Kolumne

Love sings

Es ist Freitagabend. Die Teller stehen noch auf dem Tisch im Esszimmer. Gerade haben wir gegessen, und keiner hat es eilig, den Tisch abzuräumen. Ich habe eine asiatische Suppe gekocht und es riecht noch immer ein bisschen nach Goma Miso. Der Ofen im Wohnzimmer nebenan wird langsam warm.

Dann haben die Kinder eine Idee für ein Spiel: Es gibt zwei Teams, und abwechselnd spielen wir uns Musik vor. Wir raten, tanzen und singen mit. Zwischen Jan Delay, Steely Dan, Tenacious D, Alanis Morissette, Bloc Party, The Clash und Dolly Parton wirbeln wir durch den Raum, als gäbe es kein morgen.

Unser Hund liegt am Rand und schaut uns zu. Ich wüsste gerne, was er denkt. Mir wird warm. Vom Ofen, vom Tanzen, vom Lachen. Ich brauche eine Pause und lege mich zu ihm auf den Boden. Von hier unten schaue ich den anderen weiter zu. Vielleicht fühlt der Hund ja eine ähnliche Liebe wie ich zu diesen drei Menschen?

Die Rolling Stones laufen gerade mit „Satisfaction“. Mein Mann tänzelt zufrieden um den Tisch und lächelt mir siegessicher entgegen, weil er den Song nach zwei Takten erkannt hat. Ich verliere bei diesem Spiel gern. Denn alles, worauf es mir ankommt, ist in diesem Raum. Meine ganze Welt.
Das hier, mitten im Leben, mitten in der Musik ist mein Glück.
Irgendwie werde ich melancholisch. Auf diese bittersüße Art, bei der man zwar lächelt, aber trotzdem auch irgendwie weinen möchte. Die Musik hat mich irgendwohin abgeholt. Denn Musik ist nie nur Musik. Ich finde, sie ist wie ein Schlüssel. Manchmal reicht schon ein einziger Ton, um zurück zu sein, in Momenten, Erinnerungen und Gefühlen. Und dann ist es so, als wäre keine Sekunde vergangen, auch wenn manchmal Jahre dazwischen liegen.

Ich muss zurückdenken an meinen großen, schwarzen Kassettenrekorder, vor dem ich früher saß und Kassetten bespielte, wenn meine Lieblingssendung „Die jungen Wilden“ im Radio lief. Ich saß dann also vor dem Radio mit den Fingern über den Tasten und wartete, bis ein guter Song kam. Drückte ich zu früh, quatschte der Moderator auf mein Band, drückte ich zu spät, fehlte der Anfang des Liedes. Es war Handarbeit, mit Herzblut für das perfekte Mixtape.

Aber es gab etwas, das noch schöner war: ein Tape geschenkt bekommen.

Ein Tape für jemanden aufzunehmen, den man liebt, war und ist für mich die romantischste und schönste Geste überhaupt. Es ging nie nur um Musik. Welches Lied sollte zuerst kommen, welches durfte auf keinen Fall fehlen? Man musste sortieren, zurückspulen und manchmal sogar alles nochmal neu aufnehmen, weil die Pause zwischen zwei Liedern zu lang war. Am Ende stand dann der Titel des Tapes in der schönsten Handschrift auf dem Cover.
Wer so ein Tape bekam, hielt mehr in der Hand als Musik. Es war ein Stück festgehaltener Zeit auf einem kleinen Band.

Das erste Geschenk, das mir mein Mann je machte war Musik, eine CD. Und wenig später schenkte er mir einen MP3-Player voller Lieder. Er wählte aus, was ihm etwas bedeutete, wie er mich sah, was er fühlte, und er überreichte mir den Player damals, als wäre es ein Stück von ihm. Denn das war es.

Seit fast 20 Jahren verbindet uns die Musik. Sie war da, als wir uns verliebten, und sie ist geblieben. Inzwischen verbindet sie uns alle, als Familie.

Ich liege noch immer auf dem Boden neben dem Hund. Über mir tanzt meine Familie, und irgendwo zwischen Dolly Parton und The Clash weiß ich, was schwer in Worte zu fassen ist. Es geht nicht nur um die Musik. Es geht um die Liebe, die darin steckt. Und darum, dass das Wertvollste, was wir Menschen haben, die gemeinsame Zeit ist. Wir können sie nicht anhalten. Aber manchmal gelingt es der Musik…

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