Kolumne

Nicht vergessen

Ich versuche es diplomatisch zu sagen: Die meiste Zeit habe ich nicht viel von dir gehalten. Viel ist schief gelaufen und anders gekommen als geplant. Nicht nur für mich. Sondern für viele Menschen. Einige hat es schwer getroffen.

Aber die Zeit bleibt nicht stehen, weil sich Umstände verändern. Alles geht weiter. Immer, irgendwie.

Und während ich das schreibe, denke ich darüber nach, ob es stimmt, wenn ich sage: „Anders gekommen als geplant.“ Ich meine, vielleicht kommen die Dinge gar nicht anders. Vielleicht passen nur die Pläne und Wunschvorstellungen nicht mit der Realität zusammen.

Aber das ist leicht gesagt, wo Menschen Dinge passieren, bei denen es um viel mehr als „nur“ um Hindernisse geht. Und das anzunehmen ist nicht immer leicht. Wahrscheinlich ist es gut, nicht zu wissen, was kommt, und trotzdem so zu „planen“, als ob man es wüsste. Die Zukunft ist doch der Antrieb auf der Basis unserer Gegenwart. Und das ist gut so.

Es ist noch nicht so lange her, als sich meine Einstellung zu dir geändert- oder sagen wir lieber- relativiert hat. Wie alles, hast auch du eine andere Seite. Und die ist gut. Mehr als gut.

Die Sonne geht gerade unter. Ich stehe am Fenster und schaue raus. Die letzten rosa Wolken verschwinden langsam. Es wird immer dunkler. Im Hintergrund läuft Bob Dylan, der Ofen brennt, und ich bin sicher: So fühlt sich Zufriedenheit an. Dabei muss ich an neulich denken: Ich habe ganz laut gemacht, meine Augen geschlossen und bewusst nur zugehört. Es beginnt in Sevilla, ein Platz, viele Menschen. Es geht um Liebe, Pflichtbewusstsein, um Begehren, Widerstand, um Hoffnung.

Die Staatsoper Hannover streamt „Carmen“- ich kann mir einen Wunsch erfüllen. Don José befreit Carmen aus ihren Fesseln, damit sie fliehen kann.

Weißt du, ich denke, an diesem Tag habe ich mir nochmal ganz bewusst gemacht, wie viel Gutes passiert, und bestimmt warst du für viele eine Herausforderung, aber für viele auch Glück.

Ich habe Freudentränen geweint, als mir eine meiner ältesten Freundinnen gesagt hat, dass sie schwanger ist.

Ich habe meine Familie, zwei wunderbare Kinder, die mir alles bedeuten. Und du hast mir nochmal gezeigt, dass es eine feine Hand voll Menschen gibt, echte Freunde, denen ich wichtig bin, die sich um mich kümmern, und ich mich um sie. Das ist mehr als genug. Und Grund genug, dir zu danken, 2020.

Und für das was kommt, halte ich mich an Pippi Langstrumpf: „Das habe ich noch nie vorher versucht. Also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“

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