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Man muss die Chance für einen Neubeginn nutzen

Angelika Hofer: „Der Fels an meiner Seite“

Füssen.    Sie ist das, was man einen optimistischen Menschen nennt. Egal wie viele Rückschläge sie auch hinnehmen muss, sie lebt intensiv – mit ihrem „Fels“ an der Seite, wie sie selbst sagt. Seit 31 Jahren sind sie ein Paar. Sie, Angelika Hofer, die bekannte Gänsemutter und Temperamentsbündel und er, Günter Ziesler, der ruhige Tierfotograf, der lieber zuhört als spricht.

Sie leben abseits und doch mittendrin. So, wie sie es gerade wollen. Ihr kleines Häuschen, mitten in einer Lichtung im Wald, erinnert irgendwie an das Märchen von Hänsel und Gretel und der bösen Hexe. Die Kinder gewinnen zuletzt, weil sie sich trauen und die Hexe überrumpeln. Solche Gedanken fallen mir ein, als ich zum Haus der beiden laufe. Es hat viel geschneit. Ich denke an den Kernbeißer, von dem mir Angelika Hofer erzählt hat. Sie war überwältigt, als sie ihn vor ein paar Tagen an einem der vielen Vogelhäuschen in ihrem Garten sah. Ob ich ihn wohl auch sehen werde?

Als Angelika Hofer 2008 an einem Eierstock-Karzinom erkrankte (wir berichteten),  hatte sie Angst vor dem Sterben, doch nicht lange. Sie nahm dieses Schicksal an, mit allem was es ihr brachte. „Ich habe so viel gelernt. Es hört sich vielleicht hart an, aber ich habe mich dadurch besser kennen gelernt. Jede Krankheit kann man auch als Chance auf etwas Neues ansehen“. Sie weiß, dass sie mit diesem Satz manche Menschen durcheinander bringt, aber anderen damit auch Kraft gibt.

Ein Neubeginn

33 Chemotherapien hat sie mittlerweile hinter sich. Ihr Leben hat sich nicht normalisiert, es ist anders geworden, intensiver. Jeder Augenblick ist etwas Besonderes. Nicht nur für sie, sondern auch für ihren Mann Günter Ziesler. Die Jahre, in denen er noch auf der ganzen Welt unterwegs war, sind Vergangenheit. Seit 2008 ist er nicht mehr gereist. Sie unternehmen viel gemeinsam, wie zum Beispiel am Forggensee Steine sammeln.

Viele Worte sind für Günter Ziesler nicht nötig. „Wir verstehen uns auch so – obwohl wir sehr unterschiedlich sind“, sagt er ernst. Seine Frau ist optimistisch, während er eher Realist ist. Manchmal etwas menschenscheu – ganz anders als die Gänsemutter. Und doch haben sie so vieles gemeinsam, wie zum Beispiel ihr Hobby Bücher lesen. Nein, nicht jeder für sich. „Günter hält das Buch und ich lehne mich an seine Schulter und lese mit – die Katze liegt dann bei mir auf der Schulter und liest quasi auch“, erzählt Angelika Hofer lachend.

Wann sie wieder gemeinsam auf Reisen gehen werden, wissen beide nicht.  „Ich plane nicht mehr lange. Das verstehen viele nicht. Wenn man so mit dem Tod konfrontiert ist wie ich, dann lebt man anders. Ich habe dadurch eine andere Lebensqualität bekommen. Drei Monate im voraus planen ist schon sehr lange. Ich lebe nach dem Motto „Carpe diem, carpe vitam – nutze den Tag, nutze das Leben“. Ohne die Krankheit hätte ich nicht so viel über mich erfahren. Jede Krankheit hat eine Ursache. Wenn man lernt, mit der Krankheit zu leben, wird es auch einfacher. Ich habe das Buch von Ebo Rau gelesen. Er sagt: Der Mensch stirbt nicht an Krebs, sondern an der Vorstellung, die er davon hat. Damit meint er die Angst, die Konzentration auf den Krebs und nicht auf das Leben“.

Freiräume brauchen beide: „Dann freut man sich auf den anderen umso mehr“, meint Günter Ziesler. Das etwas, wie die Krankheit seiner Frau  nun sein Leben bestimmt, passt dem 72-Jährigen nicht. Er beugt sich nicht, er nimmt es hin. Kein Hadern, kein warum. Dass seine Frau so offen über die Krankheit spricht, stört den Tierfotografen nicht. „Warum sollte es auch. Die Menschen tabuisieren viel. Über eine Krankheit wie den Krebs redet man nicht, man schweigt. Das ist ein Fehler.“

Seit letztem Jahr wenden sich einige betroffene Menschen an Angelika Hofer. Sie wollen Hoffnung, Informationen, ein bisschen von ihrem Optimismus. „Es freut mich sehr, dass ich anderen helfen kann. Wenn ich nur einem Menschen dadurch ein intensiveres Leben ermöglicht habe, dann bin ich glücklich“, sagt sie nachdenklich. Was das Leben für die beiden noch bereit hält will das Ehepaar gar nicht wissen. „Ich weiß nur, dass ich ab 9. März meine Ausstellung im Haus Hopfensee habe, alles andere wird sich zeigen“.

„Die Filzmenagerie“

Früher hatte sie nicht die Zeit zum Filzen, Ausstellungen planen oder gar Tagebuch schreiben. Jetzt hat sie ihre Filzerei „Die Filzmenagerie“ genannt und bald will sie ihr Tagebuch in Buchform veröffentlichen. „Es soll Briefe an das Leben heißen. Und nur meine Freunde werden dieses Buch bekommen und Menschen, von denen ich weiß, dass sie für mich beten, mich unterstützen und mir Kraft geben“.  Manchmal gibt es auch dumme, unsensible Menschen – man kann sie leider nicht anders nennen – die sie tatsächlich fragen, ob sie wirklich glaubt, dass sie gesund wird. „Ich möchte jetzt nicht die Behörde nennen, bei der meine Frau und ich waren, weil sonst muss man sich für diese Person schämen. Sie meinte: ‚Nach dem Befund, den man ihnen ausgestellt hat, besteht keine Aussicht auf Heilung. Warum halten sie daran fest‘. Da frage ich mich manchmal, wo die Menschlichkeit bleibt“. Für Günter Ziesler sind solche Menschen gefühllos. Sie haben mit sich selbst ein Problem und nehmen die Hoffnung anderer einfach weg – mit welcher Begründung, will er wissen.

Der Kernbeißer ist immer noch nicht da. Die Aussicht aus dem Fenster ist wie Kino. Die Vögel kommen und gehen, zwitschern ein Lied, es ist traumhaft. „Im Sommer ist es hier auch so schön“, sagt die Gänsemutter, die meinen Blick verfolgt, „dann blüht alles und es ist so lebendig“.

Text · Bilder: Sabina Riegger

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