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Fridays for Future im Ostallgäu

Wie unsere Schulen damit umgehen

Die sogenannte „Fridays for Future“-Bewegung hat jetzt auch das südliche Ostallgäu endgültig erreicht. Zwar werden die Klima-Streiks im Unterricht an unseren Schulen bereits seit längerem thematisiert, aber eine „echte“ Demonstration, wie sie vor wenigen Wochen in Füssen erstmals stattfand, hatte es bisher bei uns noch nicht gegeben. Damit stellt sich nun auch für die Schulen in der Region die Frage, wie mit dieser Thematik und den damit verbundenen Aktionen der Schüler grundsätzlich umgegangen werden soll.

Immerhin hatten sich Ende Mai rund 200 Schülerinnen und Schüler aus Füssen und Hohenschwangau an der Demo in der Lechstadt beteiligt, auch aus Reutte und Vils waren Demonstranten angereist. Zum ersten Mal sind somit auch Schüler hier bei uns auf die Straße gegangen, um sich aktiv gegen den Klimawandel einzusetzen. Ganz nach dem Vorbild der 16-jährigen schwedischen Schülerin Greta Thunberg, die bereits seit Monaten freitags die Schule bestreikt, um für den Klimaschutz zu kämpfen. Weltweit haben sich seitdem hunderttausende Schüler angeschlossen. So soll es auch in Füssen nicht bei dieser einen Demo bleiben, sondern künftig einmal im Monat konsequent durchgeführt werden, kündigten die Veranstalter an. Für das nächste Mal sei sogar mit noch mehr Teilnehmern zu rechnen, da viele Schüler der Realschule und der beiden Gymnasien zum Zeitpunkt der ersten Veranstaltung noch mit den Prüfungen beschäftigt waren.

Zum Teil drastische Maßnahmen

Für das unentschuldigte und vor allem mutwillige und bewusste Fernbleiben des Unterrichts sehen die Regeln der Schulen zum Teil drastische Maßnahmen vor, darauf hatte auch das Bayerische Kultusministerium bereits vor einigen Wochen hingewiesen. Seitens der Schulleitungen können hier Maßnahmen von Nachsitzen bis hin zu verschärften Verweisen erteilt werden, was allerdings von manchen Eltern, die ihre Kinder bei dem Vorhaben unterstützen, auch in Kauf genommen wird. Mit einer durchaus diplomatischen Variante, die jegliche resultierenden Probleme oder Maßnahmen ausschließt, hat beispielsweise Stefan Bondorf, Lehrer an der Anton-Sturm-Mittelschule Füssen, reagiert. „In meiner Klasse sprechen wir immer über aktuelle Tagespolitik“, sagt er. „Meinungsfreiheit, Demonstrationsrecht oder Pressefreiheit sind wichtige Güter, die in anderen Ländern verloren gehen. Natürlich haben wir hier auch über die Fridays for Future oft gesprochen, denn bei uns ist vor allem das Thema Klimaschutz sowieso im Unterricht intensiv eingebettet. An dem Freitag, an dem die Demo stattfand, hätten die Schüler Referate genau zu diesem Thema halten müssen. Nachdem der Klassensprecher mir dann aber gesagt hat, dass sich die Klasse an der Demo beteiligen will, habe ich entschieden, mit der Klasse einen offiziellen Unterrichtsgang zu machen, der von der Schulleitung auch so genehmigt wurde. Die geplanten Referate werden nachgeholt.“

In einem offiziellen Elternbrief zum Thema „Fridays for Future“ hat dagegen das Gymnasium Hohenschwangau vor wenigen Wochen reagiert und damit die Position der Schulleitung deutlich dargelegt. „Zum einen ist ein intensives Engagement der Schülerinnen und Schüler für den Schutz des Klimas und für die Sicherung guter zukünftiger Lebensbedingungen durchaus nachvollziehbar und sogar begrüßenswert“, heißt es in dem Brief von Schulleiter Thomas Schauer. „Zum anderen nimmt die Schule die Fürsorgepflicht für die Schüler ernst und hat den gesetzlich verankerten Auftrag, die Einhaltung der Schulpflicht zu gewährleisten.“ So weist die Schulleitung unter anderem darauf hin, dass Demonstrationen während der Schulzeit keine Schulveranstaltungen sind und eine Beurlaubung vom Unterricht oder eine Abmeldung während des Schultages diesbezüglich aus schulrechtlichen Gründen nicht gewährt werden kann. Die Teilnahme an einer Klimademonstration bedeute daher ein unentschuldigtes Fehlen, das auch geahndet werden muss.

