Menschen

„Ich habe es mir gewünscht, so zu leben“

Ein Porträt der Gänsemutter Angelika Hofer

Füssen.    Wenn sie lacht, muss man unwillkürlich mitlachen. Es ist ihre gute Laune, die kindliche Unbeschwertheit, die sie sich bewahren konnte und die andere Menschen fasziniert. Fast alles, was sie bislang gemacht hat, machte sie aus ihrem Bauchgefühl – manche nennen es Emotion. Angelika Hofer nennt es Intuition. Im Füssener Land ist die Biologin die, „die mit den Gänsen aus dem Wasenmoos“. Deutschland nennt sie die „Gänsemutter“. Die Frau, die gezeigt hat, wie eine Kommunikation zwischen Mensch und Tier aussehen kann – nämlich schön und natürlich.

Es gibt Menschen, die planen ihr Leben bis aufs Letzte. Angelika Hofer nicht. Nein, nicht, dass sie planlos wäre. Ganz im Gegenteil. Sie hat sich bislang auf das Leben verlassen, es so genommen, wie es ist. Ihre große Liebe hat ihr dabei geholfen dieses unglaubliche Glück von Lebensträumen verwirklichen zu dürfen. „Ich war der Rucksack und Günter hat mich überall mitgenommen. Er hat geplant, und ich habe es erleben dürfen.“ Günter Ziesler ist Angelika Hofers Mann. Seit 30 Jahren sind sie ein Paar, das durch Höhen und Tiefen, durch Regenwälder und Schnee miteinander gegangen ist. Sie sind ein Paar, das andere vielleicht sein möchten. Nicht einengen, Freiraum lassen, Atmen für sein eigenes Ich. Wenn sie über ihren Mann spricht, sagt sie: „Günter ist meine große Liebe. Es ist so, wie ich es mir gewünscht habe. Günter ist ein Mann, mit dem ich nicht nur privat zusammen sein wollte, sondern mit dem du auch eine breite Basis an Interessen hast, die du teilst oder die dich ergänzen. Wir sind total gegensätzlich, aber genau das macht unsere Beziehung so interessant und erfüllend.“ Er drückt es so aus: „Ich bin introvertiert und meine Frau extrovertiert.“ Als sie Günter Ziesler 1979 kennen lernt, ist sie 22 und er 39 Jahre. Ihr Diplomvater hat sie bei einem Ornithologen-Treffen in München miteinander bekannt gemacht. „An diesem besagten Tag hat mein Professor einen Vortrag gehalten und da musste ich hingehen, obwohl ich gar nicht wollte. Günter kam frisch aus Papua Neuguinea zurück und er kannte ihn recht gut, weil sie gemeinsam ein Buch gemacht haben“, erzählt sie. Geredet haben sie nicht. Angelika Hofer bot ihm nicht einmal die Chance dazu, weil sie heim wollte. Es war ja zwei Tage vor Weihnachten. Trotz der kurzen Vorstellung hinterließ die damals 22-jährige einen bleibenden Eindruck bei dem Tierfotografen.

Eine große Liebe beginnt
Als kurze Zeit später Angelika Hofer ihre Diplomarbeit fertig stellen musste, brauchte sie Tierbilder. Ihr Professor versprach sich darum zu kümmern und empfahl ihr Günter Ziesler. „Wir verabredeten uns bei mir. Günter meinte, dass ich ihn an seinem grünen VW-Bus erkennen würde. Ich weiß noch gut: Ich habe da aus dem dritten Stock herausgeguckt, da ist er gerade um sein Auto gegangen und er entsprach überhaupt nicht dem Bild von einem Tierfotografen, so wie ich es mir vorstellte“, erinnert sie sich schmunzelnd daran. Biologisch-dynamisch und mit Vollbart, so stellte sie sich einen Tierfotografen vor. Irgendwie nicht so gepflegt, sondern eben wie aus dem Busch. „Dass er gut aussieht, habe ich gleich gesehen. Ich war total verblüfft. Wir waren essen und dann hat es schon ziemlich gefunkt“.

