Kolumne

Der Kuss

Es riecht nach Weihrauch, Gewürzen und Leder. Die Luft steht. Die Sonne prallt auf die kleinen Pflastersteine. Es ist sehr heiß hier. Auf einer großen Holzkarre vorne an der Ecke liegen Kakteen hochgestapelt. Der Verkäufer pellt sie mit einem kleinen silbernem Messer und ruft in die Menge, um auf sich aufmerksam zu machen. Wir stehen in der „Rue Fatma Zohra“ mitten in der Medina, der Altstadt.

Wir bewegen uns nicht. Irgendwie ist das gerade ein magischer Moment. Ich genieße ihn mit meiner Familie. Mein Mann sieht mich an und obwohl er nichts sagt, weiß ich genau was er meint:

Das hier, dieser Ort, das ist wie der Moment, wenn die Kamera um das Liebespaar schwenkt und das Filmset um sie herum verschwimmt. Alle warten sehnsüchtig auf den Moment, wenn die Beiden sich endlich einander hingeben. Im Hintergrund haucht Norah Jones zart den Titeltrack zu diesem wunderschön schnulzigen Film. Die beiden kommen sich immer näher und näher. Norah wird synchron dazu, lauter und lauter.

Die Lippen treffen sich gleich. Slow-mo-tion. Gleich. Nur noch ein Hauch von Nichts liegt zwischen Ihm und Ihr. Und- jetzt. Jaaa, jetzt verschmelzen sie… Nicht. Das wäre dann wohl der Moment, wenn die Frauen im Kinosaal tieftraurig „Och, nööö“! raunen und ihre Männer sich mit ihrer Vorhersage: „Was für ein Scheiß-Film“ schadenfroh und glücklich bestätigt fühlen.

Wir haben die Szene versaut. Tschuldigung. Aber um ganz genau zu sein war es nicht unsere Schuld. Es war die Schlange: „Mamaaa, Papaaa, da, die schwarze Schlange!“

Ja, die Schlange, das war übrigens nur eine harmlose schwarze Kobra, die sich zu den schrillen Flötentönen des Schlangenbeschwörers auf seinem bunten Berber-Teppich aus ihrem Korb tänzelte. Kein Problem, und schon gar kein Grund zur Aufregung für Schlangen-Freunde aus „l´Allemagne“ wie uns.

Da waren wir wieder: Mittendrin, im Trubel der roten Stadt, im Südwesten Marokkos. Vor uns liegt der Jemaa el Fna, der zentrale, berühmtberüchtigte Marktplatz. Ich glaube, ich habe noch nie zuvor so viele Menschen und Tiere auf einmal gesehen. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll: Zu der Kobra, den Affen, der Geschichtenerzählerin, dem Turm der Moschee, dem Teppichhändler, den Kutschen, den Akrobaten, den Trommlern, den Eulen, den Marktständen, den Henna-Frauen, den Cafés, den Taxen und Tuktuks.

Mir ist schwindelig. Ich schaue meinen Mann an. Wieder. Und bevor 1001 Nacht uns womöglich noch verschlingt, schnell noch der Kuss: Shhhtt, Norah. Keine Zeit jetzt.

Kuss.

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