Menschen

Eine Rebellion mit Fäusten

Sein Leben hört sich an wie aus einem Film, in so einem, wo alles ganz schlecht beginnt und noch schlechter wird, bis der Protagonist alles selbst in die Hand nimmt und versucht das Beste daraus zu machen. Natürlich klappt es nicht auf Anhieb, das wäre auch viel zu schön, und der Film wäre von Langeweile geprägt. Es muss Action rein, Trauer, Tränen, Wut, Liebe… von allem ein bisschen, nicht zu viel, aber doch gerade genug, um die Spannung zu halten. Alois Schmitt hätte es lieber anders gehabt, als sein Leben so wie in einem Film zu sehen. Er war der „bad boy“, das „enfant terrible“ oder ganz einfach nur der „Duli“, den man in Lechbruck und Füssen kannte. Ein Name, den er ganz schlicht und einfach von seinem Großvater vererbt bekam.

Alois Schmitt wuchs bei seiner Oma auf. „Sie hat 18 Kinder gehabt, drei davon Buben, der Rest waren Mädchen und eine davon war meine Mutter“, sagt er. Dass er einen Zwillingsbruder hat, erwähnt er beiläufig und lässt es so im Raum stehen wie den Geruch seiner Lackfarben in der Werkstatt. Und wenn der Geruch beißend wird, dann muss man die Werkstatttüre öffnen, um frische Luft reinzulassen. Für ihn ist „Zwillingsbruder“ ein flüchtiges Wort, so, als wenn jemand Kartoffel oder Knödel, Wetter oder Kaffee sagt. Belanglos eben. Und wenn etwas belanglos ist, dann will man sich auch nicht damit aufhalten. „Meine Oma war eine tolle Frau, sie war immer da und hat alles gemacht“, schwärmt er. Über sie lässt er nichts kommen. „Sag mir mal wer das heute schaffen kann, 18 Kinder großziehen und dann noch die Enkelkinder aufnehmen. Das ist eine Leistung, das war stark von ihr.“ Er zieht an seiner Zigarette und nickt mit dem Kopf. Ja, wenn seine Oma nicht gewesen wäre, wäre er zur Adoption freigegeben worden. Sein Bruder auch. „Wer weiß, wo ich jetzt wäre?“

Seine Mutter lebt nicht unweit von ihm, sie haben ein gutes Verhältnis. „Es waren halt andere Zeiten. Und wenn man dann aus so einer großen Familie kommt wie ich, wird man genauer gemustert. Dann bekommt jeder auf einmal ungefragt, ob man will oder nicht, einen Freibrief zum Ärgern, heute sagt man mobben dazu“, beschreibt er die Situation. Dass er sich das nicht gefallen hat lassen, war für die, die ihn kannten, klar. Bis zu seinem 15. Lebensjahr wuchs er bei seiner Großmutter in Lechbruck auf. Immer wieder zog es ihn nach Füssen, bis er dann auch letztendlich seine sieben Sachen packte und nach Füssen ging. „Viele machten damals eine Ausbildung als Maurer, also machte ich das auch.“ Dass das nicht sein Ding war, merkte er schnell und brach die Ausbildung ab, fing aber nur kurze Zeit später die Lehre als Lackierer an. „Das war mein Beruf, das machte mir Spaß und ich hatte einen tollen Chef“. Erinnerungen huschen ihm übers Gesicht. Er lächelt zufrieden und sagt: “der hat immer zu mir gehalten und die Seniorchefs auch.“ „Der“, das war Willi Bernhardt, sein damaliger Chef. Seine Oma bekam von seinen Prügeleien und dem Ärger mit Polizei und Anzeigen nichts mit. „Das wollte ich nicht. Es war mein Leben und ich alleine hatte das zu verantworten. Sie hat genug für mich getan.“ In dieser Beziehung war er konsequent, genauso wie mit der Reihenfolge seiner Hobbys: Frauen, Autos und Partys, und nicht zu vergessen die Spenden an Menschen, die vielleicht noch weniger hatten als er. Letzteres war für ihn eine Ehrensache.

Dass er irgendwann einmal den Kreislauf von Wut und Zorn durchbrechen würde, daran glaubte er ganz fest. „Wenn ich von Zuhause etwas mitbekam, dann war es der feste Glaube an das Gute. Der Glaube ist bei mir manifestiert. Es lag nur an mir, mich zu ändern“, erzählt der zweifache Familienvater heute. Als sein Sohn geboren wurde, war der richtige Zeitpunkt da, von Neuem zu beginnen und sich seiner größten Verantwortung zu stellen: sich um seine Kinder zu kümmern. Nur mit der ersten Ehe klappte es nicht. Nach zehn Jahren kam die Scheidung und wieder eine neue Umstellung. Die Kinder kamen wenige Zeit später zu ihm zurück. „Das war eine neue Erfahrung als alleinerziehender Vater. Es war absolut spannend, lustig und manchmal zum verrückt werden. Aber ich war so froh sie wieder bei mir zu haben und gemeinsam haben wir das super gemeistert. Sie haben einen Beruf gelernt und sind wunderbare Menschen geworden.“ Alois Schmitt ist zufrieden, Tochter Angela und Sohn Stefan auch. Sie kennen das Leben ihres Vaters, man hat sie oft darauf angesprochen.

Dieses Jahr wird der Lackiermeister 60 Jahre alt. „Er ist nicht ruhiger geworden, aber anders“, versucht Sohn Stefan zu erklären. Sein Sohn ist sein bester Freund, Geschäftspartner und Arbeitskollege. Seit 13 Jahren ist Alois Schmitt wieder verheiratet, hat den Papst in einer Audienz besucht, pilgerte nach Lourdes und war schon ein paar Mal in Altötting. Neben seinem christlichen Glauben ist der Buddhismus seine Lebenseinstellung. In seiner Werkstatt, die er vor einigen Jahren seinem Sohn übergeben hat, sind Buddhafiguren aufgestellt. Auf Anhieb sieht man sie nicht, außer vielleicht die Große im Eck. „Die habe ich von meinen Kindern bekommen – es heißt doch, in der Ruhe liegt die Kraft, oder?“ Was für ein Happy-End für einen Jungen, der sich im wahrsten Sinne des Wortes von unten nach oben gekämpft hat.

Text: Sabina Riegger · Fotos: privat

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