KulturLeben

„Theuerster Vetter!“ – Prinz Ludwig Ferdinand

„Theuerster Vetter! Vergib die schlechte Schrift, ich schreibe dieß in höchster Eile. Denke Dir was Unerhörtes heute geschehen ist!!“ Mit diesen Worten beginnt König Ludwig II. von Bayern seinen letzten, heute bekannten Brief. Er schreibt ihn in der Königswohnung in Neuschwanstein, nur kurze Zeit nachdem ihn die erste Kommission bestehend aus Psychiatern, Irrenwärtern, Ministern und Hofchargen festnehmen und entmündigen wollte. Der Brief und auch die Umstände dieser Nacht sind heute weitestgehend bekannt. Es kommt jedoch unweigerlich die Frage auf – Wer ist der „theuerste Vetter“, dem sich Ludwig II. in dieser heiklen Situation anvertraut?

Sein Name ist Ludwig Ferdinand, Ein geborener Prinz von Bayern und Ludwigs II. Cousin ersten Grades.
In den letzten Lebensjahren des Bayernkönigs entwickelt sich ein reger Briefwechsel sowie eine unübersehbare Vertrautheit zwischen den Cousins, die vierzehn Lebensjahre trennen.

Man kann mit Fug und Recht behaupten: Ludwig Ferdinand ist der einzige Vertraute Seiner Majestät innerhalb der königlichen Familie. Gegenseitiges Misstrauen und Missgunst bestimmen meist die Beziehung zu den restlichen Familienmitgliedern. In den königlichen Briefen an den Cousin berichtet Ludwig II. von seiner misslichen finanziellen Lage, den damit einhergehenden Unterbrechungen sämtlicher Bauarbeiten und den Bestrebungen, diesem monetären Desaster zu entfliehen.

Die beiden Cousins verbindet die Liebe zur Musik und zur Kunst, jedoch jeden für sich auf eine völlig unterschiedliche Weise. Lebte der König sehr zurückgezogen, in seiner selbst konstruierten Welt, unverheiratet und einsam, so war das eher bodenständige Leben des Prinzen geprägt durch den Wunsch anderen zu helfen – ein Philanthrop durch und durch.

Ludwig Ferdinand erblickt als erstgeborener Sohn des Prinzen Adalbert, dem jüngsten Bruder König Max II. von Bayern, das Licht der Welt. Allerdings nicht in Bayern, wie man es bei einem Mitglied der bayerischen Königsfamilie erwarten würde, sondern auf Wunsch der spanischen Königsfamilie in Madrid. Seine Mutter, eine geborene spanische Infantin und Cousine der regierenden Königin Isabella II. von Spanien, erfüllt ihrer Familie diesen Wunsch und bringt am 22. Oktober 1859 im Stadtschloss von Madrid, dem Palacio Real, einen bayerischen Prinzen zur Welt. Doch im Vorfeld der Geburt haben nicht nur die spanischen und bayerischen Königshäuser großes Interesse an dem neuen Prinzen, auch das griechische Königshaus schaltet sich ein. Der regierende König Otto von Griechenland, ebenfalls ein geborener Prinz von Bayern, hofft noch immer, dass sein jüngerer Bruder Adalbert, ihm einmal auf den Thron folgen würde. Für kurze Zeit scheint dieses Ziel auch erreichbar, weswegen Adalberts Erstgeborener den Namen „Konstantin“ erhalten soll. Letztendlich gestalteten sich die Bedingungen, die die Thronfolge mit sich bringen, als zu groß. Adalbert lehnt die griechische Thronfolge ab und sein erstgeborener Sohn erhält den Namen „Ludwig Ferdinand“. Der Name „Konstantin“ rutscht ans Ende der langen Vornamenliste und erinnert noch heute an dieses Vorhaben.

