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Als aus dem Fernwanderweg E5 nur ein „E3“ wurde

Eine Lebenserfahrung

Nein, so ganz stimmt das nicht, denn der Europäische Fernwanderweg E3 soll vom Schwarzen Meer zur Iberischen Halbinsel führen. Dieser Weg war aber nicht in unserer Planung. Wir wollten Ende Juni 2014 den E5 von Oberstdorf nach Meran laufen. Wir sind zwei Frauen in den Fünfzigern, die 2008 beide mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert wurden. Da zieht es einem erst mal den Boden unter den Füßen weg und die Welt hört sich auf zu drehen. Als wir Ende 2009 das Gröbste hinter uns hatten, waren wir uns einig: Wenn wir die nächsten fünf Jahre bis zum ersehnten Status „geheilt“ ohne Rückfall überstehen, laufen wir! Wohin wir laufen, wussten wir damals noch nicht, denn erst kamen noch fünf Jahre mit vielen Höhen und Tiefen, aber ohne Rückfall. Die Aussage unseres Arztes: „Willkommen im normalen Leben“ war dann der Startschuss.

Wir sind natürlich in diesen fünf Jahren nicht auf der faulen Haut gelegen, denn Bewegung ist unter anderem,  das A und O, um dem Schweinehund Krebs entgegen zu wirken. Hochalpine Bergfexen waren wir allerdings nicht. Im Februar 2014 stand der Entschluss dann fest, wir laufen den E5 von Oberstdorf nach Meran. Ein richtiger Bergfex, mental -und konditionell stark, E5-erfahren, versprach uns zu begleiten. Auch eine Frau und wir waren im Rückblick ein sehr gutes Team.

Februar 2014:
Ok, der Entschluss steht, E5! Erstmal lese ich mich durch sämtliche Seiten im Internet, die es über den E5 gibt. Das wird kein Kindergeburtstag! Trainieren ist angesagt. Es ist Winter, Gott sei Dank ein sehr milder Winter. So laufe ich zu den  Hütten, rauf und runter ohne Ende. Buchenberg, Drehhütte, Rohrkopf, Vilser Alm, Falkenstein, Füssener Hütte, Breitenberg usw. usw. Kondition aufbauen hat oberste Priorität. Es wird. Der nächste Punkt ist natürlich die Ausrüstung. Nun gut, jetzt ist es  an der Zeit, mir neue Bergschuhe zu kaufen. Nach viel Probiererei habe ich die neuen Schuhe zu Hause, und sie sind meine Begleiter für die nächsten Monate. Zu den Bergschuhen sind noch ganz viele neue Teile dazugekommen. Es ist sagenhaft, was es alles an guter, funktioneller Ausrüstung gibt.  Hüttenschlafsack aus Seide, kann ich nur empfehlen. Sensationell warm, leicht und Packmaß sehr klein.

März, April, Mai:
Laufen, laufen, laufen!!!

Freitag, 20. Juni:
Endlich ist es soweit. Unsere Rucksäcke wiegen zwischen 8 und 9 kg. Vom Bahnhof in Oberstdorf fahren wir mit dem Bus in die Spielmannsau. Wir sind sehr aufgeregt. Wir sind keine 20 Minuten unterwegs, dann setzt der große Regen ein. Ja prima, so können wir schon mal unsere Regenklamotten testen. Regenjacke raus und bald darauf auch den Regenumhang der auch über den Rucksack geht. Meiner reißt gleich mal ein bis fast zum Knie. Egal, wir sind euphorisch. Die Kemptner Hütte ist unser Ziel. Wir laufen an der Trettach entlang, ein schöner Weg. Es wird steiler und das Wasser schießt den Hang nur so runter. Wir haben noch ca. 800 hm vor uns. „Der Allgäuer Hauptkamm liegt mit Trettach und Mädelegabel direkt im Blickfeld und lässt die Vorfreude Meter für Meter steigen“. So steht es im Rother-Führer. Bei uns klappt das heute nicht ganz. Wir konzentrieren uns auf den mittlerweile nassen und glitschigen Weg entlang der Trettach. Eine kleine Brücke bringt uns über den Sperrbach und es folgt ein halbstündiger Aufstieg in steilen Kehren. Am Ende des Anstiegs, dem sog. „Knie“, ist auch ein aussichtsreicher Rastplatz. Hier steht ein Marterl. Es zeugt davon, dass lange vor den ersten E5-Wanderern, nämlich seit über 350 Jahren, Pilger diesen Pfad nutzten. Wir schauen, dass wir weiterkommen, denn es wird zunehmend nebliger. Wir wandern entlang des Sperrbachs, und es regnet wie aus Kübeln. Hier werden die wasserdichten Bergschuhe auf eine harte Probe gestellt. Es dauert dann fast drei Stunden, bis wir endlich, ziemlich nass und im Nebel, die Kemptener Hütte (1844m) erreichen. Raus aus den nassen Klamotten. Es gibt einen Trockenraum und hier hängen wir neben gefühlten 500 T-Shirts, Jacken und Stinkesocken unser Zeug dazu.

