakt, aber unterwegs funktioniert das frische Kraut ganz wunderbar: sobald man das erste Kribbeln oder Jucken bemerkt, ein Blatt gut durchwalken, damit das ätherische Öl gut austreten kann. Damit dann die entsprechende Stelle betupfen. Lindern kann man damit aber auch kleinere Verletzungen und Insektenstiche.

Spitzwegerich
(Plantago lanceolata)

Lange ist es noch nicht her, dass ich Ihnen diese Pflanze vorgestellt habe, da allerdings im Zusammenhang mit Bronchialerkrankungen. Diesmal möchte ich sie Ihnen speziell für die Behandlung von Insektenstichen nahebringen. Bekannt ist diese Wirkung schon lange, im alten Rom wurden sogar Schlangenbisse und Skorpionstiche damit therapiert! Die Heilige Hildegard von Bingen erwähnt den Saft des Spitzwegerichs als juckreizstillendes, entzündungshemmendes Mittel. Inhaltsstoffe des Spitzwegerichs sind u.a. hautschützende Schleimstoffe, entzündungshemmende Iridoide, wundheilende Gerbstoffe, bindegewebsstärkende Kieselsäure und Vitamin C.

Bei einem frischen Insektenstich aller Art, selbst wenn er von einer Wespe kommt, kann der Spitzwegerich schnell und problemlos angewendet werden: 5-10 Blätter pflücken, so lange zwischen den Händen reiben, bis der austretende Saft (er brennt nicht und ist absolut hautverträglich) auf die betroffene Hautstelle aufgetragen werden kann. Die Wirkung tritt sehr schnell ein, Jucken, Schmerz und Brennen werden prompt gelindert, Schwellungen treten kaum auf, die Stelle wird desinfiziert. Auch sehr gut wirksam, wenn man versehentlich in Brennesseln gefasst hat. Selbst ältere Insektenstiche hören auf zu kribbeln und heilen schneller ab. Sogar als Notfallpflaster bei Schürfwunden ist der Spitzwegerich möglich. Hier wird zusätzlich mit einem ganzen Blatt umwickelt. Wenn man wieder zu Hause ist, kann man zusätzlich einen konzentrierten Tee kochen, eine Kompresse oder Mullbinde damit tränken und diese auf die Wunde legen. Auch bei beginnenden Halsschmerzen kann ein Blatt langsam zerkaut werden. Der Saft mischt sich mit dem Speichel und gleitet an den entzündeten Stellen entlang. Als Vorrat für daheim und unterwegs kann man sich auch eine Spitzwegerichtinktur ansetzen: frische Blätter (vor der Blüte) kleinschneiden, ein Schraubglas damit halb voll füllen und mit Doppelkorn, besser noch mit Weingeist 50-70%, aufgießen. 4-6 Wochen fest verschlossen an ein sonniges Fenster stellen. Danach filtrieren und in eine dunkle Flasche füllen. Zum Gurgeln ein paar Tropfen in ein Glas Wasser geben, bei Insektenstichen auch pur auftragbar.

Als Linderung bei Blasen, schmerzenden, wunden und müden Füßen dient ein Verwandter des Spitzwegerichs, der Breitwegerich (Plantago major). Hier werden die Blätter ganz in die Socken eingelegt. Beim Laufen tritt der Saft aus und verbreitet seine wohltuende Wirkung, er kühlt, heilt und wirkt schmerzlindernd.

Also, gehen Sie mit wachen Augen durch die Natur, dann werden Sie mit Sicherheit diese nützlichen Pflanzen finden können.

Ihre Apothekerin Simone Wagner

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