Wenn die Seele Trauer trägt

Bei Hannes Biber kam es schleichend. So wie eine Erkältung, die immer schlimmer wird. Wenn ihm früher jemand gesagt hätte, dass er depressiv werden würde, hätte er erst einmal gefragt, was das ist. Heute weiß er das nur zu genau.

20 Jahre lang übte Hannes Biber seinen Beruf als Kellner aus. „Der Beruf machte mir Spaß und ich war gut darin. Ich durfte mit vielen Menschen kurze, schöne Zeiten verbringen“, erzählt er heute. Irgendwann war das nicht mehr möglich. Warum das so war, weiß er nicht. Die ständige Traurigkeit und Melancholie war für den Familienvater unerträglich. Dass es eine Depression ist, merkte der Reuttener nicht. „Ich dachte, ich sei unzufrieden, wollte es ändern und ließ mich zum Grafiker umschulen.“ Es begann eine Tortur, immer mit der Angst konfrontiert, zu versagen.

Die Ausbildung war nicht das, was eine Ausbildung heutzutage wäre. Erst Jahre später konnte sich Hannes Biber als Grafiker sehen. „Depressiv sein und schöne Dinge zu gestalten kostete mich unendlich viel Kraft. Das war schrecklich. Es war ein immenser Druck“, blickt er zurück. Wenn er zwei, drei Bier getrunken hatte, fühlte er sich leichter. „Ich dachte, ich könne meine Depression wegtrinken. Da habe ich mich sehr getäuscht. Es wurde schlimmer.“ So schlimm, dass er regelrecht schrie. „Ich war untragbar“, sagt er von sich selbst. 2004 suchte er letztendlich einen Arzt auf. Medikamente halfen ihm, den Alltag zu meistern. Mit dem Trinken hörte er nicht auf. „Es ging nicht, ich war alkoholkrank. 2007 bin ich dann zum Entzug gegangen.“ Acht Wochen war Hannes Biber in der Klinik. Wenn er zurückblickt, sagt er, dass es der beste Entschluss seines Lebens gewesen ist. Seitdem trinkt er keinen Schluck mehr. „ Die Freude meiner Kinder darüber, dass ich damals aufgehört habe, war groß. Ich war schleichend abhängig geworden, nur mit Bier – weil ich mich einfach beruhigen wollte. Ich wollte die Depression wegtrinken, weil ich mich so nicht fühlen wollte.“

Die Depression wurde nicht besser. Für den gläubigen Mann gab es kein Licht am Horizont. Durch seine Krankheit wurde er arbeitsunfähig. „Für mich war es eine Erleichterung, denn innerlich war ich schon längst tot.“ Eine gute Therapie fand er in der Malerei. Es war die Neugier, die ihn dazu bewegte zu malen. „Ich war gespannt, was aus Formen und Farben entstehen kann.“ Die Kunstliebhaber mögen seine Bilder, die ganz und gar nicht sein Gemüt widerspiegeln. Die Bilder sind hell und farbenfroh – so wie Hannes Biber selbst gerne sein will. Als Künstler sieht er sich nicht. „Ich bin ein Maler. Ich habe meine Bilder in der Wohnung ausgestellt und angeschaut und immer wieder etwas Neues darin gesehen. Sie sind lebendig und nicht langweilig. Sie verändern sich jeden Tag – ich weiß nicht, ob man das als Kunst bezeichnen kann.“

Eine ganze Zeit lang fiel es ihm schwer zu malen und seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Als die Scheidung kam, musste er wieder von Neuem beginnen. Seine Perspektiven waren gleich Null. „Ich war wieder ganz unten und wusste nicht, wo oben oder unten ist.“ Hannes Biber geht ganz offen mit seiner Krankheit um. „Mit den Depressionen bist Du ganz allein. Du hast Niemanden, weil es keiner versteht. Eine Depression ist nicht offensichtlich. Ich möchte jedem dazu raten, nicht zu schauspielern, dass es ihm oder ihr gut geht. Sucht einen Arzt auf und geht mit der Krankheit offen um“, rät er allen Betroffenen.

Das Malen ist ihm geblieben, auch der gute und herzliche Kontakt zu seinen Kindern. Erst vor Kurzem hatte er eine Bilderausstellung in der Dengel Galerie. Er zeigte Bilder von Lieblingsplätzen seiner Tochter Larissa. Sie war eine seiner vier Töchter. Hätte er nicht so einen starken Glauben, hätte er ihren gewaltsamen Tod nicht verkraftet. Mit seiner Krankheit hat er Frieden geschlossen. Er weiß, dass es schlechte und gute Tage gibt.

Text: Sabina Riegger· Bild: privat

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