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Wie sich die Zeiten ändern!

80 Jahre Bergwacht

Hilfe leisten, Menschen in Sicherheit bringen und vor allem Leben retten. Egal bei welchen Wetterverhältnissen, ob in gut oder scheinbar unerreichbarem Gelände, – egal zu welcher Tageszeit. Das sind die Aufgaben der Bayerischen Bergwacht. In unserer Sonderserie zum Jubiläum der Bereitschaft Füssen, die im Herbst ihr 80. Gründungsjahr feiern kann, geben uns langjährige Mitglieder und Weggefährten einen umfangreichen Einblick in ihre Arbeit wie auch in die Geschichte und Entwicklungen der Füssener Bergwacht.

Schon einige Jahre vor der Gründung der Bereitschaft Füssen hatten sich Bereitschaften in den Nachbargemeinden Pfronten und Nesselwang gebildet. Allerdings beginnt auch die Geschichte der Füssener Bergwacht schon viel früher. Aufzeichnungen belegen, dass bereits lange vor dem offiziellen Gründungsjahr im Jahre 1941 zahlreiche Bergrettungen in der Region durchgeführt wurden. „Organisiert wurde das Anfang des 20. Jahrhunderts noch vom Deutschen Alpenverein in sogenannten Rettungskorps“, erzählt der ehemalige Füssener Dienststellenleiter Heinz Hipp. „Damals gab es noch Bergrettungsstationen und Rettungsposten mit Meldepunkten, die oft auch in Gaststätten eingerichtet waren. Ging eine Meldung ein, machten sich die Bergwachtler zu Fuß oder mit dem Radl auf, ihre Kollegen zu alarmieren, um die Rettung einzuleiten. Das war aber auch zu einer Zeit, in der wir vom Tourismus noch vernachlässigt wurden. Der kam ja erst viel später, womit auch die Einsätze der Bergwacht dann angestiegen sind.“

Seile aus den Füssener Hanfwerken

So mussten die Bergretter noch vor rund 100 Jahren oftmals junge Burschen suchen, die vor allem aus dem oberbayerischen Raum ins Kenzengebiet kamen und sich dort mit zumeist mangelhafter Ausrüstung auf den Weg ins Gebirge machten. Nicht selten kam dabei aber leider jede Hilfe zu spät, was zumeist auch daran lag, dass vom Eintreffen der Meldung bis zur Findung des Verunglückten und dem Eintreffen der Retter zuviel Zeit verging. Oft fehlte den Rettern dann auch noch das passende Material. „So wie zum Beispiel auch bei einem Absturz am Kölleschrofen in den Tannheimer Bergen, wo ein Wanderer verunglückt ist, der in eine tiefe Felsscharte fiel. Bei den Füssener Hanfwerken musste dann erst einmal ein Seil mit einer Länge von 250 Metern angefertigt werden, um die Person dort zu bergen.“ Heinz Hipp kam im Alter von 16 Jahren zur Bergwacht. Sein Vater, der ihn oft zu Berg- und Skitouren mitnahm, war selbst Mitglied der Füssener Bereitschaft. „Obwohl er eine Gehbehinderung hatte, fuhr er Ski und ging Touren mit Schwierigkeitsgrad 4 plus“, erinnert er sich. „Beim Roten Kreuz war er dann beim Gebirgsunfalldienst. Seine Tätigkeit als Bergretter hatte mich schon als Kind interessiert, außerdem wollte ich in den Berg, vor allem zum Klettern.“ Ein Erbe, das Heinz Hipp bis zum heutigen Tage begleitet. Schon mit 17 Jahren ließ er sich zum Pistendienst am Söllereck in Oberstdorf einteilen und zu seiner Zeit bei der Bundeswehr dann auch gleich zum Heeresbergführer ausbilden.

Zwei Monate warten auf ein Telefon

Zahlreiche technische und materielle Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte hat Heinz Hipp im Rahmen seines Dienstes bei der Bergwacht, den er parallel zu seiner Stelle als Leiter des Arbeitsamtes ausübte, intensiv und hautnah miterlebt. Von der Flugrettung, die damals noch eher eine Seltenheit war, weil der Helikopter bis aus München anfliegen musste, bis hin zu der Entwicklung der Ausrüstung, Einsatz- und Geländefahrzeuge. Während früher noch mit einem VW Bus gefahren wurde, kommen längst allradangetriebene Jeeps oder heute sogar Quads zum Einsatz. Mit Einzug der Funk- und später der Mobilfunktechnik hat sich auch die Kommunikation der Einsatzmeldungen erheblich verbessert und verschnellert. „Heute geht alles über die Integrierte Rettungsleitstelle, die alle Einsätze koordiniert. Als ich 1977 Bereitschaftsleiter wurde, hatte ich noch gar kein Telefon“, lacht Hipp. „Beim Fernmeldeamt musste ich zuerst einen Antrag stellen und angeben, dass ich aus Dringlichkeit ein Telefon brauche, damit ich überhaupt noch im gleichen Jahr eins bekomme. Zwei Monate hat das damals gedauert.“

In diesen Jahren hatte auch die Zahl der Einsätze der Füssener Bereitschaft immer mehr zugenommen. Mit der Inbetriebnahme der Bergbahn hatten sich die Schwerpunkte im Laufe der Zeit mehr und mehr auf das Gebiet rund um den Tegelberg verlagert. Besonders im Winter, zumal die Piste damals noch nicht ausgiebig präpariert wurde und somit aus heutiger Sicht wohl eher nur für überaus Geübte geeignet gewesen wäre. „Das waren dann schon mal bis zu fünf Skifahrer am Tag, die wir da mit dem Akia runtergebracht haben“, erinnert sich Heinz Hipp. Im Sommer waren es dagegen Drachen- und später Gleitschirmflieger, die die Bergretter vor neue Herausforderungen stellten, da sie allzu oft im unwegsamen und felsigen Gelände oder auf Bäumen landeten.

Die „Bergwacht-Tombola“

Besonders freut sich der Füssener Bergführer über die enorm gewachsene Unterstützung aus der Wirtschaft und der Bevölkerung in der Region. Zumal die Mitglieder der Bergwacht in ganz Bayern früher noch ohne jegliche finanzielle Unterstützung oder staatliche Zuschüsse auskommen und sogar für ihren Unterhalt, ihre Ausrüstung und Werkzeuge persönlich sorgen mussten. „Die haben sich damals durch einen Losverkauf ernährt“, erzählt er. „Auch hier in Füssen musste jeder mindestens 50 Lose im Jahr für eine Tombola verkaufen, das Stück zu einer Mark. Das war für die Bergwachtler natürlich eine sehr unangenehme und ungeliebte Tätigkeit. Das führte bis in die Siebziger immer wieder zu harten Diskussionen und einem Streit, bis sich die Mitglieder geschlossen geweigert haben, weiterhin diese Lose zu verkaufen. So vieles hat sich im Lauf der Jahre enorm verändert.“ Eine eher negativ zu bewertende Entwicklung ist für Heinz Hipp allerdings die Tatsache, dass die Bergwacht heute von einigen Bergfreunden und Freizeitsportlern zunehmend als Dienstleister angesehen wird, was mit der Zeit ebenso zu einer Zunahme der Einsätze geführt hat, die nach wie vor ehrenamtlich und in Freizeit geleistet werden.

Text: Lars Peter Schwarz · Fotos: Bergwacht Füssen

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