Menschen

Zu Besuch bei den Leinthalers

Mit niemanden auf der Welt würde Andrea Leinthaler tauschen. Warum auch? Sie hat das, was andere Menschen vielleicht nicht haben. Gemeinschaft, Geborgenheit – sie hat den Sinn des Lebens für sich gefunden. Manchmal wird sie von anderen Menschen deswegen schräg angeschaut, denn wer hat den heutzutage acht Kinder. Kinder sind Luxus, kosten viel Zeit und selber bleibt man auf der Strecke. Und wer so viele Kinder hat, muss asozial sein. Wirklich? Diese Klischeevorstellungen wollen allerdings Andrea und Hans-Peter Leinthaler so nicht gelten lassen.
Andrea und Hans-Peter Leinthaler lernten sich während des Studiums kennen – beide sind Agraringenieure. Also schon mal ein Klischee weniger. Wenn die Leinthalers mit ihren Kindern Jakob (14), Therese (12), Ida (10), Leni (9), Paula (7), Thea (5), Emil (3) und Fritz (13 Monate), unterwegs sind, schauen die Leute etwas merkwürdig. „Diese Blicke haben mich früher sehr irritiert. Heute ist es mir egal“, erzählt Andrea Leinthaler „ich habe mir schließlich diese große Familie mit meinem Mann ausgesucht.“ Leicht haben es die Leinthalers trotzdem nicht. Denn sie leben nicht das typisch Deutsche. Wieder ein Klischee? „Vielleicht ja. Unser Garten ist eher ein Spielplatz und die Fenster unseres Hauses entsprechen nicht dem, was manche Nachbarn gerne hätten. Sobald man nicht in ein bestimmtes Schema reinpasst, wird das nicht so gerne von der Gesellschaft akzeptiert.“ Tatsächlich sieht der Garten auf dem kleinen Dorf in der Nähe von Wertach eher so aus wie bei Pippi Langstrumpf. Für die Kinder ist er keineswegs unattraktiv – im Gegenteil, hier fühlen sich auch die Freunde der Leinthaler Kinder pudelwohl. „Für uns ist es wichtig, dass wir auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen und sie so erziehen, dass sie Toleranz und Akzeptanz haben und Grenzen respektieren“, meint Hans-Peter Leinthaler.

Jeder hilft mit
Wer denkt, die Leinthalers hätten einen straff organisierten Tagesablauf oder gut durchstrukturierten Haushalt, der täuscht sich. Jeder macht das, was gerade zu machen ist. Wer gerade an der Spülmaschine ist, der räumt sie auch aus. „Man sieht einfach die Arbeit und macht sie“, bringt es Jakob, der Älteste der Kinder, auf den Punkt. Dass es nicht unbedingt im Haushalt der Leinthalers wie „geschleckt“ aussieht, stört dabei keinen. Zugegeben, beim Essen geht es in der Großfamilie etwas turbulenter zu. Langweilig wird es da nie. Freunde der Kinder sind immer herzlich willkommen. „Anfangs kamen die Freunde kaum aus dem Staunen heraus. Sie waren es nicht gewohnt, dass so viele Menschen gleichzeitig an einem Tisch sitzen, gemeinsam essen und sich unterhalten. Jetzt sind sie es gewohnt“, erinnert sich Vater Hans-Peter lächelnd an die ersten Begegnungen zurück.

Wenig Zeit für sich selbst
Viel Zeit für sich selber hat Andrea Leinthaler kaum. Sie ist mehr oder weniger damit beschäftigt, die Kinder zur Schule, Kindergarten oder zum Musikunterricht zu fahren. Denn einen Schulbus gibt es nicht, der die Kinder aus dem Wohnort zur Schule und wieder zurückbringt. Ein großes zeitliches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die Kinder in unterschiedliche Klassen und Schulen gehen – angefangen von der Grundschule bis zum Gymnasium in Immenstadt. Und dennoch meint sie: „Eine halbe Stunde habe ich aber immer für mich. Dann gehe ich zu meinen Pferden oder Schafen.“ Die Agraringenieurin, die ihre Diplomarbeit über die Erhaltung alter Haustierrassen geschrieben hat, züchtet Alpine  Steinschafe mit großer Leidenschaft: „Diese Tiere sind etwas ganz Besonderes“, schwärmt sie. Für sie ist das pure Entspannung, wenn sie sich um ihre Tiere kümmern kann oder Zeit hat zu stricken. Manche schüttelt bei dieser Freizeitbeschäftigung verständnislos den Kopf. „Gegen Stricken haben die meisten ja nichts. Aber dass ich mir sozusagen noch Arbeit hole, indem ich die Alpinen Schafe züchte, wollen manche gar nicht verstehen.“

Jeder definiert Freizeit anders und Andrea Leinthaler eben auch. Irgendwann, meint sie, wird sie mehr Freizeit haben, um dann wieder in die Berge gehen zu können. Jetzt genießt sie ihre Familie: die liebgewonnenen Rituale wie das abendliche Vorlesen oder die Nachmittage mit selbstgebackenem Kuchen.

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