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Ruth Schwaiger: Ein Guiness ist wie ein Drei-Gänge-Menü

„Wir Iren sind durch und durch patriotisch“

Schwangau.    Irland ist ein Land, das in letzter Zeit vor allem mit negativen Schlagzeilen auf sich aufmerksam machen konnte. Im Schlepptau der globalen Wirtschaftskrise war Irland das erste Euro-Land, das ins Straucheln kam und die Hilfe der anderen EU-Nationen in Anspruch nehmen musste. Richtig bergauf ging es mit diesem Land ohnehin erst in den neunziger Jahren, als die USA viele Investitionen tätigten, um einen Standort in Übersee für den Export in den europäischen Wirtschaftsraum zu schaffen. Zu diesem Zeitpunkt, als Irland im Vergleich zu anderen EU-Staaten noch ein wirtschaftlich wenig entwickeltes Land war, begab sich Ruth Schweiger zusammen mit ihrer Schwester nach Schwangau, um hier einen Sommerjob anzutreten. Sie wollte für ein paar Wochen den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen in ihrem Land entfliehen und fand hier schließlich eine neue Bleibe.

„Als wir in Schwangau ankamen, rief ich meine Mutter an und fragte ob sie sich sicher sei, dass Schwangau auch wirklich in Deutschland liege“, lacht die 38-Jährige. Trotz Deutschunterrichts in der Schule verstand sie kein Wort. Denn das Deutsch, welches sie kannte, hörte sich anders an als das, was die Menschen in Schwangau sprachen. Anfangs gab es viele Missverständnisse und viel Gelächter. „Jeder sagte Christi und ich verstand dann absolut gar nichts mehr. In Irland ist das ein Männername. Damals dachte ich mir – hier heißen ja alle gleich“. Die lustigen sprachlichen Irrtümer gehören längst der Vergangenheit an, immerhin sind das schon 17 Jahre her, also Zeit genug sich auch den Schwangauer Dialekt anzueignen. Deshalb ist es ganz selbstverständlich, wenn die Bestellung im tiefsten bayerisch ist: „An Woaza bitte“. Mit ihrer besten Freundin Jane, sie ist auch Irin und lebt in Schwangau, wird zwischen Englisch mit irischem Dialekt und Deutsch hin und her geswitscht. „Für uns ist es ganz normal beide Sprachen zu benützen. Nur manchmal schauen uns die Leute komisch an, wenn wir von der einen in die andere Sprache verfallen“.

Auch ihre Töchter und Exmann sprechen ein irisches Englisch oder auch ein englisches Irisch – „im Grunde ist es dasselbe“, lacht die blonde Frau. „Eigentlich bin ich ja gar nicht blond, sondern dunkelbraun und ein paar Sommersprossen habe ich auch, selbst mein Mädchenname ist typisch keltisch“, meint sie augenzwinkernd. Ob sie gälisch spricht? „Nicht perfekt, aber ich kann alles verstehen. Ich höre mir oft die Nachrichten im Fernsehen oder Radio auf gälisch an“.

Irish Independent

Als Ruth Schweiger, damals hieß sie noch Fitzpatrick, 1994 nach Schwangau kam, wollte sie eigentlich mit ihrer Schwester nur ein paar Wochen bleiben. „Ich hatte einen Job als Spülerin. Das war okay. Besser als die zwei Jobs, die ich in Dublin hatte. Oft wusste ich nicht, was für ein Wetter wir draußen hatten und die Fahrerei war sehr anstrengend. Um von der einen Arbeit zur anderen zu gelangen musste ich zwei Stunden Auto fahren“. Mit ihrer Mutter einigte sie sich, nach den paar Wochen wieder nach Irland zurück zu kommen um noch die letzte Prüfung ihres BWL-Studiums zu machen. „Es fehlte mir nur noch ein halbes Jahr. Aber ich hatte Sehnsucht nach meinem Mann und wollte wieder nach Schwangau zurück“, erzählt sie. Das Studium wurde erst einmal aufs Eis gelegt. Stattdessen heiratete sie ihren „Seppi“ und gründete eine Familie.

Heute kann Ruth Schweiger über die ersten Strapazen ihres Lebens in Schwangau nur noch lachen. Ihre Ehe mit ihrem Seppi hat zwar nicht gehalten, dafür ist aber eine enge Freundschaft daraus geworden. Immer noch kümmern sie sich gemeinsam um ihr familiengeführtes „Hotel & Restaurant Hanselewirt“ in Schwangau. „Irgendwann will ich mein Studium beenden und wieder nach Irland zurück“, sagt sie überzeugt. Vier bis fünf Mal im Jahr fliegt sie nach Dublin zu ihren Eltern. „Es ist immer wieder ein Ankommen. Die Menschen in Irland sind einfach fröhlicher und offener als die Menschen hier und das trotz schwieriger wirtschaftlicher Lage. Sie leben das Leben einfach anders als wir in Deutschland“, erzählt die Mutter zweier Töchter. Jeden Morgen liest sie die „Irish Times“ und die „Irish Independent“, um sich über die sozialen und politischen Geschehnisse in ihrem Land zu informieren. So wie jeder irische Staatsbürger ist auch Ruth Schweiger patriotisch. „Für uns Iren ist das ganz selbstverständlich. Ich war überrascht, als die Deutschen 2006 bei der Fußball WM erwachten und Flagge zeigten“.

Über Politik diskutieren, andere Meinungen hören, das ist für die Irin ein Stück Lebensqualität, genauso wie die Musik. „Die Deutschen sind eher rockig, wir Iren mögen es lieber weicher. Ich finde die irische Musik melancholisch und zugleich auch fröhlich“. So sehr Ruth Schweiger auch ihr Heimatland liebt, eines mag sie gar nicht. Es ist die irische Küche. Sie bevorzugt es lieber mediterran, asiatisch oder bayerisch deftig und dazu lieber ein Bier oder einen Wein, anstatt ein Guiness. Doch nicht nur das Essen hat es der Gastronomiefachfrau angetan. Wie so oft rühmt auch sie die deutsche Ordnung und die Pünktlichkeit – „mit Irland ist das nicht zu vergleichen“.

Text · Bild: Sabina Riegger

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