Menschen

„Ich bin glücklich in meiner Gemeinschaft“

Im Gespräch mit Pallottiner-Pater Christoph Lentz

Füssen.    Viel zu heftig trat die katholische Kirche in den vergangener Monaten in die Schlagzeilen. Keine Präferenz für junge Leute und schon gar nicht für solche, die sich für den Beruf des Priesters entscheiden wollen. Könnte man meinen. Pater Christoph Lentz ist ein Geistlicher, der es versteht mit Menschen umzugehen. Vielleicht auch deswegen, weil er selbst schon einiges mitgemacht hat. Er ist ehrlich, offen, aber auch kritisch. „Es zwingt mich niemand so zu leben, wie ich lebe. Das habe ich selbst entschieden.“ Leben in Keuschheit, Armut und Gehorsam. „Ich bin glücklich in meiner Gemeinschaft“. 

Seit wann sind Sie in Füssen? Seit November vergangenen Jahres. Ich mache hier das so genannte Pastoraljahr, das 14 Monate dauert. Zweck dieses Pastoraljahres ist es, in der Gemeindearbeit zu lernen und Erfahrung zu sammeln. Ich nannte mich früher den Schatten des Pfarrers. Mittlerweile kann ich vieles alleine machen: Taufen, Trauungen, Seelsorgegespräche, Jugendarbeit – eigentlich alles, was auch ein Pfarrer macht. Darum geht es auch, nämlich die Aufgabenfelder eines Pfarrers kennen zu lernen.

Wie gefällt Ihnen Ihre Arbeit? Ich hätte nicht gedacht, dass mir Gemeindearbeit so gut gefällt. Die Abwechslung der Arbeit gefällt mir sehr gut und die Bandbreite der Menschen. Hier Begleiter sein zu dürfen erlebe ich als großes Geschenk.

Sie sind ein junger Mensch, der Priester werden will und das trotz vieler negativer Schlagzeilen, die die Kirche in den letzten Monaten gemacht hat? Mal von vorne weg. Ich erlebe Kirche als lebendig, als eine erstrebenswerte Gemeinschaft. Mein Heimatpfarrer war für mich Vorbild, weil er authentisch gelebt hat. Das Zweite ist, dass ich an Berufung glaube. Ich könnte als Lehrer, Journalist und so weiter in der Gesellschaft leben und arbeiten. Ich habe mich dennoch, nach vielen Höhen und Tiefen, für diesen Weg entschieden, weil ich glaube, dass mich Gott da haben will. Diese ganze Krise, die die Kirche momentan durchläuft, hat mich eher beflügelt, weil ich glaube, dass die Kirche junge, offene Menschen braucht. Denn letztendlich geht es nicht um die Kirche, sondern um den Menschen.

Warum denken Sie,  können viele Menschen nichts mit der Kirche anfangen? Weil es ein „nicht verstanden werden“ ist. Viele Menschen sind von Kirche enttäuscht worden – das sind aber auch immer Einzelerfahrungen. Die Kirche lebt von Menschen, die Repräsentieren. Vielleicht haben diese Repräsentanten Menschen verletzt und nicht verstanden. Kirche spricht meiner Meinung nach nicht mehr die Sprache der Menschen.

Dass sie das so offen sagen. Aber ja, das ist meine Meinung. Es gibt ein ganz besonderes Zitat von Bischof Klaus Hemmerle. Er sagte: „Lehre mich, Dein Denken, Reden, Handeln und Tun, damit ich daran die Botschaft neu formulieren kann, die ich Dir zu verkünden habe.“ Das heißt, wir müssen erst lernen, wie die Leute heute ticken, dann kann ich kommen und sagen, was für mich wichtig ist, und wie ich die frohe Botschaft heute formulieren würde.

Sie sprachen von Höhen und Tiefen, die Sie selbst erlebt haben. Welche waren das? Enttäuschungen in Beziehungen, Unsicherheit in der eigenen Berufung und nicht wissen, wie geht es weiter, wo geht es hin. Es war ein Herumirren im Leben.

Sind Sie jetzt angekommen? Ich bin jetzt an einem Ort angekommen, an dem ich fühle und spüre: Ja das ist meins. Das was ich jetzt bin, dafür bin ich dankbar. Es war mein Weg, andere machen es anders und ich habe es eben so gemacht.

