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Eine Geschichte, die gelesen werden muss…

Buchhandlung Bruhns in Füssen

Schon seit über anderthalb Jahrhunderten ist es die Aufgabe der Familie Bruhns, Menschen mit dem geschriebenen Wort in allen seinen Formen zu versorgen. Eine Geschichte, deren roter Faden vom Norden der Republik über Augsburg in das Baltikum verlief und schließlich bis nach Füssen reichte. Gefeiert wurde dieses große Jubiläum, das nun auch schon wieder gut zwei Jahre zurückliegt, bisher nicht. Auch größere Erwähnung hat dieser feierwürdige Geburtstag bisher nicht gefunden. Wozu auch, denn es sind ja eigentlich nur drei Ziffern, die sich ganz bescheiden dahinter verbergen. Ohne Zweifel ist die Geschichte der Buchhandlung Bruhns aber schon allein wegen ihrer langen Tradition ein Bestseller, sogar ein internationaler, da er immerhin in drei verschiedenen Ländern spielt. „Zum 100-Jährigen wurde damals in der Zeitung etwas darüber geschrieben“, lacht Inhaberin Marianne Heichele-Bruhns. „Aber das ist ja nun auch schon wieder eine Zeit lang her.“

Lettland – Polen – Bayern

Begonnen hatte diese Geschichte in Riga, der Hauptstadt Lettlands. Eugen Bruhns hatte in der Hansestadt Lübeck seine Fachausbildung abgeschlossen und danach eine Zeit lang in einer Buchhandlung in Augsburg gearbeitet. Um endlich selbstständig zu werden, beschloss er, ins Baltikum auszuwandern und gründete 1868 in Riga seine eigene Buchhandlung mit einem Verlag, einer Zeitschriften-, Kunst- und einer Reiseabteilung, deren Tätigkeitsfeld sich über Russland bis in den Kaukasus erstreckte. Die Familie führte das Geschäft dort bis zum Dezember 1939, als sie gezwungen wurde, nach Polen umzusiedeln. In der Stadt Posen bauten Edmar und Udo, die Gründerenkel von Eugen Bruhns, und ihre Mutter Edith die Buchhandlung wieder auf. Das Geschäft florierte, ging aber mit dem Kriegsende 1945 verloren. Da Edmar Bruhns‘ Frau aus dem Ostallgäu stammte, versuchte er rund ein Jahr später in Füssen wieder Fuß zu fassen. Er übernahm schließlich die Bahnhofsbuchhandlung, einen Kiosk mit Zeitschriften und Zeitungen. 1948 öffnete das Ehepaar Bruhns dann in der Reichenstraße seine Buchhandlung. Ihre Tochter Marianne, die das Geschäft im Jahr 1974 übernahm und bis heute führt, wurde so von Kindesbeinen an von Büchern geprägt.

Marianne Heichele-Bruhns kam im niederbayerischen Simbach am Inn zur Welt, wuchs aber in der Lechstadt auf, wo sie auch das Gymnasium besuchte. Bei einem Faschingsball im alten Stadtsaal, wo heute das Luitpoldpark-Hotel steht, lernte sie ihren späteren Ehemann Stephan Heichele kennen, der zu dieser Zeit bei der Bundeswehr in Füssen diente. Nach ihrem Abitur absolvierte sie dann eine Ausbildung zur Buchhändlerin in München, bevor sie als Lektorin eine Anstellung beim Jugendbuchverlag Arena in Würzburg annahm, wo auch ihr Lebensgefährte studierte. Nach dem Tod ihrer Eltern kamen beide wieder nach Füssen zurück. „Stephan eröffnete als Jurist seine eigene Kanzlei, während ich mich hier in das Geschäft eingearbeitet habe. Zwei Jahre zuvor hatten wir geheiratet“, erzählt sie.

Füssener lesen anspruchsvoll

Wie viele Bücher es sind, die heute in ihrem Geschäft stehen, kann Marianne Heichele-Bruhns nicht genau sagen. Über 10.000 werden es wohl schon sein, unterteilt vor allem in die verschiedenen Verlage, denen sie die Bücher zuordnen kann. Entstanden ist so ein jahrzehntelanges gefestigtes und vor allem bewährtes System, das jede Frage nach einem bestimmten Buch mit einem gezielten Griff jederzeit und schnell beantworten kann. Genau wie auch die Frage nach einem Autor eines Titels oder andersrum. „Die Menschen hier in Füssen lesen eher gehobene Literatur“, sagt die Buchhändlerin. „Das können reflektierende gesellschaftliche Themen sein, politische oder sprachliche Themen, ebenso viele Krimis und Thriller, dazu aber auch Ausflugs- und Reiseliteratur.“ Unterstützt wird sie im Geschäft von insgesamt vier Mitarbeiterinnen, ab und an hilft aber auch ihr Ehemann mal mit.

Das beste Buch aller Zeiten

Wahrlich nur zu schätzen ist ebenso, wie viele Druckerzeugnisse die Bücherliebhaberin selbst schon gelesen hat. Pro Monat liest sie leicht zehn, meistens abends vor dem Einschlafen. „Für mich muss ein Buch immer eine gewisse Essenz haben“, meint sie, als ich sie frage, ob es so etwas gibt, wie ein bestes Buch aller Zeiten. „So wie der Roman „Accabadora“ der sardischen Schriftstellerin Michela Murgia oder „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedikt Wels, der hier das Hohenschwangauer Gymnasium besucht hat. Auch „Das Evangelium der Aale“ des schwedischen Autors Patrik Svensson zählt hier dazu.“ Ein eigenes Buch hat sie bisher noch nicht geschrieben, allerdings soll eine Chronik der Buchhandlung Bruhns entstehen, wenn beide irgendwann einmal in Rente sind und sich die Zeit dafür bietet.

Wann das sein wird, weiß die bald 75-Jährige nicht. „Noch fühlen wir uns beide fit und frisch, die Tätigkeit ist permanentes Kopftraining. Wir haben uns aber vorgenommen, innerhalb der nächsten fünf Jahre eine Entscheidung dazu zu treffen.“ Eines steht allerdings schon jetzt fest. Eine Weiterführung der Buchhandlung durch die Familie ist nicht mehr gegeben, da beide Söhne in völlig anderen Branchen beschäftigt sind. In einem geschriebenen Werk verewigt ist Marianne Heichele-Bruhns dagegen schon längst. In dem Roman „Das Dorf der 13 Dörfer“ hat der Pfrontener Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Gerhard Köpf gleich mehrere Seiten ihrer Persönlichkeit gewidmet.

E. Bruhns Buchhandlung
Reichenstraße 10 · 87629 Füssen
Telefon: 0 83 62 / 61 06

Text: Lars Peter Schwarz
Foto: Margarete Häfelein, Sabina Riegger

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