Samstag, 21. Juni
Die Nacht war ok und wir haben alle gut geschlafen. Um 7.15 Uhr sitzen wir beim Frühstück, der Rucksack ist bereits gepackt. Unsere Klamotten sind immer noch genauso nass wie gestern. Es kann ja fast nicht anders sein. Es regnet nicht und es scheint ein schöner Tag zu werden. Kurz vor acht brechen wir auf. Wir sind nicht die Einzigen. Gemächlich ansteigend führt der Weg von der Kemptner Hütte zum Mädelejoch (1.974m) hinauf, dem tiefsten Punkt zwischen Kratzer und Mutlerkopf. Direkt am Mädelejoch passieren wir das gelbe Grenzschild, verlassen die Bundesrepublik Deutschland, wir sind nun auf österreichischem Boden. Über latschenbestandene Grashänge kommen wir an der Roßgumpenalm (1.329m) und am Cafe Uta vorbei.  Am sog. Simmswasserfall, der Ende des 19. Jahrhunderts vom Engländer Frederick R. Simms, durch Sprengung künstlich angelegt wurde, laufen wir über eine breite Straße ins Obere Lechtal bis Holzgau (1.113m). Irgendwie drückt mein linker Schuh. Das wäre jetzt ja blöd. Ich muss ihn halt nochmal ordentlich binden.

In Holzgau schnell noch ein paar Semmel gekauft und schon geht es per Taxi zur Materialseilbahn der Memminger Hütte. Hier gibt es jetzt die Brotzeit und die verdiente Pause. Noch sind wir bei Kräften, so kommt natürlich keine auf die Idee, die Rucksäcke mit der Seilbahn zu befördern. Wäre im Nachhinein eine kluge Entscheidung gewesen.

Jetzt wird es aber Zeit, aufzubrechen. Wir schultern unsere 8-kg-Rucksäcke und überqueren auf der kleinen Brücke den Parseierbach. Links steigt nun der Weg in Kehren erst durch ein Findlingsfeld, dann durch Latschenkiefer ziemlich steil an. Hier macht sich der Rucksack schon bemerkbar. Ziemlich schweißtreibend der Anstieg. Nach den Latschen ein wunderschönes Wiesengelände und eine Herde Haflinger zeigt sich hier von ihrer schönsten Seite. Man sieht ihnen an, dass sie die absolute Freiheit auf der Alm genießen. Ich gönne mir noch einen Blick zurück auf die Lechtaler und Allgäuer Gipfel. Sehr dominant  gibt sich der Hochvogel. Wir haben noch ein Stück zu laufen und bald queren wir den Bach, bis wir nicht wenig später den gewaltigen Kessel um die Memminger Hütte erreichen. Ich bin so beeindruckt, dass ich den Rucksack ablege und diese Gebirgspracht auf mich wirken lasse. Wow!!! Ein Wahnsinn! Ich kann mich gar nicht satt sehen. Seekogel, Oberlahmspitze, Kleinbergspitze, Schwabenkopf, Seeschartenspitze usw. Sehr beeindruckend. Ich liege hier im Gras, so klein und unscheinbar. Die Natur mit ihrer ganzen Wucht und Größe nimmt jeglichen Stress und all die kleinen Wehwehchen mit grosser Ruhe und Gelassenheit von mir weg. Ich höre den Wind über die Gipfel pfeifen und möchte am liebsten gar nicht mehr weg hier. Alles, was mir dazu einfällt: „…du bist so groß und i nur a Zwerg“. Das ganze Getöse, das Gewusel und die Wichtigmacherei da unten in den Tälern sind Lichtjahre von mir entfernt. Ich glaube, in diesem Moment denke ich an gar nichts, ich lasse alles nur geschehen. Ein sagenhafter Zustand. Wenn nur mein Schuh nicht so drücken würde.  Ich raffe mich auf und lege die letzten Meter zur Memminger Hütte zurück. Als erstes müssen die Bergschuhe runter, denn es schmerzt nun ganz ordentlich. Das kann ja lustig werden. Hoffentlich legt sich das wieder. Ein eisiger Wind pfeift um die Hütte. Wir stärken uns erst mal mit einer heißen Speckknödelsuppe und warmen Klamotten. Ich erwische die letzte Duschmarke für diesen Tag und komme noch in den Genuss von heißem Wasser. Ganz wunderbar.