Wie hat ihre Familie reagiert als Sie sagten, dass Sie Priester werden wollen? Mein Vater hat es mitgetragen und unterstützt. Meine Schwestern und meine Mutter waren skeptisch, weil sie dachten, dass Glück über Ehe und Familie geht. Als sie gesehen haben, wie glücklich ich jetzt bin, freuen sie sich nun mit mir auf die Priesterweihe im Juni.

Wann hatten Sie das erste Mal das Gefühl, dass sie einen anderen Berufsweg einschlagen werden? Ich habe in der vierten Klasse ganz klar gesagt, ich werde Pfarrer. Irgendwann war dieser Wunsch weg. Mädels und Fußball waren wichtiger. Ich merkte, dass ich Begeisterung und Sensibilität für diesen Beruf hatte – aber es waren andere Sachen wichtiger. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich dann entschloss. Bis 2005, als ich in die Gemeinschaft eintrat, bis dann der Mut endlich da war zu sagen: Jetzt packe ich es an.

Wofür haben Sie diesen Mut gebraucht?
Mut, sich auf einen Weg zu begeben, der kritisch hinterfragt wird, der als unnatürlich gesehen wird. Es kam oft Unverständnis von vielerlei Seiten, weil die Norm etwas ganz anderes ist.
 
Haben Sie nicht manchmal Sehnsucht nach ihrem alten Leben? Doch, immer wieder mal. Da gehe ich bewusst durch die Stadt und schaue mir die schönen Sachen an, und sage mir: „Nein, das brauche ich nicht“. Ich ertappe mich dabei zu sagen, „Klar würde mir das gefallen – aber ich muss es jetzt nicht haben.“ Das gibt mir eine gewisse Freiheit. Wenn Sie das Beziehungstechnische ansprechen, muss ich dazu sagen, dass ich tagtäglich so viel mit Menschen zu tun habe, dass ich glücklich über meine Freiräume bin. Darüber bin ich sehr froh. Jetzt, für diesen Moment, kann ich guten Gewissens sagen, dass mir das genügt, was ich habe. Ich weiß, dass ich die Möglichkeit habe, in meinem Heimathafen, sprich zu meinen Eltern, Schwestern und Freunden, zurück zu gehen. Dieses Gefühl ist schön und zugleich auch beruhigend. Ich bin also keineswegs allein.

Wie sind Sie zu den Pallottinern gekommen?
Die Pallottiner kannte ich bereits aus meiner Jugendzeit. Die Lebensweise hat mir sehr gut gefallen. Als ich mit meiner Lehre als Schreiner fertig wurde, holte ich das Abitur nach und ging später in ein Spätberufenen-Seminar. Das hat mich eher abgeschreckt, weil viele Mitseminaristen nicht authentisch waren. Letztendlich studierte ich Theologie in Augsburg und Bonn. Ursprünglich wollte ich Pastoralreferent werden. Weil ich mir so unschlüssig war, ging ich ins Noviziat der Pallottiner. Nach drei Monaten habe ich aber festgestellt, dass das nichts für mich ist. Daher habe ich das Noviziat wieder verlassen. Nach weiteren zwei Jahren als Religionslehrer merkte ich, dass ich da auch unzufrieden war. Es passte nicht zu mir. In dieser Zeit habe ich alles abgeklopft was war, was ist und vor allem, was ich will. Danach bin ich noch mal ins Noviziat gegangen. Es hat geklappt. Ich habe diese zwei Jahre genossen.

Haben Sie noch Freunde von früher? Ja, viele sogar. Größtenteils in Augsburg. Mir sind aus allen Phasen des Lebens Freunde und Freundinnen geblieben. Und immer wieder habe ich neue Leute kennen gelernt. Ich bin in den letzten zehn Jahren elf Mal umgezogen. Daher ist es gar nicht so leicht, diese Beziehungen zu pflegen.

„Dem heiligen Geist muss schon viel an seiner Kirche liegen, denn selbst uns Bischöfen ist es nicht gelungen, sie zugrunde zu richten“.
Nach Bischof Klaus Hemmerle

 

Interview · Bild: Sabina Riegger

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