Kolumne

Hans-Werner

Vor meinem Mann prahle ich immer mit meinen handwerklichen Fähigkeiten. Er lächelt zwar müde über meine gesunde Selbsteinschätzung, aber ich weiß: Das kann nur der Neid sein. Ich glaube nämlich, ich bin unschlagbar im Reparieren, Bauen und vor allem im Renovieren. Außerdem bin ich ein Freigeist und meine Vorstellungskraft ist fast grenzenlos weit.

Und als ich neulich ein Interview über Don Faustino, einem 101 Jahre alten Kutscher aus Nicoya- einer Halbinsel auf Costa Rica- gelesen habe, sah ich das als „Zeichen“, meine Fähigkeiten schon bald unter Beweis stellen zu können. Ich bin nämlich abergläubisch. Auf einer Skala von eins bis sechs bin ich eine zehn.

Jedenfalls war der Journalist auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage „Wieso Menschen in den Blauen Zonen so alt werden“. Die Halbinsel Nicoya, wo Don Faustino lebt, gehört zu einer der vier Blauen Zonen -Orte, deren Einwohner also überdurchschnittlich alt werden.

Auf die Frage hin erzählte Don Faustino vom „plan de vida“. Er sagte, es sei wichtig, den Tag sehr früh zu beginnen, immer mit einem klaren Ziel vor Augen- dem besagten „plan de vida“.

War es Fügung? Ich weiß es nicht, aber es war früh morgens, als ich das Interview in den Händen hielt. Und ich wusste sofort, was mein „plan de vida“ jetzt war. Ich wollte endlich meinen langersehnten Lebenstraum wahr werden lassen: Ich wollte einen alten Campingbus finden.

Einen mit Herz und Geschichte. Einen zum Aus-und Umbauen. Ein Wagen für Bastler. Für Bastler wie mich. Spätestens seit einer Doku, in der ein handwerklich unbegabtes Paar einen heruntergekommenen amerikanischen Schulbus zu einem Wohntraum auf vier Rädern mit Gasherd und einer Kelim-Mosaik-Dusche ausgebaut haben, waren meine letzten Zweifel wie weggeblasen. Kein Scharnier, keine Schraube, kein blättriger Lack- Nichts konnte mich mehr aufhalten.

Don Faustino war mein Zeichen. Denn da war er dann: Hans-Werner, Mercedes-Benz 608 D. Baujahr 1977. 86 PS, Schaltgetriebe und Tarnmuster in Beige. Hans-Werner zu sehen, das war ungefähr so wie nackig im See zu schwimmen…

Ich war einfach glücklich und Hans-Werner sollte ein Teil unserer Familie werden. Unbedingt. Äußerlichkeiten schrecken mich nicht ab. Was zählt, sind die inneren Werte. Und davon hat er eine Menge. Und außerdem eine desolate Inneneinrichtung. Und keine Luftbremse. Was ist das?! Und ist das gut oder schlecht? Wie auch immer. Ich habe schon Wände gestrichen, Möbel aufgebaut und Nägel in die Wand gehauen.
Hans- Werner, du siehst, ich wäre bereit für Dich. Willst du mein „plan de vida“ sein?

Fortsetzung folgt…

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