20 Jahre lang waren sie ein Paar. Sie, die Gänsemutter, und er, der Tierfotograf, bis sie den Bund der Ehe eingingen. Es war um fünf Uhr früh als sie den Heiratsantrag bekam, so ganz unverhofft. „Wir waren zwei Jahre in Australien. Ich flog etwas früher zurück. Als Günter später nachkam, ich erinnere mich noch ganz gut. Es war fünf Uhr in der Früh, als er mich von der Seite anstieß und fragte, ob ich ihn heiraten will. Ich sagte ja und meinte, falls es wegen dem Jetlag ist, könnte er das noch revidieren.“

Seinen Antrag nahm Günter Ziesler nicht zurück. Obwohl Angelika Hofer jahrelang auf diesen Augenblick gewartet hat, bekam sie es plötzlich mit der Angst zu tun. „Ich wollte ihn eigentlich heiraten, weil ich wusste, dass er mich nie heiraten wollte. Man kann ja etwas wollen, wenn man weiß, das passiert doch nie. Und dann wurde es ernst. Dann dachte ich mir, Himmel noch mal, du bist ja eine Lustige. Ich hatte tatsächlich Muffe vor dem Heiraten.“ Geheiratet hat das Paar weit weg in Australien, ohne Familie. Sie wollte diesen Augenblick für sich haben, ihn genießen, keine blöden Sprüche hören. Ein anglikanischer Pastor hat sie getraut. „Ich brauche nicht den Staat und das Brimborium, um zu heiraten – ich wollte den kirchlichen Segen. Das Gute ist, dass es in Australien keine Standesämter gibt. Du kannst dort unter Wasser, in der Luft oder wo auch immer heiraten. Dass heißt im Klartext, dass wir dort kirchlich geheiratet haben und es hier in Deutschland staatlich anerkannt ist.“ Ihre Trauzeugen waren Chari, die sie in der Fachklinik Enzensberg kennen gelernt hatte, und Peter, ein Aborigini.

Ein neuer Abschnitt
Einen routinierten Alltag hat Angelika Hofer auch heute nicht. Ja, ein wenig ruhiger ist es um sie geworden, aber nur deshalb, weil sie es so will. „Ich habe so viel gesehen und erlebt, das könnte drei Leben füllen“, antwortet sie spontan. Ihre Reisen hat sie nie gezählt, sie hat sie gespürt und gelebt, insbesondere Mahale, wo sie schon vier Mal war. Freunde haben die beiden Autoren, die schon viele Bildbände herausgebracht haben, überall. Sie sind es auch, die sie in den letzten zwei Jahren aufgefangen haben, als ihr Mann Günter drei Bypass-Operationen hatte. Angelika Hofer sieht viele Dinge anders, vielleicht weil sie ihnen immer mit einer positiven Haltung entgegenwirkt. Ehrgeiz wird in ihrem Vokabular sehr selten benützt. Dafür umso mehr Zuverlässigkeit und Vertrauen. „Wenn ich etwas zugesagt habe, habe ich es auch eingehalten. Und wenn ich etwas angefangen habe, habe ich es auch zu Ende gebracht“, sagt sie. Karrieremöglichkeiten hätten sich ihr viele aufgetan. Doch sie wollte lieber mit dem VW-Bus durch die Welt reisen.

