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Über Nacht ist alles anders

Nichts ist mehr, wie es einmal war

Von einem Moment auf den anderen dreht sich das gesamte Leben und verändert alles Gewohnte. Für Leonie Fetter wurde das nach einer routinemäßigen Mandeloperation zur Wirklichkeit und hat den Alltag der gesamten Familie komplett auf den Kopf gestellt.

Im März 2011 hat für Leonie Fetter aus Aitrach beim Memmingen ein neues Leben begonnen, völlig unerwartet und schockierend für die ganze Familie, die seither mit ihrer schwerstbehinderten Tochter den gemeinsamen Alltag meistern müssen.
Zum damaligen Zeitpunkt war das Mädchen mit acht Jahren eine quirlige und aufgeweckte Frohnatur. Sie war am liebsten in der freien Natur, um Steine zu sammeln und mit den Tieren zu spielen. Theater spielen und Bauchtanz zählte zu ihren großen Hobbies, die sie leidenschaftlich ausübte. Ihre Kindheit verlief unauffällig normal, nur ihre Rachenmandeln machten Leonie manchmal zu schaffen, deshalb wurden sie bei einer Operation verkleinert. Nach geraumer Zeit wuchsen die Mandeln erneut nach und erschwerten ihre Atmung, deshalb musste sich das Mädchen am 27. März 2011 abermals einer Operation unterziehen.

Der Routineeingriff verlief planmäßig und komplikationslos, alles schien gut überstanden, bis in jener Nacht, in der sich die Wundkruste im Rachenraum löste und dabei eine Arterie mit verletzte. Für die Mutter, die zu diesem Zeitpunkt bei ihrer Tochter im Zimmer war, bis zum heutigen Tag ein Horrorszenario. Leonie blutete unaufhörlich aus dem Mund, das Ärzteteam war sofort zur Stelle und trotzdem begann ein Wettlauf mit der Zeit. Die Blutung war so stark und konnte nicht gleich gestillt werden, der Kreislauf sackte zusehends ab, Herzstillstand…! Gleichzeitig machte der in diesem Alter noch natürliche Schutzreflex des Kehlkopfes zu und somit ein Intubieren für die künstliche Beatmung kaum möglich. Leonie hatte dadurch eine halbe Stunde mit einer stark verminderten Sauerstoffversorgung zu kämpfen… eine halbe Stunde, deren Auswirkung gravierende Folgen für ihr weiteres Leben hatte.

Sie ist eine absolute Kämpfernatur  und hat es zum Glück überlebt. Dieses Glück sehen auch ihre Eltern so, die durch die Schwerstbehinderung ihrer Tochter eine völlig neue Lebenseinstellung bekamen und sich in bewundernswerter Art und Weise damit arrangiert haben.

Mehr als zwei Jahre liegen nun seit dem schweren Schicksalsschlag von Familie Fetter zurück. Die Erfahrungen in dieser Zeit brachten die Eltern Sonja und Erwin häufig mehr als an ihre Grenzen, bis sie es schafften, den Tagesablauf neu zu strukturieren.

