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Hotelblase oder Qualitätstourismus?

Im Gespräch mit Füssens Tourismusdirektor Stefan Fredlmeier

Wir haben Sie als Don Quichote gemalt, der nicht gegen Windmühlen kämpft, vielmehr gegen Hotels, die wie Pilze aus dem Boden sprießen. Fühlen Sie sich wie ein einsamer Kämpfer?
Ich bin sicher kein einsamer Kämpfer, da ich die Einschätzung, dass in Füssen der Zuwachs touristischer Kapazitäten (= Gästebetten) stärker reguliert werden müsste, mit vielen anderen Beobachtern teile. In der Tat habe ich aber den Eindruck, dass uns aus touristischer Sicht oft die Mittel fehlen, um bei erkennbaren Fehlentwicklungen entgegensteuern zu können. Klare Empfehlungen des Marketing- und Wirtschaftsausschusses als Füssens repräsentativen Gremiums der Tourismuswirtschaft allein haben leider keine bindende Wirkung und verpuffen, wenn uns, d.h. dem Stadtrat oder dem Bauausschuss als entscheidendem Gremium der Stadt in Bauangelegenheiten, letztendlich das Baurecht keine Handhabe gibt.

Können Sie uns in wenigen Worten erklären, was Qualitätstourismus ist?
Qualitätstourismus rückt die Interessen und Bedürfnisse des Gastes in den Mittelpunkt, ohne diejenigen der Einheimischen zu vergessen. Er orientiert sich an der Wertschöpfung, nicht allein an den Übernachtungen. Nicht zuletzt ist er werteorientiert, nachhaltig und regional vernetzt. Qualitätstourismus gedeiht durch Profilierung und Qualität und segelt nicht opportunistisch im Windschatten von guter Konjunktur, politischer Großwetterlage oder anderen Akteuren mit.

So wie es aussieht, haben Investoren und die Stadt Füssen ein ganz anderes Verständnis dafür als Sie. Können Sie angesichts dessen immer noch von Qualitätstourismus sprechen?
In der Tat kann man den Eindruck gewinnen, dass ein Teil der neuen Projekte eher von reinen Geschäftsleuten ohne touristische Widmung und Verankerung, also weniger von Gastgebern mit touristischem Stallgeruch betrieben wird. Im Vordergrund steht in solchen Fällen oftmals nicht die Mission, Gäste glücklich zu machen, sondern allein das betriebswirtschaftliche Interesse an einer Branche, die aktuell gut läuft und vermeintlich schnellen Umsatz verspricht. Wenn man Qualitätstourismus in oben genannter Weise versteht, so zeigt er sich momentan nicht überall. Es ist ein Trugschluss zu glauben, neue Gebäude mit zeitgemäßer Ausstattung allein seien bereits gute Beispiele für einen Qualitätstourismus. Auch ist es Unsinn, das Ansiedeln eines neuen Hauses mit der Erweiterung von bestehenden und hochwertigen, über Generationen familiengeführten Füssener Leitbetrieben gleichzusetzen. Ein von der Hardware her gutes Hotel neu zu bauen ist mit einem geeigneten Architekten keine Schwierigkeit. Ein Haus zu profilieren und mit Seele zu füllen ist die weit größere Herausforderung, an der sich die finale Qualität des „Gesamtpaketes“ zeigt. Nicht falsch verstehen bitte: Im Tourismus soll man nicht in Schönheit sterben, sondern muss wirtschaftlich gesund arbeiten. Doch dürfen unsere Gäste im Sinne einer Sehnsuchtserfüllung mehr erwarten als nur eine „touristische Hülle“ und ein reines „technisches Abwickeln“ ihres Besuches.

