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Geburtstag in der Einsamkeit

Im Königreich Bayern war der 25. August seit jeher ein besonderes Datum. Wurden doch an diesem Tag gleich zwei bayerische Könige geboren. Im Jahr 1786 König Ludwig I. und neunundfünfzig Jahre später, am 25. August 1845, sein Enkel, Ludwig II. von Bayern.

Stellt man sich die Geburtstagsfeier eines Königs vor, kommt einem unweigerlich ein großes, prachtvoller Fest mit vielen hochrangigen Gästen in den Sinn. Wer hätte gedacht, dass einmal das kleine Dorf Hohenschwangau der Schauplatz für viele königliche Geburtstage sein würde. Da Maximilian II., der Vater von König Ludwig II. eine seiner Sommerresidenzen in Hohenschwangau platzierte, feierte der junge Ludwig fast alle Geburtstage seiner Kindheit und Jugend während der „Sommerfrische“ im Schloss Hohenschwangau. Auch bedeutendere Jubelfeste, wie sein achtzehnter Geburtstag und sein erster Geburtstag als König, wurden in Hohenschwangau begangen. Die Feierlichkeiten verliefen eher ruhig und beschaulich, mit wenigen Gästen, meist im engsten Familienkreis und hie und da sogar in der Bergeinsamkeit des Schweizerhäuschens in der Bleckenau. Hierhin, auf 1167 Meter, chauffierte man die königlichen Majestäten und Hoheiten, deren Gäste, sowie Hofdamen und Hofkavaliere, um dort ein Dinner oder Souper einzunehmen. Die Bevölkerung von Schwangau und Umgebung huldigte ihrem König jedes Jahr, indem auf den Gipfeln rings um Hohenschwangau Bergfeuer entzündet wurden. Ebenso waren die Fenster der Hohenschwangauer Häuser festlich geschmückt und mit Lampen beleuchtet, als der König an seinem Ehrentag in der Dämmerung von der Bleckenau ins Schloss Hohenschwangau zurückfuhr.

Irgendwann löste eine andere Bergresidenz Hohenschwangau als „Geburtstagsort“ ab. Der König begab sich nun anlässlich seines Jubelfestes in sein Berghaus auf dem Schachen, auch Schachenschloss genannt. Das auf 1866 Metern Höhe gelegene Haus unterscheidet sich im Erdgeschoss kaum von anderen Berghäusern. Neben dem Arbeits-, Schlaf- und Wohnzimmer des Königs befinden sich hier auch ein Fremden- und ein Lakaienzimmer. Allesamt geräumig, aber schlicht und ohne Prunk, vollständig mit Zirbenholz vertäfelt. Begibt man sich jedoch in den ersten Stock des „Schlösschens“, taucht man unerwartet in eine fantastische Welt ein – in die farbenfrohe Welt des Orients. Die erste Etage birgt nämlich einen Türkischen Saal, der sich über das gesamte Stockwerk erstreckt. Jeder Betrachter, sei es damals oder heute, ist unwillkürlich verblüfft und fasziniert aufgrund dieses Anblicks. Wer erwartet schon die Welt des Orients in den bayerischen Bergen. „An den Längsseiten sind seidengepolsterte Diwans verteilt, Fächer stehen in kostbaren Vasen, Pfauenfiguren und in der Mitte des Raumes ein Springbrunnen. Unzählige farbige kleine Fensterscheiben geben ein magisch, märchenhaftes Licht“, berichtet ein Zeitzeuge. Die Zimmerdecke ist dunkelblau mit unzähligen goldenen Sternen. Auch Rauchtische mit Einlegearbeiten aus Perlmutt und Elfenbein waren hier zu finden. In diesem Saal verbrachte der König die meiste Zeit seiner Aufenthalte auf dem Schachen. Meist vertieft in ein Buch.

Unterhalb des Berghauses befanden sich ein Küchengebäude, ein Stallgebäude, eine Hütte für den Bergwagen, ein Kellerbau sowie ein Unterstand zum Pferdewechseln. Die Wirtschaftsgebäude boten dabei auch Unterkunft für Küchenmeister und das weitere Küchenpersonal. Selbst wenn der König auf dem Schachen, in der Abgeschiedenheit der Bergwelt residierte, wollte er einen gewissen Küchenstandard nicht missen. Die fertigen Speisen mussten auf schnellstem Weg vom Küchengebäude in Glocken gefasst und in heiße Tücher gewickelt ins „Schloss“ getragen werden, um diese noch warm servieren zu können. Schon einen Tag, bevor Ludwig II. auf dem Schachen eintraf, schlängelte sich ein Tross mit voll bepackten Trägern den teils steilen Weg zum Schachenschloss empor. Bei dem Mitgebrachten handelte es sich allerdings nicht nur um Geschirr und Küchenutensilien, auch Pläne für die weiteren Schlossprojekte, Bücher und die königliche Badewanne mussten hinaufgetragen werden.

Neun Mal feierte König Ludwig II. hier seinen Geburtstag, fernab vom Trubel der Städte und des Hofes, in der Bergeinsamkeit, die er so liebte und schätzte. „Im stillen Gebirgshause auf steiler Höhe, von Schnee und dichtem Nebel umhüllt, aber froh, dem Weltgetriebe entrückt zu sein (…)“, schrieb Ludwig II. im Jahr 1881 an Richard Wagner. Auch seinen letzten Geburtstag, seinen vierzigsten, beging er hier.

So einsam die Aufenthalte auf dem Schachen auch waren, die wilde Fahrt dahin erregte bei der Bevölkerung meist großes Aufsehen, und das, obwohl der König mitten in der Nacht von München Richtung Partenkirchen reiste.

„(…) Vor Tagesanbruch ging die Fahrt weiter nach Elmau. Von dort aus trat man die Weiterfahrt im einsitzigen Bergwagen an. (…) Bei diesen Bergfahrten war der König nur von wenigen Lakaien und einigen Förstern und Jägern begleitet. Letztere dienten als Führer.“ Und ein weiterer Zeitzeuge notierte „Bei Fackelschein bestieg der König den Bergwagen, den das starke Pferd zwar im Schritt, aber doch in rasch förderndem Tempo auf den Serpentinen, des vom königlichen Forstamte stets im besten Stand erhaltenen Steigs aufwärts zieht. Ein Führer und Fackelträger voran.“ Auf dem Bergweg werden die Pferde, die den Wagen des Königs ziehen, mehrmals gewechselt. Passierte dann der Vorreiter eine bestimmte Stelle des Weges, begann ein einzigartiges Spektakel mitten in den Bergen. Nun mussten Bedienstete schnellstmöglich die zahllosen bunten Wachslichter, die ringsum und auf dem Schachenhaus platziert waren, entzünden. Andere wiederum feuerten farbige Raketen ab, die den königlichen Jubilar auf dem Schachen willkommen hießen.

Text: Vanessa Richter, Kulturvermittlerin im
Museum der bayerischen Könige in
Hohenschwangau
Fotos: Hubert Riegger

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