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Asiens Nr. 7, für Afghanistan die Nr. 1

Allgäuer verhilft Afghanistan zur Olympia-Teilnahme im Langlauf

Füssen. Das Jahr 2010 war an Zahlen gemessen das bisher schlimmste Jahr für das vom Krieg gezeichnete Afghanistan. In diesem Jahr fielen dort insgesamt 653 Soldaten der internationalen Schutztruppe ISAF. Das waren mehr gefallene Soldaten als in jedem anderen Kriegsjahr, fast ein Drittel aller 2.223 Gefallenen in zehn Jahren Krieg. Der afghanische Präsident Hamid Karzai gilt als korrupt und wird das Land noch bis 2014 regieren. Ausgerechnet in diesem Jahr sollen die afghanischen Truppen die alleinige Verantwortung für die Sicherheit im Land übernehmen. Bisherige Wahlen, durch die ein geeigneter Nachfolger für Karzai gefunden werden sollte, verliefen ergebnislos. „Karzai will ein friedliches Afghanistan als sein politisches Erbe“, berichtet ein Nato-Offizieller. Höchste Zeit also, dass sich etwas ändert in dem zerrütteten Land am Hindukusch.

Der 2. Februar diesen Jahres könnte ein Anfang gewesen sein. Vom 31. Januar bis zum 6. Februar fanden in Almaty, Kasachstan, die „Asian Winter Games 2011″ statt. Für Kasachstan waren diese Winterspiele das größte Ereignis seit der Abspaltung von der ehemaligen Sowjetunion. Insgesamt 1,4 Milliarden US-Dollar flossen seit 2008 in den Ausbau der inländischen Sportstätten. Allein 726 Millionen US-Dollar wurden vom kasachischen Staatsetat gestemmt, den Rest übernahmen private Investoren. Diese Winterspiele waren jedoch nicht nur für Kasachstan eine Premiere, denn das afghanische Olympiakomitee stellte in diesem Jahr erstmalig einen afghanischen Sportler auf. Damit ist es das erste Mal, dass Afghanistan an internationalen Winterspielen teilnahm. Der Sportler, den Afghanistan nach Almaty entsandte, war Omar Rona, ein gebürtiger Kemptener. Der 26-Jährige besitzt die deutsche und afghanische Staatsbürgerschaft. Seine Eltern sind vor über 45 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland eingewandert. Omars Vater führt ein Teppichgeschäft in Füssen. Omar selbst ist seit kurzem selbstständig und Inhaber des Eishockey-Fachgeschäfts „SBK Hockey Germany“ in der Kemptener Strasse 26, Füssen. Dort vertreibt der ambitionierte Hobby-Athlet Eishockeyzubehör und bietet Serviceleistungen rund um den Eishockeysport. Omar Rona hat von klein auf Eishockey gespielt, ist außerdem Mitglied im Füssener Fußballverein „Türk Gücü“ und betreibt als Hobby Langlauf im Skating-Stil.

Intensives Training

Anfang Dezember letzten Jahres kam das afghanische Komitee auf Omar Rona zu und fragte an, ob er das Land als Langläufer bei den asiatischen Winterspielen vertreten würde. Er war anfangs sehr verwundert darüber, dass ausgerechnet er als Hobbysportler dazu auserkoren wurde, Afghanistan bei einem solchen Event zu vertreten. Ohne zu wissen, was ihn erwartet, sagte er nach kurzer Überlegung spontan zu. Die folgenden drei Monate trainierte er fast täglich. Unterstützung erhielt er dabei vor allem von seinem guten Freund und Trainer Bernd Wimmer von der Firma „Sport Med“ aus Füssen. „Er hat mich in diesen Monaten gnadenlos auf Vordermann gebracht. Ohne ihn wäre der Erfolg bei den Wettkämpfen nie zustande gekommen“, betont Omar. „Wir haben viel trainiert. Mindestens zwei Stunden täglich im Tannheimer Tal und am Tegelberg. Meine Freunde und die Familie mussten während dieser Zeit besonders leiden. Wegen des vielen Trainings gab es für mich in diesem Jahr keine Feiertage und Silvester. Zu Weihnachten habe ich hauptsächlich trainiert und hatte für nichts anderes Zeit.“