Heute ist sie dankbar dafür, dass sie so leben konnte. Ein fester Platz in ihrem Leben ist ihr Haus im Wasenmoos. „Ich bin hier glücklich. Wenn man so naturverbunden ist wie wir, dann kann man nicht in einem Hochhaus leben.“ Ihr Vater hatte das Haus vor vielen Jahren gekauft, weil er Abstand zu seiner stressigen Arbeit brauchte. Er war Eislauftrainer. Heute gehört es ihr, das Kleinod am Rande des Waldes. „Ich hatte nie Angst hier zu leben. Vielmehr hätte ich Sorge, nachts in eine S-Bahn zu steigen“, erklärt sie.
Langeweile kennt Angelika Hofer nicht. Sie kann sich immer und gut alleine beschäftigen. Sei es Kuchen backen, mal 40 Gläser Bärlauchpesto machen oder so wie jetzt Filzen und Papier schöpfen. Für sie ist die Zeit zu kostbar, um sie nicht zu nutzen und das nicht nur jetzt, wo sie an Krebs erkrankt ist.

Text: rie · Bilder: privat

Interview

2008 sind Sie an Krebs erkrankt? Ja. Ich hatte einen 2,6 Kilogramm schweren Tumor. Erst dachte ich, ich hätte eine Laktose-Unverträglichkeit. Dabei hatte ich ein Eierstock-Carzinom. Bevor ich dann nach Brasilien fahren wollte, wollte ich das abklären.

Haben Sie nie mit Ihrem Schicksal gehadert? Nein. Ich habe es nie thematisiert. Mein Vater hatte Krebs und die Verwandten meines Vaters auch. Natürlich hatte ich Angst vor dem Sterben. Ich fände es nicht lustig, gehen zu müssen. Wenn man so wie ich ein erfülltes Leben hat und auch zurück blickt, dann ist man dankbar. Es wäre undankbar zu sagen, wieso gerade ich. Ich habe Angst vor dem Sterben, so ist das nicht, aber auf der anderen Seite möchte ich die Zeit, die ích noch habe, es weiß ja keiner wie lange man noch bleibt, nutzen.

Wenn man so eine Diagnose bekommt, lässt man dann sein Leben Revue passieren? Das war nicht so. Wir sind ja alle davon ausgegangen, dass es gutartig ist. Im Vorfeld haben das alle so gesagt. Ich wusste aber, wenn ich auf der Intensivstation aufwache, dass es bösartig ist. Das hat mir der Arzt im Vorfeld gesagt.

Sie sind in der Intensivstation aufgewacht. Was dachten Sie? Mein Mann war da. Es war das Endspiel der Europameisterschaft. Das Erste, was ich tat, war den Pfleger zu fragen, ob er denn nicht einen Fernseher hätte, damit mein Mann, während er an meinem Bett sitzt, sein Fußball-endspiel sehen kann.

Sie haben nicht wirklich nach einem Fernseher gefragt? Doch. Günter war das total peinlich und der Pfleger kam dann mit einem Fernseher. Günter schaute Fußball und ich schaute meinen Monitor an. Ich bekam Durst und dann spielte mein Magen Fußball mit mir. Mir ging es so schlecht, dass sie mir Morphium gaben. Ich dachte mir: „Menschenskinder, das ist toll. Wenn Du die richtigen Leute um Dich herum hast, dann ist sterben auch kein Problem mehr.“ Das war wirklich so mein Gedanke.

Das hört sich alles so locker an, war es das wirklich? Ich musste das alles erst verarbeiten. Ich war nicht unbedingt so locker drauf. Wie die Ärzte dann zur Visite kamen sagte ich: „Hören Sie zu, Sie sagen mir erst dann was Sache ist, wenn ich Ihnen sage, dass ich das wissen will. Vorher sagt mir keiner was. Ich gehe davon aus, dass Sie ihr bestes getan haben und ich bin ja noch hier und über die späteren Maßnahmen reden wir, wenn es so weit ist.“ Später habe ich sicher mit dem Professor darüber gesprochen. Aber ich habe auch gleich gesagt, ich mache nicht alles, was Sie mir sagen. Wir werden manches diskutieren. Dann habe ich vom Bett aus das Organisieren angefangen. Ich wollte ein Helfer-Team um mich haben.