In der Immobilienwirtschaft spricht man von einer Immobilienblase, wenn eine Überbewertung von Immobilien stattfindet. Letztendlich geht es um Spekulationen. Können wir in Füssen von einer Hotelblase sprechen? Immerhin bekommen immer mehr Investoren grünes Licht für den Bau eines Hotels. Wie zum Beispiel das Festspielhaus oder die Innenstadt. 600 Beherbergungsbetriebe haben wir bereits.
Aus der Sicht viele Insider ist die „Hotelblase“ bereits gut strapaziert. Schon jetzt verzeichnet Füssen rund 7.000 Gästebetten. In der Hauptsaison können diese allesamt gut ausgelastet werden, doch in der Nebensaison unterbieten sich viele Häuser gegenseitig bei dem Preis bis an die Schmerzgrenze. Freilich muss man bei den Hotelprojekten gut differenzieren: Das geplante Hotel am Festspielhaus ist für dessen Erhalt nötig und daher absolut unterstützungswürdig. Eine gegenteilige Position wäre aufgrund der hohen Bedeutung des Festspielhauses im touristischen Kontext extrem kontraproduktiv. Andere neue Häuser wiederum vergrößern lediglich ein bestehendes Angebot in ähnlicher Ausgestaltung und befeuern den Preiskampf. Auf diese Häuser können wir verzichten, da sie den Tourismus in Füssen nicht voran bringen. Ein Bettenhaus in einem Gewerbegebiet wird sicher nicht die Urlaubsträume unserer Gäste erfüllen können.

Hotels brauchen Mitarbeiter und die brauchen wiederum Wohnraum, den Füssen nur schwer bieten kann. Gäbe es nicht die Möglichkeit, Wohnraumbeschaffung als Auflage zu machen, wenn wieder ein neuer Betrieb entsteht? Parkplätze muss man ja auch vorweisen.
Das Vorhalten von Wohnraum für Mitarbeiter zu einer Bedingung für die Genehmigung von Unterkunftsbetrieben zu machen, ist baurechtlich nicht möglich. Das Thema treibt aber nicht nur neue Häuser bzw. Investoren, sondern genauso die Bestandsbetriebe. Die Gastgeber geraten zunehmend unter Druck, nicht nur einen attraktiven Arbeitsplatz mit adäquater Bezahlung anbieten zu müssen, sondern dazu auch Wohnraum. Diese Herausforderung wird zusätzlich dadurch vergrößert, dass immer mehr Haus- und Wohnungseigentümer aus der Dauervermietung aussteigen und dazu übergehen, an Gäste zu vermieten, soweit die Bebauungspläne dies ermöglichen. Auch hier scheint vielfach der schnelle Euro zu locken. Dieser Faktor bleibt vielfach unberücksichtigt, trägt aber in der Summe zusätzlich zu einer Kapazitätsausweitung im touristischen Unterkunftsbereich und weiteren Verknappung des dringend nötigen Wohnraums für Einheimische bei.

Welche Rolle spielt die Stadtentwicklung für den Tourismus?
Selbstverständlich hat die Stadtentwicklung eine eminente Auswirkung auf den Tourismus. Jegliche Veränderung beeinflusst die Aufenthaltsqualität in positiver oder negativer Weise. Man denke allein an Themen wie Verkehrsführung, Parkplätze, Sortiment der Geschäfte, Innenstadtsatzungen, Verhältnis Wohnraum zu touristischem Nutzraum in der Innenstadt, Grünflächen, Spielplätze etc. Unser Ziel muss es immer sein, für Gäste wie Einheimische eine maximale Aufenthaltsqualität zu bieten.

Weil zu viel Müll an historischen Stätten und Straßen liegen blieb und die Mülleimer überquollen, untersagten einige italienische Städte Italiens das Essen und Trinken auf offener Straße. In Füssen quellen die Mülleimer auch über, zum Teil durch Plastikmüll. Kann Füssen Tourismus etwas dagegen tun?
Müll wird von Menschen gemacht und ist eine wesentliche Folge des Konsumverhaltens. Tatsächlich werden die fleißigen Kollegen des Bauhofs vor allem in der Hauptsaison des Mülls in den Straßen und Mülleimern kaum mehr Herr, weil gerade gastronomisch immer mehr „to go“ konsumiert wird. In der Tat können die Anbieter etwas tun – vielleicht nicht bei der Quantität des Mülls, aber bei dessen Qualität: weg von Plastik, hin zu kompostierbaren, vielleicht sogar zu essbaren Verpackungen, z.B. Waffel-Eisbechern. Strohhalme und Plastikteller sind in Zeiten von Mikroplastik ein „no go“. FTM, der Hotel- und Gaststättenverband oder auch die Werbegemeinschaft können dies begleiten, aber der Antrieb muss von jedem Anbieter selbst kommen: Es geht nicht darum, z.B. FTM mit solch einem Engagement einen Gefallen zu tun, sondern es gilt, einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Dies muss in unser aller Interesse sein – jeder steht mit in der Verantwortung für unsere Umwelt!

