Menschen

Liebe das Leben

Pater Michael ist seit 47 Jahren Franziskaner und feierte vor kurzem sein 40-jähriges Priesterjubiläum.

Manchmal sind es die ungewöhnlichsten Wege, die einen zur Zufriedenheit und Glück führen können, so wie bei Pater Michael. Ein schwerer Unfall zwang ihn dazu, sein bisheriges Leben zu reflektieren und alles zu hinterfragen. War es das, was er wollte?

Er hatte es geschafft vom Postbotenjungen zum Bezirkssekretär der deutschen Postgewerkschaft zu werden. Und das mit 25 Jahren. Es war eine unbeschreibliche Zeit, die wilden 68er Jahre, die alles möglich machten. Wahrscheinlich wäre er die Karriereleiter noch weiter hochgeklettert, wenn der Unfall nicht passiert wäre. „Ich war damals ständig in Aktion und viel unterwegs. Es gehörte zu meinem Leben dazu, ich war für die Organisation und Vertretung der Mitarbeiter im Beamtenrecht zuständig.“

„Kinder machen immer das Gegenteil von dem, was die Eltern vorleben. Ich nehme mich da nicht aus“, sagt er ehrlich. Pater Michael wuchs in Miltenberg auf. Hier kannte jeder jeden. „Durch die Post lernte ich viele Familien persönlich kennen. Ich bin jeden Tag in die Wohnungen gekommen, weil ich Radiogeld oder Zeitungsgeld kassieren musste oder Renten zustellen. Früher war es ganz anders. Da hat der Postbeamte noch etwas gegolten,“ blickt der Franziskanerpater zurück.

Obwohl er sehr religiös aufgewachsen ist und Ministrant war, gab es ab dem 14. Lebensjahr für den Pater keine Kirche mehr. Es fing ein neues Leben an, das so gar nicht in sein altes passte und dass, obwohl er gerne ein Diener Gottes war und ihn die in Latein abgehaltenen Messen faszinierten. In seiner Stimme hört man keine Reue oder Verlegenheit. „Warum auch, alles hatte seine Zeit“, sagt er mit einer Selbstverständlichkeit.

Es war der Priester, der ihn täglich im Krankenhaus besuchte und ihm letztendlich einen kleinen Zettel in die Hand drückte und meinte, dass er dort gut aufgehoben wäre, um zur Ruhe zu kommen. Mit „dort“ meinte der Krankenhausseelsorger den Franziskushof.

„Ich bin ins Krankenhaus gekommen und ich habe wirklich nicht gewusst, ob ich wieder auf die Beine komme. Und da habe ich mich schon gefragt, warum ist das passiert? Einige Jahre vorher dachte ich mir, es ist alles möglich, bis ich dann die Brüchigkeit des Lebens erlebte. Mich haben die grundphilosophischen Fragen des Menschen immer schon interessiert – was ist der Mensch, was ist der Sinn des Lebens…? Ich lebte nach dem marxistischen Satz: Es ist nicht das Bewusstsein, das unser gesellschaftliches Sein bestimmt, sondern es ist das gesellschaftliche Sein, das unser Bewusstsein bestimmt – das war die Grundlage meiner Arbeit. Da kam Gott nicht vor.“

Der Krankenhausseelsorger fragte ihn, wann er das letzte Mal glücklich war und ein Grundvertrauen hatte. „Da merkte ich, dass mir etwas fehlte. Ich war in meiner Kindheit so unbeschwert und glücklich und das wollte ich wieder haben. Da war die Welt noch in Ordnung“, so Pater Michael.

1974 kam er zum ersten Mal in den Franziskushof und entschloss sich bald darauf, seine Stelle bei der Post zu kündigen. Er wusste, dass es auf diesem Weg weitergehen wird. Er behielt Recht, seine innere Stimme täuschte ihn nicht. „Im Franziskushof habe ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit meinen inneren Frieden gefunden.“

Der Franziskushof, der zugleich auch eine Begegnungsstätte war, hieß „Haus der Stille“, dort kam der Ordensmann zum ersten Mal mit den Psalmengebeten in Berührung, in denen er seine Lebenssituation wiederfand. Heute noch sind die Psalmengebete für den 78-Jährigen ein grundlegender Bestandteil. Ein bisschen erstaunt und doch stolz war seine Familie, als er ihr sagte, dass er Priester werden würde.

Warum er sich für den Franziskanerorden entschieden hat, erklärt er so: „Ich bin kein klassischer Mönch. Ein Mönch tritt in eine Abtei ein und ist dort sein ganzes Leben lang. Franziskus war das nicht. Er wollte so leben wie Jesus, er war nicht ortsgebunden, hatte ehelos gelebt und hatte keine Eigentümer. Wir sind ortsungebunden, ich kann überall als Seelsorger arbeiten und kann in jedes Franziskanerkloster gehen.“

Den Sinn des Lebens hat er für sich schon lange entdeckt: Er beschreibt ihn so: „Ich habe mich mit der Astrologie befasst. Da ist mir immer deutlicher der Polarstern geworden. Er steht immer an derselben Stelle. Der Polarstern gibt eine Orientierung an, weil der Nordpunkt immer am Polarstern ist. Wenn man das auf unser Leben überträgt, dann bedeutet es einen Sinn haben. Es ist eine feste Grundlage, ein festes Bild für unser Leben. Es gibt uns eine Orientierung. Gott ist Liebe, das ist der feste Punkt – Liebe hört niemals auf, von daher können wir immer wieder neu aufstehen. Sucht zuerst das Reich Gottes, dann kommt alles andere dazu! Ich lebe nach dem Motto: „,Liebe das Leben und lebe die Liebe.‘“

Pater Michael ist glücklich in seinem Beruf. Er sieht es als Glück und Freude an, wobei er auch zugibt, dass es manchmal auch Probleme gibt, alltägliche, normale, wie er sie nennt. „Ich hatte noch nie eine existenzielle Krise. Es war noch nie so, dass ich unsicher war, ob es das Richtige für mich ist. Das allein empfinde ich schon als große Dankbarkeit“, sagt er.

Als er zu den Franziskanern stieß, bekam er die Möglichkeit Distanz zum Alltag zu finden, den eingeschlagenen Lebensweg zu überdenken und sich mit dem eigenen Glauben auseinanderzusetzen.

Seit 47 Jahren gehört er dem Franziskanerorden nun an. Während seines Klosterlebens entschloss er sich zu studieren und Priester zu werden. Sein 40-jähriges Priesterjubiläum feierte er erst vor kurzem und erinnerte sich an seinen geistlichen Wahlspruch zum Priester vom Apostel Paulus an die Römer: Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis und beharrlich im Gebet. „Das ist das, was mich trägt. Es ist meine Identität als Franziskaner und Priester.“

Text · Foto: Sabina Riegger

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