Kolumne

Die Wahrheit gehört uns noch nicht

In vermeintlichen Schutzräumen, in der Schule, beim Ausgehen, in der Arbeit, der Uni, im Krankenhaus, auf der Straße – überall begegnen wir ihr, der Angst. Der Angst vor Erniedrigung, vor sexueller Gewalt, vor verbalen Übergriffen und Diffamierung. Gibt es eine Frau, die noch nicht zum Opfer wurde? Altersunabhängig?
Ich wünschte es mir sehr.
Aber wir alle kennen es. Auch ich.
Diese Übergriffe sind keine Hysterie, sondern Statistik.

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Wir lernen früh, was die Welt von uns erwartet und was sie uns zumutet.
Wir lernen kleiner zu werden, damit andere sich größer fühlen dürfen. Das ist das Patriarchat.
Wir lernen zu lächeln, wenn ein Kommentar unter die Gürtellinie geht.
Wir lernen kleinzureden, wenn wir bedrängt werden, weil „der meint das doch vielleicht nicht so“.
Wir lernen sehr laut zu sprechen.
Wir lernen mehr zu leisten, mehr zu beweisen, mehr zu sein.

Das Patriarchat trägt keine Uniform. Es sitzt im Ton, in Fragen, in körperlichen Übergriffen. Es sitzt in jenem Mann, der nachts hinter einer Frau herläuft und nicht versteht, warum sie schneller wird. Es sitzt in Gesetzen, in Gehaltslisten, in vertrauten Menschen. Es sitzt sogar bei uns Frauen selbst – weil uns die Gesellschaft so lange gelehrt hat, uns zu entschuldigen, bis wir vergessen haben, wofür eigentlich. Die Scham darf enden, aber sie muss die Seiten wechseln.

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In Deutschland haben Frauen seit 1997 das Recht, eine Vergewaltigung in der Ehe strafrechtlich verfolgen zu lassen – seit Neunzehnhundertsiebenundneunzig! Da war ich in der Grundschule…

Und heute? Heute wiederholen sich Muster, von denen ich mir wünschte, sie wären längst überwunden. Immer neue Fälle, die zeigen, dass Männer glauben, sie könnten sich einer Frau bemächtigen. Sie und ihren Körper besitzen und über Sein verfügen.

Es ist Zeit, dass auch Männer laut werden. Gegenwehr leisten statt Schulterzucken zeigen. Wie sollen wir in dieser Gesellschaft miteinander leben, wenn sexualisierte Gewalt so erschreckend selbstverständlich ist – und das Schweigen darüber noch selbstverständlicher?
Nicht alle Männer, ja, aber alle, die die Privilegien des Patriarchats in Anspruch nehmen und sich unter dessen Mantel verstecken: Diese Männer tragen Verantwortung für das, was täglich in ihrem Namen geschieht. Auf dem Dorf, in der Stadt, hier und auf der ganzen Welt.

Also hört auf zu schweigen!
Benennt es, benennt sie, die Täter – in der Umkleidekabine, im Büro, an der Uni, in der Arztpraxis, zu Hause.

Wenn der Ton falsch ist, sagt es! Wenn die Last ungleich verteilt ist, zeigt es! Wenn jemand die Augen verdreht und sagt, das sei doch alles nicht so schlimm, hinterfragt und seht genauer hin! Werdet laut!

Wir sind nicht hysterisch, nicht überempfindlich.
Wir sind müde. Und Müdigkeit kann, wenn man sie lässt, in etwas anderes kippen – in Wut, in Forderung, in Veränderung.

Steht mit uns auf!

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