Umweltausschuss an der Schule

Allerdings bemüht sich auch das Gymnasium Hohenschwangau darum, die vorgegebenen Ordnungsmaßnahmen sanfter zu umgehen und durch „themenbezogene Formen des verpflichtenden Nachholens von Unterricht“ zu ersetzen. So können sich die Schüler zum Ausgleich in der hauseigenen Umwelt-AG einsetzen, Verbesserungsvorschläge im direkten Umfeld der Schule einbringen oder sich an Müllsammelaktionen beteiligen. Schließlich weist die Schule aber auch noch daraufhin, dass von Eltern ausgestellte Krankmeldungen, die im Zusammenhang mit einer Teilnahme an „Fridays for Future“ stehen, dem gemeinsamen Bemühen, die Schülerinnen und Schüler zu Ehrlichkeit und Haltung zu erziehen, widersprechen und auch sie selbst in rechtliche Schwierigkeiten bringen würden. Immerhin sind Schüler, die der Schule fernbleiben und an einer Demonstration teilnehmen, nicht mehr über die Schule versichert. Auch ist die Wahrnehmung der Aufsichtspflicht über die Kinder für die Schule somit nicht mehr möglich. Den Demonstranten selbst sind die möglichen Konsequenzen sehr bewusst, so wie dem 14-jährigen Julian, der im Mai bei der Füssener Demo dabei war. „Wir sind einfach nach der vierten Stunde gegangen“, sagt er. „Wir haben kein Recht dazu, dass wir hier teilnehmen, haben einige Lehrer zu uns gesagt. Es wurden auch Verweise oder Nachsitzen und Strafarbeiten angedroht. Aber bei mir ist es so, wenn es um meine Zukunft geht, schrecke ich vor nichts zurück. Es geht hier um unsere Zukunft und die meisten Lehrer ignorieren das einfach.“

„Schulpflicht hat Vorrang, hieß es deutlich von Seiten des Ministeriums“, sagt Anton Wiedemann, Schulleiter am Füssener Gymnasium. „Aber auch wir tun uns schwer, hier diese drastischen Maßnahmen zu ergreifen. Es ist schwierig, wenn man hinter einem solchen Thema steht, aber man offiziell nicht dazu stehen darf.“ Schon Anfang des Jahres war Wiedemann mit „Fridays for Future“ direkt konfrontiert worden, als einige Schüler für eine Demo in Augsburg einen Tag befreit werden wollten. Anstatt eines verschärften Verweises bot er ihnen an, die Zeit durch eine Erstellung einer Präsentation über diese Veranstaltung zu erstellen, die letztendlich in der Schule öffentlich gezeigt wurde. „Diese Präsentation hat dann sogar einen richtigen Stein ins Rollen gebracht“, so Wiedemann. „Wir haben daraufhin einen Umweltausschuss an der Schule gegründet, der nun regelmäßig tagt. Er besteht aus elf Lehrern, drei Eltern und acht Schülern und entwickelt unter anderem Konzepte für Umweltprojekte.“ Wie andere Schulen muss sich auch das Gymnasium Füssen an die vorgeschriebenen Regeln halten. Dennoch versucht man auch hier, reine Strafmaßnahmen zu vermeiden oder zu umgehen. Maßnahmen, die in den nächsten Monaten vielleicht aber auch gar nicht mehr nötig sein werden, wenn die Sommerferien beginnen. Denn auch dann soll weiterhin demonstriert werden, sagen die Schüler. „Wir werden auch in den Ferien wieder dabei sein“, so die 15-jährige Michelle aus Hogau. „Da verpassen wir dann wenigstens keine Stunden.“

Text · Foto: Lars Peter Schwarz

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