Sonntag, 22. Juni
Sehr früh geht es aus den Federn. Wir haben eine heftige Etappe vor uns. Schon von der Memminger Hütte (2.242 m) aus können wir die Seescharte sehen. Leicht bergab erreichen wir kaum später das Ufer des Unteren Seewisees. Wir halten uns links und beim Blick zurück spiegelt sich die Freispitze im Wasser. Auf dem Pfad zur Seescharte kommen wir bald zum mittleren Seewisees, der noch fast zugefroren ist. Wir queren jetzt ein Geröllfeld und hier ist Vorsicht geboten. Bedacht und konzentriert machen wir jeden Schritt. Rechts liegt der Obere Seewisee und weiter links markiert die mächtige Parseierspitze mit 3.036 m den höchsten Punkt der Lechtaler Alpen. Jetzt steigen wir das letzte Stück steil, aber mit Seilversicherung zur Seescharte (2.599 m) hinauf. Noch einmal ein Blick zurück auf Hochvogel, Mädelegabel und Trettach. Kurz darauf tut sich ein sagenhafter Blick ins Inntal auf. Gleich unterhalb der Scharte legen wir eine Rast ein und genießen die traumhafte Aussicht. Jetzt kommt ein endlos langer Abstieg nach Zams.

Auf sehr steilem und steinigem Pfad geht es nun talwärts. Wir haben kaum ein Auge für die schöne Landschaft, so müssen wir uns auf den Weg konzentrieren. Mein Schuh drückt immer mehr und es wird zunehmend schmerzhafter. Nach zwei Stunden Abstieg bleibt mir nichts anderes übrig, als den Schuh zu lockern, was für den Halt des Fußes nicht gerade von Vorteil ist. Wir brauchen über zwei Stunden bis zur Oberen Lochalm, die nicht bewirtschaftet ist. Hier machen wir nun eine Rast und als erstes ziehe ich den Schuh aus. Ich könnte heulen, so ist mir zumute. So kann das doch nicht weitergehen. Der Magen knurrt und bis zur Unteren Lochalm sind es noch ca. 50 Minuten. Ich spüre jeden Schritt. Wir durchqueren schöne Almwiesen und Lärchenwälder, ohne größere Steigungen oder Gefälle. Schön ist es hier. An der Alm angekommen genießen wir eine deftige Brotzeit und die Mittagssonne. Sich einfach hier auf eine Bank legen und liegen bleiben, das wär´s jetzt.

Na ja, den Großteil haben wir ja geschafft, in zwei Stunden sind wir in Zams.
So wandern wir am fröhlich plätschernden Lochbach durch das wunderschöne Tal dahin. Schon bald wird der Weg zu einem geschotterten Steig mit doch vielen ausgesetzten Stellen. Nach ca. einer Stunde sehen wir dann endlich Zams. Tief unten rauscht der Lochbach dahin. Der Steig will kein Ende nehmen, eine Kehre folgt der anderen und wir kommen dem Ziel einfach nicht näher. Nach gefühlten 500 Kehren sind wir dann endlich in Zams. Gott sei Dank finden wir gleich eine Unterkunft. Das war ein heftiger Abstieg, und ich habe alle meine Sünden gebüßt. Mein Fuß schmerzt sehr und wir beschließen, morgen die Etappe über den Krahberg nach Wenns auszulassen und gleich mit dem Bus nach Mittelberg zu fahren.

Montag, 23. Juni
Die Wettervorhersage ist heute nicht gerade rosig. Regen, Gewitter und Neuschnee ist angesagt. Von der Haltestelle Mittelberg bis zur Materialseilbahn der Braunschweiger Hütte sind es ca. 30 Minuten zu laufen.  Mein Fuß schmerzt höllisch und so beschließe ich ganz für mich alleine: „Das wars! Du kannst nicht mehr weiterlaufen“. An der Materialseilbahn tue ich meinen Mitwanderern meinen Entschluss kund. Von allen Seiten ziehen mittlerweile auch schwarze Wolken auf. Beim Hüttenwirt der Gletscherstube fragen wir nochmal nach dem Wetter. „Mädla, in de nexschte zwoa Stund, schepprets do gewaltig“! Das war dann auch so. Auf Aussage des Hüttenwirtes hin haben sich auch meine zwei Wandergefährtinnen entschlossen, das Ganze hier abzubrechen. Wenn wir 20 gewesen wären, hätten wir das sicher durchgezogen, sind wir aber nicht mehr, und wir müssen niemandem etwas beweisen. So haben wir uns an diesem Tag ein schönes Hotel in Imst gegönnt und einen lustigen Abend verbracht. Wir hatten wunderschöne, unvergessliche und erlebnisreiche Tage. Wir hatten sagenhafte Eindrücke, jede für sich und unser eigentliches Ziel haben wir mit den Status „geheilt“ erreicht.

Das ist nun sicher ein etwas anderer Reisebericht des E5, der letztendlich zu einem emotional sehr erfolgreichen E3 wurde.

Text · Bild: SZ

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