Für die meisten Frauen ist das ein Schock, wenn die Haare nach der Chemotherapie ausfallen. Wie haben Sie sich gefühlt? Ich wusste, dass das auf mich zu kommt. Ich habe mir gleich, als ich zu Hause ankam, die Haare kurz schneiden lassen und eine Perücke ausgesucht. Da waren mein Bruder und mein Günter eher schockiert. Ich bin zu Hause immer mit der Glatze rum gelaufen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich mich nie über meine Haare definiert habe.

Wie war das für Günter?
Als ich vom Friseur mit Glatze heim kam, meinte er: „Einen schönen Menschen entstellt nichts, aber du schaust jetzt aus wie ein ‚platteter Semmelgeist‘ (lacht).“

Reden Sie offen über Ihre Krankheit? Ja. Er kann sich nicht vorstellen, dass ich mal vor ihm gehen muss. Wir verdrängen es nicht. Aber im Prinzip gehört der Tod zum Leben. Und wenn man eine tödliche Krankheit hat, ist der Tod näher.

War das für Sie ein erneuter Schock, als der Krebs wieder ausgebrochen ist? Nein. Ich wusste oder weiß, dass die ersten zwei Jahre ausschlaggebend beim Eierstockkrebs sind. Im Prinzip bist du in diesen zwei Jahren immer mit einem unguten Gefühl zur Nachsorge gegangen. Aber ich bin kein Mensch, der aufgibt.

Leben Sie jetzt bewusster? Ja ich versuche es. Plötzlich wird dir die Endlichkeit bewusst. Die Zeiträume eines Krebskranken sind klein. Aber es hat mich nicht bestürzt. Wenn Du Dich von jemanden verabschiedest, weißt Du nie, ob Du ihn das nächste Mal wieder siehst.

Wenn man so naturverbunden ist wie Sie, heißt das, dass Sie auch Vegetarierin sind? Nein, ich bin Mischköstler. Ich denke für mich ist nicht die Völlerei, sondern die Bewusstheit und Achtsamkeit wichtig. In der Reha, in der ich bin, gibt es alle paar Wochen ein Gala-Dinner mit allen Köstlichkeiten dieser Welt – das ist einfach schön.

Ihr Mann hat gesagt, dass es bei Ihnen zu Hause nie ein Gericht zwei Mal gibt. Wie schaffen Sie das?
Ganz einfach, ich kann mir keine Rezepte merken. Ich koche nach Gefühl, deswegen kann ich keine Rezepte weiter geben.

Sie haben mich auf Ihren Blümchenkaffee neugierig gemacht. Was ist das? (lacht) Zur Zeit bin ich durch die Chemotherapie geschmacklich etwas eingeschränkt. Weil alles so chemisch schmeckt, trinke ich Milch, das neutralisiert den Geschmack. Und weil ich viel Kaffee trinke, etwa einen Liter in der Früh, ist er sehr schwach gebrüht. Man kann durch meinen Kaffee den Tassengrund sehen. Eigentlich müsste ich sagen, es ist gefärbtes Wasser verfeinert mit Milch. 

Gibt es Situationen, die Sie erschauern lassen?
Oh ja, das ist die Welt. Die lässt mich immer wieder erschauern „Wäre die Welt eine Bank, hätten wir sie schon längst gerettet“, lautet ein Greenpeace Spruch. Der Mensch ist getrieben von der Gier, das erschauert mich. Es geht nicht um das Sein, sondern um das Haben. Ich bin manchmal sprachlos, was in dieser Welt alles passiert.

Eine letzte Frage zum Schluss: Welche Reise war für Sie die schönste? Das war in Mahale. In der Reha begeben wir uns oft auf Traumreisen. Dann bin ich in Mahale. Das ist so mein Ort der Ruhe und der Kraft geworden. Und da ich 1994 das erste Mal dort war, ist es schon lange in meinem Leben präsent. Das wäre ein Ort, an den ich gerne noch mal hin möchte.

Das Interview führte Sabina Riegger

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