Brauchtum

Oktoberfest, Bier und Wittelsbach

Wenn sich alle Jahre wieder, so sicher wie das Amen in der Kirche, Millionen Menschen aus aller Welt in München versammeln, dann heißt es: O’zapft is!

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Beim größten Volksfest der Welt denken wohl die wenigsten an die lange Geschichte, die dahintersteht. Sie erzählt von Herzögen und Königen, politischen Reformen, wissenschaftlichen Errungenschaften und nicht zuletzt einem Getränk, das wie kaum ein anderes zum Sinnbild Bayerns geworden ist: dem Bier. Der Beginn des Oktoberfestes, das für viele verwirrenderweise in unserer Zeit im September beginnt, war einst eine Hochzeitsfeier, verbunden mit einem Namenstag.

Am 12. Oktober 1810 feierte der erste bayerische König Maximilian I. Joseph seinen Namenstag und zugleich die Hochzeit seines ältesten Sohnes, des Kronprinzen Ludwig, mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Ein Datum, das bereits 375 Jahre zuvor die Aufmerksamkeit auf das Haus Wittelsbach gelenkt hatte: Die Geschichte um Herzog Ernst von Bayern-München und Agnes Bernauer, die Geliebte seines Sohnes Albrecht, ist keine schöne, wohl aber eine der bekanntesten.

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Dass sich ausgerechnet dieses Datum immer wieder mit bedeutenden Ereignissen der bayerischen Geschichte verbindet, mag Zufall sein. Die Entwicklung der bayerischen Bierkultur hingegen ist alles andere als zufällig – sie wurde über Jahrhunderte von den Wittelsbachern geprägt.Bereits Herzog Wilhelm IV. legte mit dem Reinheitsgebot vom 23. April 1516 den Grundstein für den weltweiten Ruf des bayerischen Bieres. Wasser, Gerste und Hopfen wurden als Zutaten festgelegt. Das schützte die Verbraucher vor fragwürdigen Zusätzen und sicherte zugleich den Weizen für die Brotherstellung.

Bis heute gilt das Reinheitsgebot als Grundpfeiler der bayerischen Braukultur. Auch wirtschaftlich erkannten die Wittelsbacher früh die Bedeutung des Bieres. Als Anfang des 17. Jahrhunderts Weißbier immer beliebter wurde, machte Kurfürst Maximilian I. dessen Herstellung zum landesherrlichen Monopol. Die kurfürstlichen Weißbierbrauhäuser entwickelten sich zu einer bedeutenden Einnahmequelle und förderten das Brauwesen nachhaltig.

Mit der Biergartenverordnung König Max I. Josephs von 1812 durften Münchner Brauer auf ihren Sommerkellern Märzenbier und Brot ausschenken, warme Speisen jedoch nicht. Was dem Schutz der Gastwirte dienen sollte, begründete die bis heute gepflegte und beliebte Biergartentradition.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Brauwesen vom Handwerk zur Industrie. Einen entscheidenden Anteil daran hatte Gabriel Sedlmayr, dessen Englandreise 1833 neue technische Erkenntnisse nach Bayern brachte. Den größten Fortschritt erzielte jedoch Carl von Linde: Mit seiner 1873 in der Spatenbrauerei in Betrieb genommenen Kältemaschine wurde ganzjähriges Brauen möglich – ein Meilenstein der modernen Brauwirtschaft.

Auch wenn die Zahl der Brauereien von über 5.200 im Jahr 1882 auf rund 3.200 im Jahr 1918 sank, stieg die Bierproduktion gleichzeitig von etwa zwölf auf rund zwanzig Millionen Hektoliter. Heute gibt es in Bayern noch immer 588 Brauereien – mehr als in jedem anderen Bundesland. Die Tradition lebt bis heute weiter.

Luitpold Prinz von Bayern übernahm in den 1970er Jahren die Schlossbrauerei Kaltenberg und entwickelte sie zu einer international erfolgreichen Marke. Mit Bieren wie „König Ludwig Dunkel“ oder „König Ludwig Weissbier“ verbindet sich bis heute königliche Geschichte mit moderner Braukunst. Wenn also in diesen Tagen auf der Wiesn angestoßen wird, lebt damit auch ein Stück bayerischer Geschichte fort – geprägt von Traditionen, die seit Jahrhunderten Menschen begeistern. Vielleicht unterstützen wir deshalb in diesem Jahr unsere Wiesn-Wirte ein wenig mehr, so dass Hopfen und Malz auch künftig nicht verloren sind.

Mehr über die bayerischen Könige erfahren Sie im September jeweils montags um 11 Uhr bei den öffentlichen Führungen sowie täglich von 9 bis 17 Uhr im Museum der bayerischen Könige in Hohenschwangau.

Text: Louise-H. Meinicke, Kulturvermittlerin im Museum der bayerischen Könige
Foto: Wikipedia

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