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Erzherzogin Sophie von Österreich, Sisis Schwiegermutter

Sisi, die Kaiserin von Österreich, ist fast jedem ein Begriff. Gerade die „Sissi“-Filme machten die Ehefrau von Kaiser Franz Josef I. berühmt. Allerdings hat die von Romy Schneider dargestellte „Sissi“ nur wenig mit der historischen Sisi gemeinsam. In den Filmen erhielten auch „Sissis“ Eltern andere Charakterzüge, als es von Max in Bayern und seiner Gattin Ludovika überliefert ist. Eine weitere hervorstechende Persönlichkeit der „Sissi“-Filme stellte die „böse“ Schwiegermutter dar – Erzherzogin Sophie von Österreich, die der jungen, liebreizenden Kaiserin das Leben schwer machte.

Betrachtet man die Familienverhältnisse der historischen Personen jedoch genauer, fällt auf, dass nicht nur Sisis Mutter, sondern auch ihre Schwiegermutter geborene bayerische Prinzessinnen waren. Viel mehr noch, die beiden waren sogar Schwestern. Sisis Mutter Ludovika war die zweitjüngste Tochter des ersten bayerischen Königspaares Max I. Joseph und Königin Karoline, Sisis Schwiegermutter Sophie war Ludovikas drei Jahre ältere Schwester. Wie die junge Prinzessin Sophie von Bayern an den österreichischen Hof kam, zeichnet ein eindeutiges Bild von der eigentlichen Bedeutung dynastischer Vermählungen. Der Plan hierzu wurde bereits in der Kindheit der jungen Prinzessin geschmiedet.

In der Zeit des Wiener Kongresses, der sich vom Herbst 1814 bis zum Sommer 1815 hinzog, hielten sich fast alle europäischen Fürsten in der österreichischen Hauptstadt auf. Während dieser fast zehn-monatigen Verhandlungensphase wurde Europa nach dem Sieg über Napoleon neu geordnet. Auch Sophies Eltern, König Max I. und dessen Ehefrau Karoline, nahmen am Wiener Kongress teil. Für Bayern stand so einiges auf dem Spiel. Die früheren Bande mit Napoleon schwebten wie ein Damoklesschwert über dem bayerischen Königtum und seinem Reich. Doch die Befürchtungen waren unbegründet und die Verhandlungen liefen für Bayern weitestgehend zufriedenstellend. Das Königreich blieb bestehen und musste nur wenige Gebietseinbußen hinnehmen. Die federführende Nation dieser Tage war das Kaiserreich Österreich. Aus bayerischer Sicht ließ sich nicht leugnen, dass eine verwandtschaftliche Verbindung mit Österreich auch in Zukunft von besonderem Wert wäre. Also fassten Max I. und Karoline den Entschluss, eine ihrer Töchter mit einem österreichischen Erzherzog zu verheiraten. Die Wahl unter ihren Töchtern viel schnell auf die damals zehnjährige Sophie, die zu einem intelligenten und zugleich bildhübschen Mädchen heranwuchs. Max und Karoline waren der Ansicht, dass sich Sophie durch ihre herausragende Intelligenz und ihren Scharfsinn für eine regierende Position qualifizieren würde. So kam für die Eltern nur einer in Frage: kein Geringerer als der österreichische Thronfolger Erzherzog Ferdinand selbst. Er sollte Sophies Bräutigam werden.

Als das bayerische Königspaar den österreichischen Thronfolger jedoch tatsächlich zu Gesicht bekam, änderte sich dieser Plan sehr schnell. Erzherzog Ferdinand war nicht ganz das, was sie sich für ihre Tochter erhofft hatten. Sophies Mutter soll schockiert gewesen sein. Ferdinand hatte von Geburt an eine sehr schlechte gesundheitliche Verfassung. Er litt an einem Hydrocephalus (umgangssprachlich: Wasserkopf), Rachitis und epileptischen Anfällen. All diese Erkrankungen hatten bereits deutliche Spuren am Äußeren des erst einundzwanzigjährigen Prinzen hinterlassen. So war auch seine geistige und körperliche Entwicklung weniger fortgeschritten als die Gleichaltriger. Der Wunsch einer österreichisch–bayerischen Heirat wurde erst einmal wieder auf Eis gelegt.

