Menschen

Ärzte ohne Grenzen: Konzentrieren auf das, was machbar ist

Kalkutta ist der Inbegriff von Elend und Armut. Offiziell leben gut 15 Millionen Menschen in Kalkutta, inoffizielle Schätzungen gehen von mehr als 30 Millionen Einwohnern aus. 1,5 Quadratmeter hat jeder Bewohner eines Slums zur Verfügung, und das sind mehr als zwei Drittel der Menschen. Kinder suchen in der offenen Kanalisation nach Müll, der sich verkaufen lässt. Entstellte und verkrüppelte Menschen flehen um Essen. Wo soviel Elend ist, sind Krankheiten allgegenwärtig. Tuberkulose, Haut- und Vitaminkrankheiten, Blutarmut, Unterernährung, Durchfälle, die Liste könnte noch weiter fortgesetzt werden. Geld für Medizin oder für einen Arzt sind für diese Menschen etwas Unerreichbares, eine Utopie. „Jeder Tag ist ein Überlebenskampf“, erklärt Dr. Siegfried Gall aus Seeg. Er engagiert sich seit zwei Jahren bei der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“.

 

Dreck, Gestank und Hitze machen es den Ärzten nicht unbedingt leicht in den provisorischen Baracken eine Ambulanz einzurichten. „Und dennoch ist alles gut durchgeplant und organisiert“, erklärt der pensionierte Arzt. Medikamente und genügend Verbandszeug sowie ein gut ausgebildetes Team aus Schwestern stehen den ausländischen Ärzten zur Verfügung. Für mindestens sechs Wochen verpflichten sich die Ärzte und Ärztinnen für diesen guten Zweck, der auf ehrenamtlicher Arbeit basiert. „Wer zum ersten Mal nach Kalkutta in die Slums kommt, vergisst es nicht so schnell. Man hat das Bedürfnis, sofort wieder abreisen zu müssen, um das Elend nicht sehen“, so Dr. Gall. Zwischen 100 und 150 Menschen werden am Tag von sechs Ärzten untersucht und behandelt. Manche von ihnen sind schon Stunden vorher da, um keine Gefahr zu laufen, nicht unter den „Abgestempelten“ zu sein. Denn jeder der einen Stempel vom Arzt bekommt, wird auch untersucht. Einige, die etwas Geld haben, bestechen die Landlords. Das sind die Landbesitzer auf deren Grund die Praxen stehen, mit einpaar Rupien um sich so die vordersten Plätze der Warteschlange zu erkaufen. „Ohne Geld geht hier gar nichts“,  sagt der Arzt. Wer den heißbegehrten Stempel nicht erhalten hat, muss wieder die Heimreise antreten. Ein Unterfangen, das nicht ohne Tränen und lautem Schreien endet. Allein 40 Prozent der Hilfesuchenden sind Kinder.

 

Patienten in Not
Von Montag bis Freitag arbeiten die Mediziner von 8.30 Uhr bis 17 Uhr durch und das bei einer Hitze von 37 Grad. „Wenn der Ventilator dann noch ausfällt, läuft einem die Brühe runter und es stinkt alles. Egal wo man ist, in Kalkutta stinkt es immer“, erzählt der Seeger Arzt. Der Samstag ist für die „Homevisits“, also Hausbesuche, angedacht. „Das sind meistens Patienten mit TBC“, klärt Dr. Gall auf. Welche Not tatsächlich herrscht, sieht man darin, dass selbst Medikamente, die für den Kranken lebensnotwendig sind, verkauft werden. Deshalb bekommen Patienten auch nur für drei Tage ihre Medikamenten-Ration.

Die Ärzte leben in Kalkutta unter sehr einfachen Bedingungen. Eine Privat- beziehungsweise Intimsphäre gibt es nicht wirklich. Abschließbare Toiletten oder Sanitäranlagen sind purer Luxus. Ausgehobene Löcher für die Notdurft sind eher der Regelfall. Kein angenehmer Gedanke, wenn man vom Brechdurchfall gebeutelt wird, den die meisten Ärzte am Anfang ihrer Arbeit bekommen. Auch sonst sind die Ärzte Krankheiten ausgesetzt

Dr. Gall spricht von einem Gewöhnungseffekt, egal ob es nun um die Hygiene, das Elend  oder die Entscheidung geht, einen Menschen für 1.500 Euro operieren zu lassen oder mit diesem Geld zehn andere Kranke zu behandeln. „Manchmal muss man auch Entscheidungen akzeptieren, die im ersten Augenblick hart klingen. Man muss sich dessen bewusst sein, dass man nicht alles machen und vor allem nicht jedem helfen kann und sich auf das konzentrieren, was machbar ist.“

Viele Male waren Dr. Siegfried Gall und seine Frau Luise in Indien. Die Wohnblocks sind für Luise Gall noch schlimmer als die Slums. „Die Fenster sind klein, so dass kaum Licht durchdringt. Alle Familienmitglieder leben zusammen, auch die TBC Kranken.“ Und dennoch strahlen gerade diese Armen eine Würde aus. Von seinen Bewohnern wird Kalkutta „Stadt der Freude“ genannt. Durch westliche Augen gesehen gibt es dafür eigentlich keinen Grund. Für die Menschen der niederen sozialen Klassen beginnt mit jedem Sonnenaufgang ein neuer Kampf ums Überleben für sich und ihre Familie. Ein bis drei Euro sind der tägliche Lohn eines Tagelöhners bei einem 12-stündigen Arbeitstag.

The fruit of SILENCE ist Prayer
The fruit of PRAYER ist Faith
The fruit of FAITH ist Love
The fruit of LOVE ist Service
The fruit of SERVICE is Peace
Dieses Gedicht bekamen Luise und Dr. Siegfried Gall 1996 von Mutter Teresa, nachdem sie sie gesegnet hatte, persönlich mit einem Anhänger überreicht.

Hauptgeschäftsstelle Deutschland: „Ärzte ohne Grenzen“, Am Köllnischen Park 1, 10179 Berlin Tel. +49 (0)30 / 22 33 77 00 office@berlin.msf.org

Zweigstelle Deutschland: „Ärzte ohne Grenzen“, Lievelingsweg 102, 53119 Bonn Tel. +49 (0)228 / 55 95 052

 

 

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