Prinz Ludwig Ferdinand entwickelt sich über die Jahre zu einem sehr wissbegierigen und viel interessierten jungen Mann. Nach seinem Dienst beim Militär fasst er einen eher außergewöhnlichen Entschluss. Er wünscht sich ein Medizinstudium absolvieren zu dürfen. Ein ungewöhnliches Vorhaben für einen königlichen Prinzen zur Zeit der Monarchie. Doch dieser Wunsch ist nicht nur eine Laune. Ludwig Ferdinand ist ein begeisterter und strebsamer Student an den Universitäten in München und Heidelberg. Nach dem bestandenen Staatsexamen wirkt der Prinz als Chirurg und Gynäkologe. Seine Doktorarbeit „Zur Anatomie der Zunge – eine vergleichend-anatomische Studie“ widmet er seinem Cousin König Ludwig II., der ihm die Erlaubnis zu diesem Studium gegeben hatte.

Prinz Ludwig Ferdinand ist ein begeisterter Arzt, der seine Patienten stets kostenlos behandelt. Im ersten Weltkrieg leitet er das Fürsorgelazarett und steht der Chirurgischen Abteilung des Münchner Garnisonslazarettes vor. Auch in der Zeit der Revolution hält er an seiner Berufung fest und praktiziert weiter, stets kostenlos. Neben seinem Beruf als ausgebildeter Chirurg und Gynäkologe ist Ludwig Ferdinand ein begeisterter Künstler, dem vor allem die Musik am Herzen liegt. Er ist Komponist, Pianist und ein ausgezeichneter Violinist, der sein Talent regelmäßig in großen Orchestern unter Beweis stellt.

Im Jahr 1883 heiratet er an seinem Geburtsort, im Stadtschloss von Madrid, eine spanische Infantin. Ähnlich wie bei der Verbindung seiner Eltern wurde auch diese Ehe arrangiert. Zumindest teilweise. Die auserwählte Braut, Infantin Maria de la Paz, ist eine Tochter Königin Isabellas II. von Spanien. Die Idee zu dieser Verbindung hatte Ludwig Ferdinands Mutter, die ihre königliche Cousine um Zustimmung bat. Doch Maria de la Paz ist dem bayerischen Brautwerber erst einmal überhaupt nicht zugeneigt. Es sollen drei Jahre vergehen, bis sie endlich „ja“ sagt. Das Ehepaar lebt in Bayern vor allem in Nymphenburg, aber auch im Ludwig-Ferdinand-Palais am Wittelsbacher Platz unweit der Residenz. Schon kurze Zeit nach ihrer Hochzeit wird dem Ehepaar eine große Ehre zuteil. Sie erhalten eine Einladung zum Souper. Der Gastgeber ist kein Geringerer als König Ludwig II. selbst. Maria de la Paz schildert die Begegnung mit dem Bayernkönig in einem ausführlichen Brief. Der König, aber auch die Örtlichkeit des Soupers, der Wintergarten auf der Residenz haben einen großen Eindruck bei der jungen Frau hinterlassen. Maria de la Paz schreibt: „(…) Als wir ankamen, stand der König an der Stiege, küsste mir die Hand und führte mich eine jener Steintreppen hinauf (…) Nachdem wir durch ein anderes (…) Zimmer gegangen waren, gelangten wir an eine hinter einem Vorhang versteckte Türe. Lächelnd hob der König den Vorhang zur Seite. Ich war verblüfft; denn ich sah einen riesigen, auf venezianische Art beleuchteten Garten mit Palmen, einem See, Brücken, Hütten und schlossartigen Bauwerken. (…) Ein Papagei schaukelte sich in einem goldenen Reif und schrie mir „Guten Abend“ entgegen, während ein Pfau gravitätisch vorüber stolzierte. (…)“.

Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer unterschiedlichen Lebensstile, ist die familiäre und freundschaftliche Verbindung zwischen König Ludwig II. und Prinz Ludwig Ferdinand stets geprägt von gegenseitigem Vertrauen. Seinen letzten Brief an den Lieblingscousin beendete Ludwig II. mit den Worten: „(…) In felsenfestem Vertrauen i. inniger Liebe / Dein getreuer Vetter / Ludwig“.

Text: Vanessa Richter
Fotos: Wikipedia

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Das könnte Dich auch interessieren
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"