Ihre Tage lassen keinen Spielraum mehr offen, alles muss genauestens durchgeplant werden, die Zeitabläufe werden größtenteils von Leonies schwerster Behinderung bestimmt. Der Morgen beginnt um 5 Uhr und endet abends gegen 23 Uhr, wenn die Ablösung des Pflegedienstes kommt, um die nächtliche Versorgung zu übernehmen. Das Mädchen benötigt eine rund um die Uhr Betreuung, da ihre Trachealkanüle viertel- bis halbstündlich abgesaugt werden muss. Mit sehr viel bürokratischem Aufwand haben die Eltern endlich einen etwas höheren Pflegesatz bekommen und können nun wenigstens die Nächte abdecken, um selber ein paar Stunden ruhigen Gewissens zu schlafen, da ja auch noch die beiden Geschwister, Lukas 7 Jahre und Luna 2 Jahre, tagsüber ihre Aufmerksamkeit benötigen. Den Haushalt und einen großen Anteil der Pflege ihrer Tochter übernimmt die Mutter selber, weil es mit noch weiteren Personen in ihrer Umgebung für Leonie viel zu unruhig werden würde. Die Schwestern von ProMedita sind zusätzlich zur Nacht noch von Montag bis Freitag von 9 – 15 Uhr vor Ort.  Täglich bekommt sie Therapiestunden in den Bereichen Physio-, Ergo-, und Logopädie. Obwohl diese Maßnahmen dringend zur Zustandstabilisierung gebraucht werden, stresst es sie oftmals ungemein und dann möchte Leonie nur noch ihre Ruhe haben und entspannen. Das tut sie gerne mit Gesichtsmassagen und Musik, derzeit dem  Alter entsprechen am liebsten rockige Lieder. Sonja und Erwin Fetter versuchen ihre Tochter so gut wie möglich in das normale Alltagsgeschehen mit einzubeziehen und sie bei allen Aktivitäten teilhaben zu lassen. Das ist allerdings auch das derzeit größte Handicap der Familie, da sie dringend ein behindertengerechtes Auto für Leonie benötigen. Momentan können sie keine einzige Fahrt mit allen Familienmitgliedern tätigen. Durch einen Spendenaufruf liegen die Gelder für das langersehnte Fahrzeug auf einem Treuhandkonto bereit,  um den Traum in die Tat umzusetzen. Allerdings lässt der größte und doch so bescheidene Wunsch der Familie noch etwas auf sich warten, da erst wichtige Details mit der zuständigen Finanzbehörde für die genaue Umsetzung geklärt werden müssen. Wenn sie die Großeltern im Nachbarort besuchen möchten, müssen sie mit dem Rollstuhl und den drei Kindern mehrere Kilometer zu Fuß hinlegen, was jetzt dann im Winter nicht mehr umsetzbar ist.

„Bescheidenheit und Dankbarkeit“ wird in dieser Familie seit Leonie’s Unfall sehr groß geschrieben und auch gelebt. Sie strahlen trotz ihres Schicksalsschlages eine so bewundernswerte Zufriedenheit und Herzlichkeit aus, die Vieles in einem neuen Licht erscheinen lässt. Sie selbst sind durch die Behinderung ihrer Tochter auf einen völlig anderen Weg gekommen, ihr Kind lehrt sie täglich neue Dinge, die sie mit Leonie über ihre Augen kommunizieren, ein Zwinkern bedeutet „Nein“ und zweimal Zwinkern „Ja“. Sie bekommt alles mit, Stress äußert sich über einen erhöhten Muskeltonus. Damit diese Spannungen nicht zu sehr belasten, wird sie derzeit noch über eine Schmerzpumpe versorgt.  Alles in allem hat Leonie in den vergangenen Monaten für die Eltern deutlich sichtbare Fortschritte gemacht und sie sind voller Zuversicht, dass sich noch viel mehr bewegt, denn ihre Tochter ist eine unglaublich starke Persönlichkeit mit einem ungebrochenen Willen. Ihre Ausstrahlung zieht einen sofort in den Bann und wer sie einmal kennenlernen durfte, weiß, was ein starker Lebenswille bedeutet. Auch ihre Eltern haben diesen tiefen Optimismus und ein absolutes Urvertrauen entwickelt, die auch anderen Menschen wirklich Mut macht, mit unvorhergesehenen Ereignissen das Leben sogar mit Freude zu meistern.

Diese Erfahrungen geben sie gerne auch an andere Betroffene weiter. Für Leonie selbst ist es ein großes Ziel, einmal wieder in die Schule gehen zu dürfen und mitten unteren anderen Kindern sein…Mitten im Leben.

Text : Tanja Hiebsch · Bild: privat

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