Fast zehn Jahre später nahm das Thema wieder Fahrt auf. Eine fruchtbare Verbindung mit dem österreichischen Kaiserhaus schien wieder greifbar nahe zu sein. Diesmal ging es allerdings nicht um den Thronfolger selbst, sondern um dessen jüngeren Bruder Erzherzog Franz Karl. Wie dieses plötzliche, wiederaufkeimende Interesse des österreichischen Hofes an Bayern zustande kam, ist nicht ganz klar. Man kann allerdings vermuten, dass Sophies ältere Halbschwester Karoline Charlotte ihre Finger im Spiel hatte. Sie war in der Zwischenzeit mit dem vierundzwanzig Jahre älteren österreichischen Kaiser Franz I., dem Vater von Franz Karl, verheiratet worden.

Sophies Heirat mit Franz Karl galt politisch als fast genauso erstrebenswerte Partie, wie die mit seinem älteren Bruder, dem Thronfolger Ferdinand. Denn die neusten ärztlichen Gutachten ließen vermuten, dass Ferdinand wohl nur mit großen Risiken eine Ehe vollziehen können werde und das womöglich sogar zu seinem Tod führen könnte. Außerdem ließe seine körperliche Verfassung keine hohe Lebenserwartung zu.

Sophie hatte daher auch an der Seite des jüngeren Bruders Franz Karl eine reelle Chance Kaiserin von Österreich zu werden. 1824 begegneten sich die zukünftigen Eheleute das erste Mal in Tegernsee. Sophies Mutter berichtete in einem Brief: „Ich danke dem Himmel, dass Sophie so vernünftig ist. Mich würde er zu Tode langweilen. Manchmal halte ich es nicht mehr aus. Dabei ist er gebildet, sagt man, und er beginnt, sehr verliebt zu werden. Das sollte mich freuen, (…) „

Franz Karl war anscheinend kein Adonis und auch in Geistesangelegenheiten eher träge und gemütlich. Sophie bemerkte schnell die intellektuellen Unterschiede zwischen ihr und ihrem Zukünftigen. Trotzdem stimmte sie einer Hochzeit zu. Als Prinzessin hatte sie auch keine andere Wahl, als zuzustimmen.
Ende September sollte die Braut in Begleitung ihrer Eltern die Reise nach Wien zu ihrer Vermählung antreten. Doch sie wurde krank. Die Abreise wurde verschoben, was Sophie sogar freute. Als die Reise wegen eines Unfalls erneut verschoben werden musste, machte sich der Bräutigam, der sich ehrlich in Sophie verliebt hatte, große Sorgen und erschien eines Tages in München. Die Abfahrt konnte somit nicht nochmals hinausgezögert werden. Sophie begab sich auf ihren Brautzug nach Wien. Am 1. November 1824 erreichte sie Schönbrunn. Vier Tage später fand ihre feierliche Hochzeit mit Erzherzog Franz Karl von Österreich in der Augustinerkirche der Wiener Hofburg statt. Aus der Ehe sollten fünf Söhne und eine Tochter hervorgehen. Aufgrund Sophies Intelligenz, Entschlossenheit und ihrem Scharfsinn übernahm sie in späteren Jahren wichtige politische Entscheidungen für Kaiserhaus und Regierung, die ihr bald den Spitznamen „der einzige Mann am Kaiserhof“ einbrachte. Den Thron bestiegen Sophie und ihr Ehemann aber auch nach Ferdinands Tod niemals. Sie verzichteten zu Gunsten ihres achtzehnjährigen Sohnes, der als Kaiser Franz Josef I. in die Geschichte eingehen sollte.

Text: Vanessa Richter, Kulturvermittlerin im
Museum der bayerischen Könige in
Hohenschwangau
Foto: Wikipedia

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