Menschen

„Meine Heimat vergesse ich nie“

Else Kümmerle erinnert sich

Schwangau.    „Es war am 21. Januar 1945 während der Mittagszeit. Die Nudelsuppe stand schon auf dem Tisch, als plötzlich unsere Nachbarin herein kam. ‚Wenn ihr hier weg wollt, dann müsst ihr sofort an den Ring. Dort stehen die letzten Wagen zur Abfahrt bereit‘, sagte sie. Wir haben nur die notwendigsten Sachen gepackt und alles stehen und liegen gelassen“, erinnert sich Else Kümmerle noch genau. 19 Jahre war die heute 85-jährige damals, als sie mit ihrer Familie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat Proskau in Oberschlesien flüchten musste. In Schwangau hat sie vor mehr als 65 Jahren ein neues Zuhause gefunden. Ihre Heimat wird sie aber trotzdem nie vergessen.

„Meine Mutter hat immer gesagt, dass sie aus ihrem Haus keine zehn Pferde wegbringen. Wir haben alle immer geglaubt und gehofft, dass wir unsere Heimat nicht verlassen müssen“, erzählt Else Kümmerle. Ein kleines Einfamilienhaus mit großem Obst- und Gemüsegarten und vielen Blumenbeeten bewohnte sie zusammen mit ihrer Familie in Proskau. Umgeben von großen Wäldern und vielen Getreideäckern verbrachte sie hier zusammen mit ihren zwei Brüdern und ihrer Schwester eine behütete Kindheit. Bis plötzlich alles anders war. „Mein Bruder war auf Kurzurlaub vor dem Fronteinsatz zu Hause und während dieser Zeit hat sich alles geändert. Plötzlich hatten wir keinen Strom mehr, kein Radio, nichts mehr. Wir waren total abgeschnitten und wussten überhaupt nicht mehr, was vor sich geht“, erinnert sie sich. „Wir hörten Detonationen in der Ferne. Die russischen Truppen waren vielleicht noch zwölf Kilometer von uns entfernt“, erzählt sie weiter von dieser schrecklichen Zeit. Um sich selbst zu schützen, blieb der Familie keine andere Wahl, als ihr kleines Paradies zurück zu lassen und zu flüchten.

Neue Heimat
Ziel der Flucht aus Proskau war Schwangau. „Mein Vater arbeitete in der Kleiderkammer der See-Berufsfachschule in Hohenschwangau und bewohnte ein kleines Zimmer in Horn. Dort wollten wir ein neues Zuhause finden“, erzählt die 85-jährige. Bis die ganze Familie im Allgäu vereint sein sollte, vergingen allerdings noch eineinhalb Jahre. Erste Zuflucht fanden sie zunächst bei einer Tante in Quedlinburg. „Zuerst machte sich meine Mutter mit meinem kleinen Bruder auf den Weg ins Allgäu. Meine Schwester und ich sollten kurze Zeit später nachkommen“, blickt sie zurück.
Eine Reise war zu Kriegsende allerdings alles andere als einfach. Viele Bahnhöfe waren zerstört und ein Fortkommen war oft mit langen, nicht ungefährlichen Märschen verbunden. Mit ein Grund, warum die Tante auch mit der Reise der Nichten nicht einverstanden war. „Das hat meine Schwester allerdings nicht interessiert. Sie packte einfach ihren Koffer und ging“, erinnert sich Else Kümmerle.

Der ständige Hunger
Else Kümmerle blieb noch insgesamt eineinhalb Jahre bei ihrer Tante in Quedlinburg. Eine nicht ganz einfache Zeit: „Der ewige Hunger ist das, was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist. Essensmarken hatten wir zwar, gereicht hat das aber nie.“ Etwa vier Scheiben Brot, etwas Butter und ab und zu ein bisschen Zucker gab es am Tag. „Manchmal bekamen wir von einer Nachbarin eine Tasse Milch. Meine Tante hat dann zusammen mit Wasser, Mehl und Zucker einen Kuchen gebacken. Zu einer Tasse Blümchenkaffee war das wirklich ein Festmahl. Das hat geschmeckt, das kann man sich gar nicht vorstellen“, erzählt Else Kümmerle. Kleidung wurde aus gesammelten Stoff- und Wollresten genäht (Bild links). „Meine Tante und ich waren wirklich gut darin, so dass wir trotz der Gegebenheiten schöne Kleider tragen konnten“, erzählt sie stolz.
„Als der Krieg zu Ende war gab es keine Zuzugsgenehmigung mehr. Ich durfte also lange nicht offiziell nach Schwangau kommen, obwohl meine ganze Familie dort war“, erzählt sie. Erst durch großen Einsatz ihrer Schwester, die mittlerweile eine Arbeit bei der Gemeinde hatte, gelang die Familienzusammenführung. „Meine Schwester und mein Cousin liefen jeden Tag zum Bahnhof, um zu schauen, ob ich kam. Eine Möglichkeit sie zu benachrichtigen gab es ja damals nicht“, erinnert sich Else Kümmerle. Dann endlich war es so weit und sie konnte ihre Familie wieder in die Arme schließen.

Sprachprobleme

„Meine Güte ist das schön hier. Aber welche Sprache sprechen sie hier?“ war der erste Gedanke, der Else Kümmerle in den Sinn kam. „Ich dachte wirklich, das ist eine Fremdsprache“, schmunzelt sie, wenn sie an die anfänglichen „Sprachprobleme“ mit dem Allgäuer Dialekt zurück denkt. „Probleme“, die sich aber schnell von selbst lösten. „Wir wurden hier wirklich sehr freundlich aufgenommen und ich habe mich von Anfang an wohl gefühlt“, blickt die Mutter dreier Kinder zurück.

Das Leben im Allgäu war nicht immer einfach. Anfangs fehlte es an allen Ecken und Enden. Aber Else Kümmerle war und ist auch heute noch eine starke Frau. Zusammen mit ihrem Mann Max baute sie sich eine Existenz auf. Aus einem kleinen Gemischtwarenhandel machten sie das Café Kümmerle. Auch ihre drei Kinder Konrad, Hildegard und Doris halfen immer fleißig mit. „Doris stand auf leeren Bierkästen und verkaufte unser selbstgemachtes Eis an der Theke“, schmunzelt Else, wenn sie an diese Zeit zurück denkt. Eine schöne Zeit, die aber mit viel Arbeit verbunden war. Heute kann sie ihr Leben genießen. Auf ihrer wunderschönen Dachterrasse im Herzen Schwangaus fühlt sie sich wohl. „Ich freue mich an jedem Tier und an jeder Blume. Wenn ich zuschauen kann, wie alles wächst und blüht, dann denke ich oft an unseren Garten in Proskau zurück. Ich bin hier in Schwangau wirklich sehr glücklich geworden, aber meine Heimat vergessen werde ich nie.“

Text: msc/Bilder: msc, oh

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