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Bayern und die Pocken-Impfung

Seit gut zwei Jahren hält das Corona-Virus die Welt in Atem. Eine Pandemie, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt und unser bisheriges Leben vollständig veränderte. Das Thema Impfung beschäftigt die Welt mehr denn je. Von einer möglichen Impfpflicht ist immer wieder die Rede.

Diese Thematik ist in Bayern nicht neu. Bereits vor 200 Jahren, genauer gesagt im Jahr 1807, war die Impfpflicht in aller Munde. Damals grassierte das Pocken-Virus und brachte vielen Millionen Menschen den Tod.

Neben der Pest waren die Pocken, oder auch Blattern genannt, die gefährlichste Infektionskrankheit. Infizierte man sich mit diesem Virus, gab es keine Behandlung, keine Heilung, kein Medikament, das den Erkrankten helfen konnte. Einmal infiziert, gab es nur eine Möglichkeit: man musste die Krankheit durchmachen. Sehr hohes Fieber ging einher mit roten Flecken am ganzen Körper. Dieser Ausschlag, der sich vor allem an Armen, Beinen und im Gesicht festsetzte, verwandelte sich nach und nach in unzählige kleine Blasen, die sich mit übelriechendem Sekret füllten und dicht an dicht über den ganzen Körper verteilten. Ungefähr dreißig Prozent aller Erkrankten starben durch eine Pocken-Infektion.

Hatte man das Glück zu überleben, waren die Folgen meist schwerwiegend. Viele waren sehbehindert, bis hin zur völligen Erblindung. Einige wurden schwerhörig oder sogar taub. Eines verband alle ehemaligen Pockenkranken – durch die tiefen Narben, die die Bläschen am ganzen Körper hinterließen, waren sie für immer von der Krankheit gezeichnet, manche sogar völlig entstellt.

Die Pocken wüteten auf der ganzen Welt und durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. So machten sie auch vor den damals regierenden Adelshäusern nicht halt. Der russische Zar Peter II. oder auch Ludwig XV., König von Frankreich ,erlagen den Pocken. Kaiserin Maria Theresia von Österreich verlor drei ihrer Kinder und zwei Schwiegertöchter an diese Krankheit und infizierte sich selbst, nachdem sie ihre schwer kranke Schwiegertochter umarmt hatte. Der Kaiserin ging es so schlecht, dass sie die Sterbesakramente erhielt. Wie durch ein Wunder überlebte sie.

Auch bei den Wittelsbachern trieben die Pocken ihr Unwesen. 1777 erlag der bayerische Kurfürst Max III. Joseph den Pocken. Er war der letzte bayerische Wittelsbacher. Durch seinen Tod stammten alle nachfolgenden bayerischen Regenten, inklusive der kommenden Könige, aus der Pfälzer Linie der Dynastie.

1789 erkrankte Ludwig, der spätere König Ludwig I. von Bayern, im zarten Alter von drei Jahren an den Blattern. Elf Tage lang schwebte er zwischen Leben und Tod. Eine Hoffnung auf Heilung war schon fast aufgegeben. Doch Ludwig überlebte, war aber zeitlebens von Pockennarben gezeichnet und stark schwerhörig. Siebzehn Jahre später bestieg Ludwigs Vater Max Joseph als erster König den bayerischen Thron und nutze seine Stellung zur Bekämpfung der Blattern.

Ende des 18. Jahrhunderts hatte ein britischer Arzt eine äußerst wirksame Impfung gegen die Pocken entdeckt. Durch die Infektion mit den für den Menschen ungefährlichen Kuhpocken wurde eine Blatternerkrankung fast unmöglich. Schnell stellte man die entwickelte Schutzimpfung der Bevölkerung zur Verfügung. Viele Menschen ließen sich Impfen. Um die Pocken zu besiegen, reichte die Impfquote allerdings nicht aus.

Im Jahr 1807, ein Jahr nachdem Max I. Joseph den Thron bestiegen hatte, erließ er die weltweit erste Impfpflicht gegen das Pocken-Virus. Im Regierungsblatt des Königreichs Bayern war zu lesen: „Wir Maximilian Joseph, von Gottes Gnaden König von Baiern haben bisher mit besonderem Wohlgefallen die ausgezeichneten Fortschritte der Schutz-Pocken-Impfung in Unseren Staaten, so wie die rühmliche Bereitwilligkeit eines großen Theiles Unserer Unterthanen zu der Annahme dieses durch die Erfahrung der Aerzte als unfehlbar erwiesenen Schutzmittels gegen die Verheerungen der Kindsblattern wahrgenommen. Die aus den verschiedenen Provinzen Unseres Reiches darüber vorgelegten Berichte haben Uns aber auch in Kenntnis gesetzt, wie viele Menschen noch aus Vorurtheil oder Indolenz auf diese große Wohlthat verzichten, und dadurch sowohl sich als andere in Gefahr setzen. (…) Wir finden Uns dadurch bewogen, die Kindsblattern-Seuche für die Zukunft durch eine allgemeine und gesetzliche Einführung der Schutz-Pocken-Impfung gänzlich aus Unseren Staaten zu verbannen und durch Beseitigung aller Anstände das Verfahren dabei, zur vollkommenen Sicherstellung Unserer Unterthanen, auf eine solche Art zu regulieren, daß hinfür über den Erfolg jeder einzeln gemachten Impfung kein Zweifel obwalten könne.“

Das Gesetz legte genau fest, wer die Impfung durchführen durfte. Sogenannte Impfärzte wurden bestimmt. Auch der zu verwendende Impfstoff und dessen Beschaffung wurden gesetzlich geregelt sowie die Beurkundung der erfolgten Impfung. Ebenso legte man fest, wer zur Impfung zu erscheinen hatte. “Alle diejenigen Unterthanen, welche das dritte Jahr bereits zurückgelegt haben, weder die Kindsblattern gehabt, noch mit Schutzpocken geimpft wurden, müssen mit letzteren den ersten Tag des Monats Juli im künftigen Jahr 1808 geimpft seyn.“

Verweigerte jemand die Schutzimpfung, verhängte das Königreich Bayern empfindliche Geldstrafen, beginnend mit acht Gulden in den ersten zwölf Monaten, gefolgt von einer erheblichen Erhöhung in jedem weiteren Jahr ohne Impfung. Das Gesetzt bezog auch die Geistlichen jeder Gemeinde mit ein, die die Wichtigkeit der Schutzimpfung in ihre Predigten und Vorträge mit einbeziehen sollten. Doch nicht bei allen Bayern stieß dieses neue Gesetz auf Zustimmung.

Trotz der Gegenstimmen blieb die Schutz-Impfung bestehen, wurde 1871 auf das deutsche Kaiserreich ausgeweitet und bis in die Bundesrepublik Deutschland weitergetragen. Zwischenzeitlich schlossen sich unzählige Länder diesem Impfgesetz an.

Erst am 26. Oktober 1979 verkündete die Weltgesundheitsorganisation die weltweite Ausrottung der Pocken. Nur eine kleine runde Narbe an so manchem Oberarm der vor 1972 Geborenen erinnert noch heute an diese mörderische Pandemie.

Text: Vanessa Richter
Foto: Wikipedia

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