Menschen

Dem Alltag einen Sinn geben

Präsenzkraft Melanie Bielenberg

Melanie Bielenberg ist eine gutaussehende junge Frau. Sie hat einen bemerkenswerten Humor, zugegeben nicht für jeden geeignet, aber wenn man ihn versteht, ist es doppelt so amüsant. Mit Aiko lebt sie in einer Frauen-Wohngemeinschaft, wie sie selber sagt. Aiko ist sieben, pflegeleicht und ein Westhighland White Terrier. Seit etwa einem Monat ist Melanie Bielenberg Präsenzkraft im Altenheim St. Michael in Füssen. Eine Arbeit, die der jungen Frau Sinn und eine gewisse Regelmäßigkeit in ihrem Alltag gibt. Sie fragen sich, was an dieser Geschichte so interessant ist? Sicher die Tatsache, dass Melanie Bielenberg selbst zu 90 Prozent behindert ist. 

 

Nach der Ausbildung zur Schwesternhelferin ließ sich Melanie Bielenberg in Augsburg zur Präsenzkraft ausbilden. Als Schwesternhelferin hätte die 31-jährige keine Chance auf einen Job gehabt. Zu stark wären die körperlichen Belastungen für sie gewesen. Jetzt ist sie auf dem Weg der beruflichen Selbstständigkeit, ein wichtiger Faktor in ihrem bisherigen Leben. „Ich bin froh, dass ich die Chance für diesen Job bekommen habe. Nach dem Unfall war alles so vage. Jetzt scheint alles so gefestigt zu sein.“  Jeden Tag steht Melanie Bielenberg mit Elan auf. Fünf Tage die Woche ist sie im Altenpflegeheim St. Michael um „ihre“ von der Demenz betroffenen Heimbewohner zu motivieren und zu aktivieren und sie so lange wie möglich am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Sie behilft sich dabei mit ganz normalen Alltagsaktivitäten wie Malen und Basteln, Lesen und Vorlesen. Aber auch Singen, Brett- und Kartenspiele, Spaziergänge und Ausflüge oder Bilder anschauen, um Erinnerungen wachzurufen und einen Gesprächsstoff anzubieten, gehören ebenso dazu. Melanie Bielenberg ist über diese sinnvolle Arbeit glücklich. „Es ist toll, wenn man merkt, dass sich die Leute auf einen freuen und was für einen Ehrgeiz sie bei „Mensch ärgere dich nicht“ entwickeln. Das finde ich super. Wie schon gesagt, es

macht mir Spaß und vor allem mag ich sie.“

Melanie Bielenberg hatte es nicht unbedingt leicht nach ihrem Unfall. Sie war 18 Jahre, als sie von einem Auto in Italien angefahren wurde. Seitdem ist ihr Leben ganz anders. „Ich musste mich erst an mich gewöhnen“, sagt sie heute. Doch nicht nur sie musste sich auf die neue Situation einstellen, sondern auch ihre Freunde und die Familie. Geblieben ist ihr die Familie und die „guten Freunde“ waren plötzlich alle weg. Mit ihrem 2006 erschienenen Buch „Ich bin noch ich nur anders“ beschrieb sie ihre Situation und ihre Gefühle. Heute ist einiges anders. Melanie Bielenberg ist viel selbstbewusster geworden. Sie weiß, was sie will und auch was sie leisten kann. Obwohl ihr Gleichgewichtssinn gestört ist, sie schlecht sieht und keine Feinmotorik mehr hat, betrachtet sie sich als sehr gesund. „Ich glaube, ich bin die gesündeste in unserer Familie. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt eine Erkältung hatte“, sagt sie lachend. Jeden Morgen duscht sie kalt. Eine ausgewogene vegetarische Ernährung gehört für sie dazu wie das tägliche Spazieren gehen mit Aiko. Ihre positive Einstellung zum Leben trägt sicherlich auch zum körperlichen Wohlbefinden bei. „Es hilft nichts, sich hängen zu lassen, dann hätte ich gar nicht überleben brauchen – vor allem was macht Aiko dann? Ich kann sie nicht im Stich lassen.“

Obwohl Melanie Bielenberg zu 90 Prozent behindert ist, braucht sie keine Hilfe von anderen. Sie schafft alles alleine, zwar etwas langsamer – aber wen stört es? „Ich brauche sicher bei vielen Dingen mehr Zeit. Aber daran habe ich mich gewöhnt. Meine Umgebung sicher auch.“ Die asiatische Küche, Bücher von Jody Picould, Musicals und die Musik der Seventies sind die Leidenschaft der Füssenerin. Langweilig wird es ihr nie. Sie weiß mit diesem kostbaren Gut „Zeit“ viel anzufangen. Sei es, sich beruflich weiter zu bilden oder eine gute Freundin in München zu besuchen. Gedanken, wie ihre Zukunft ausschauen wird, macht sich Melanie Bielenberg nicht. Viele Wünsche hat sie nicht, außer dass sie gesund bleibt und sie ihren Job behalten kann. „Ich bin wunschlos glücklich – ich habe doch alles, was ich brauche.“ Was für eine bemerkenswerte Zufriedenheit.

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