Allein vor 85.000 Zuschauern in Almaty

Am 28. Januar war es dann soweit. Omar Rona bestieg den Flieger in München und reiste über Istanbul nach Astana, der Hauptstadt Kasachstans. Hier fand die feierliche Eröffnung der Winterspiele statt. „Zu diesem Zeitpunkt merkte ich schnell, welch enorme Verantwortung auf mir lastete. Aus Spaß wurde schnell purer Ernst“, erzählt der angehende Profiathlet. Omar Rona trat als einziger Wettkämpfer für Afghanistan an. Da die Wettkampf-Teams der teilnehmenden Länder nach dem Alphabet geordnet aufmarschierten, war Afghanistan zuerst an der Reihe. „Vor 85.000 Zuschauern marschierte ich mit der afghanischen Flagge in das Stadion ein. Nur ich und vor mir die Flaggenträgerin. Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf und diese Momente waren an Emotionalität kaum zu überbieten. Ich allein vertrete hier ein Land mit über 30 Millionen Einwohnern und darf ihm dabei helfen, sich einen Namen zu machen.“ An dem Wettkampf beteiligten sich insgesamt 26 Nationen mit 843 Athleten. Am Tag nach der Ankunft begann das offizielle Training. Omar standen dabei zwei Volontäre, eine Dolmetscherin und zwei Bodyguards zur Seite. Während der Ausscheidungsrennen im Langlauf über 15 Kilometer, die in zwei Gruppen mit je 40 Läufern durchgeführt wurden, konnte er den 20. Platz erreichen, womit er sich für das Finale qualifizierte. „Diese Zeit war wirklich kein Zuckerschlecken. Während des Trainings bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich fühlte mich krank, hatte keine Kraft, wollte nicht trainieren. Beim Essen war ich allein am Tisch, während die anderen Teams mit 15 Leuten zusammen saßen. Die Dolmetscherin hatte sich richtige Sorgen um mich gemacht.“, erinnert er sich. „Beim Qualifying war der Druck dann plötzlich weg. Es ging mir viel besser und ich begann die Zeit in Almaty zu genießen.“

Siebter von 44

Schließlich fand am 2. Februar der finale Wettkampf statt. 44 Wettkämpfer mussten auf 15 Kilometern ihr Können unter Beweis stellen. Die Strecke zählt zu den schwersten der Welt. Zwei Läufer sind während des Wettkampfs gestürzt und mussten schwer verletzt ins Krankenhaus. „Das Rennen startete ich als Erster, da ich ja beim Qualifying den 20. Platz erreicht hatte. Ich bin gelaufen und gelaufen. Mir war nur wichtig, das Ziel zu erreichen und irgendwie das Rennen zu überstehen. Unter den 8.000 Zuschauern waren etwa 1.000 Afghanen, die mir zujubelten. Die wollte ich natürlich nicht enttäuschen“, erzählt Omar begeistert. „Am Ziel angekommen hieß es dann plötzlich, ich hätte den achten Platz geschafft. Damit habe ich absolut nicht gerechnet. Bei den Auswertungen wurde kurz darauf festgestellt, dass einer der Teilnehmer gedopt war, womit ich letztendlich auf den siebten Platz vorrückte. Ein fantastischer Erfolg, den ich für unmöglich gehalten hatte. Ich ließ sogar sechs Profi-Sportler hinter mir.“ Nach dem Rennen reihte sich Interview an Interview bei Fernsehen und Radio. Omar Rona wurde behandelt wie ein Prominenter. Am Tag nach dem Wettkampf fanden Miss-Wahlen statt. Während eines offiziellen Essens wurde er im Anschluss von der amtierenden „Miss Asia“ zum Tanz aufgefordert. Während eines Banketts erhielt er vom afghanischen Olympia-Präsidenten sowie dem Bürgermeister von Almaty, die Afghanische Tapferkeitsmedaille überreicht. Diese Auszeichnung wurde bisher erst zwei Mal verliehen.

Nächster Schritt: Olympia

Omar musste seine komplette Ausrüstung für die Spiele aus eigener Tasche finanzieren. Beim Besuch einer kasachischen Fakultät, an der afghanische Jugendliche die Möglichkeit zum Sprach-Studium erhalten, spendete er sein Preisgeld in Höhe von 1.500 US-Dollar an die Einrichtung. „Das habe ich von meiner Familie gelernt. Man soll schätzen, was man hat. Und man soll gern geben, wenn es einem besser geht als anderen. Es hat mich gefreut, die Menschen lachen zu sehen.“ Für die Zukunft verfolgt Omar Rona große Ziele. 2012 und 2013 plant er wieder bei den asiatischen Winterspielen für Afghanistan anzutreten. Und da er sich mit Erreichen des siebten Platzes für die Olympischen Winterspiele qualifiziert hat, will er sich 2014 in Sotchi, Russland, mit den weltbesten Sportlern messen. Bis dahin versucht er so gut wie möglich auf professioneller Ebene zu trainieren, um sich für die Spiele vorzubereiten. 2014 wird also für Afghanistan ein sehr spannendes Jahr.

 

Text: Sven Köhler

Bilder: privat

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