Was würde Ihnen Ihre Arbeit erleichtern in Bezug der Genehmigungen von neuen Beherbergungsbetrieben?
Am schönsten wäre es, man könnte als Stadt eine Bettenobergrenze festlegen, um wenigstens den Übernachtungsbereich besser regulieren zu können. Dies ist nach aktueller Rechtslage aber so nicht durchsetzbar und widerspräche auch dem Grundsatz der Gewerbefreiheit. Also bleiben nur Bebauungspläne. Wo diese fehlen, sind die Mittel extrem begrenzt. Ich habe wenig Hoffnung, dass sich an dieser Situation in naher Zukunft Entscheidendes ändern wird. Herr Bürgermeister hat sich hierzu in einer der letzten Sitzungen des Bauausschusses klar geäußert und die aus städtischer Sicht eingeschränkten Möglichkeiten einer Einflussnahme dargestellt. Die hohen Kapazitäten werden wir noch stärker zu spüren bekommen, wenn die Nachfrage zurückgeht, was meiner Einschätzung nach mindestens mittelfristig der Fall sein wird – zumindest, was die Nachfrage aus den Nahmärkten betrifft. Füssen aber dann noch stärker über die Neuschwanstein-Rennstrecke zu verkaufen, um plötzlich leer bleibende Betten zu vermarkten, würde der Stadt auf Dauer nicht gut tun.

Viele Gäste übernachten in Füssen, aber andere schauen sich die Stadt nur bei einem Ausflug an. Wie ist dieser Umstand zu werten?
Völlig richtig: Bei der Betrachtung des Tourismus müssen wir den Blick weiten. Wir sind zumeist sehr fokussiert auf den Übernachtungsbereich und sprechen dabei allein für Füssen von rund 7.000 Betten, 520.000 Übernachtungsgästen und knapp 1,4 Millionen Übernachtungen. Die Übernachtungsstatistik wird – fälschlicherweise und mangels besserer Kennzahlensysteme – als wesentlicher Gradmesser für die Einschätzung der touristischen Entwicklung herangezogen. Keinesfalls übersehen dürfen wir aber den kaum regulierbaren Tagestourismus mit geschätzt rund 2,5 Millionen Tagesbesuchen von Übernachtungsgästen aus anderen Orten oder von Ausflüglern. Gut möglich, dass der neue Center Parc in Leutkirch einen stärkeren Einfluss auf die Frequentierung der Stadt hat als ein neues Hotel in Füssen – mit allen positiven wie negativen Begleiterscheinungen.

Fast kann man den Eindruck gewinnen, als wären Sie tourismuskritisch eingestellt?
Nein, ganz sicher nicht. Wenn man als Touristiker in der Verantwortung steht, darf man jedoch nicht eindimensional auf quantitatives Wachstum ausgerichtet sein. Wenn die Qualität unter der Quantität zu leiden beginnt, schadet dies letztendlich auch dem Tourismus. Warnsignale müssen wir frühzeitig wahrnehmen und reagieren. Wir sollten immer bedenken: Die Wertschöpfung aus dem Tourismus ist überlebenswichtig für Füssen. Ebenso wichtig ist es aber, die Infrastruktur vor weiteren Überlastungen zu schützen und den Gästen wie Einheimischen auch zukünftig eine hohe Aufenthalts- bzw. Lebensqualität bieten zu können. Bei allem Problembewusstsein sollten wir den Tourismus aber nicht kaputt reden! Viele Belastungsphänomene zeigen sich eher saisonal und punktuell. Daher ist es auch übertrieben, in Füssen von Overtourism zu sprechen. Gäste aus den Ballungszentren haben mit den Staus um das Stadtzentrum herum oder mit einer gut gefüllten Reichenstraße in der Hauptsaison zumeist weniger Probleme als wir Einheimischen. Für unsere Gäste ist Füssen nach wie vor ganz mehrheitlich die romantische Seele Bayerns.

Vielen Dank für das Gespräch.
Ich habe zu Danken.

Das Gespräch führte: Sabina Riegger

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