
Im Portrait: Olga Bernhard
„Ankommen. Bleiben. Gestalten.“
Olga Bernhard sitzt in ihrer Tagespflege in Steingaden und strahlt etwas aus, das man schwer in Worte fassen kann: eine ruhige, aber unverkennbare Stärke. Sie lächelt. Die letzten Monate und Jahre waren anstrengend. So, wie wenn man einen alten Fiat Cinquecento voll beladen eine steile Straße hochfährt. Sie hat es geschafft, wie schon vieles andere auch. Manchmal langsam und bedacht und ein anderes Mal schneller, als sie hoffte. Die Mutter zweier Kinder gehörte zu den 400.000 Russlanddeutschen, die 1991 nach Deutschland kamen.
Die Reformen Perestroika und Glasnost unter Michail Gorbatschow und der Zusammenbruch der Sowjetunion machten die Ausreise ab Ende der 1980er-Jahre möglich. Die jungen Menschen saßen zwischen zwei Stühlen – die Suche nach der eigenen Identität ließ manche verzweifeln. Eine Zerrissenheit, die auch Olga Bernhard nur zu gut kennt. Im Ausweis stand „Deutsch“, auf der Straße sprach man Russisch. Ihre Eltern, Nachkriegskinder, hatten gelernt, die deutsche Sprache eher im Verborgenen zu halten. Zu Hause wurde Deutsch gesprochen, aber die Kinder antworteten auf Russisch – ein stilles Zeugnis einer Generation, die sich anpassen musste, um zu überleben.
Ob sie nach Deutschland ausreisen wollte, kann sie nicht genau beantworten. „Es war keine Frage des Wollens oder Nichtwollens. Es war eine pragmatische Entscheidung. Wir haben es als Familie entschieden“, so die 52-Jährige. Mit 18 Jahren und als alleinerziehende Mutter kam sie mit ihrer Familie im April 1991 nach Deutschland. „Es war wie ein großes Abenteuer. Überall warteten Überraschungen. Auf manche hätte ich gerne verzichtet“, lacht sie. Es dauerte eine Weile, bis Deutschland ihr Land wurde und sie die Sprache nicht nur verstand, sondern auch sprach.
Ursprünglich hatte Olga Bernhard nach der Schule den Traum, Krankenschwester zu werden. Doch der Ausbildungsplatz in der Sowjetunion war begehrt, die Aufnahmeprüfungen fürchtete sie – und so wurde sie stattdessen Elektromechanikerin. Ein technischer Beruf, der ihr zwar eine Ausbildung gab, aber nie wirklich ihre Berufung wurde. Deutschland bot ihr den Neustart. Und nun, mit einem kleinen Kind auf dem Arm und einer neuen Sprache im Kopf, fand sie schließlich, was sie immer gesucht hatte: die Altenpflege. Seit 1994 arbeitet sie in diesem Bereich – damals war ihr Sohn gerade drei Jahre alt. Was für viele ihrer Kollegen ein Job war, war für sie von Anfang an eine Berufung. „Ich sage immer, ich bin Altenpflegerin – und ich bin stolz darauf. Ich liebe meine alten Leute einfach.“
Die Faszination für das gelebte Leben
Was sie an der Arbeit mit älteren Menschen besonders anzieht, lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Geschichte. Schon als Kind saß sie bei den Großeltern und lauschte stundenlang, wie das Leben früher war – vor der Revolution, vor dem Krieg, in einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Alte Fotoalben, erzählte Erinnerungen, das Staunen über das, was Menschen erlebt haben. „Ich finde es immer noch faszinierend, wenn mir die Gäste in unserer Tagespflege über ihr Leben erzählen. Ich könnte stundenlang zuhören. Es ist eine Welt, in die ich eintauchen darf.“ Diese Neugier hat sie nie verloren. Im Gegenteil: Sie ist zum Kern ihrer Arbeit geworden.
Nach ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin wuchs in Bernhard der Wunsch, sich in diesem Berufsfeld weiterzubilden. Zur Pflegefachausbildung kamen die Qualifikation zur Pflegedienstleitung, die Ausbildung zur verantwortlichen Pflegefachkraft im Sozialwesen, die Weiterbildung zur Palliativfachkraft sowie die Zertifizierung als Wundexpertin. Doch der wirklich mutige Schritt kam nach Jahren als Führungskraft in einer Einrichtung in Füssen: Sie machte sich selbstständig. „Ich habe nie gedacht, dass ich mich selbstständig mache. Aber dann dachte ich: Meine fachliche Kompetenz möchte ich jetzt für mich nutzen.“
Der Anstoß kam durch Zufall – eine Tagespflege in Steingaden, die nach einem Jahr Betrieb abgegeben werden sollte. Eine Schule, an der Olga eine Weiterbildung absolviert hatte, brachte sie mit dem Gründer in Kontakt. Im September 2016 übernahm sie, am 1. Oktober öffnete die Tagespflege unter ihrer Führung. Heute, zehn Jahre später, hat Olga Bernhard es nicht bereut. Kein einziges Mal.
Was sie aus der Einrichtung gemacht hat, ist mehr als ein Betrieb. Es ist ein Ort, der die Handschrift einer Frau trägt, die genau weiß, was ältere Menschen brauchen – und was sie verdienen: Zuwendung. Sie erhalten dort professionelle Betreuung, soziale Kontakte, abwechslungsreiche Aktivitäten, pflegerische Hilfe und verbringen den Tag in einer Gemeinschaft. Die Einrichtung bietet neben pflegerischer Versorgung auch Gruppenaktivitäten und tiergestützte Therapie an – die sogenannte Max-Therapie. Der Garten wurde liebevoll gestaltet, die Räume erweitert. Alles so, wie Olga Bernhard es sich von Anfang an vorgestellt hat.
15 Plätze pro Tag, ein Kundenstamm von 45 Personen, 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt ihr Unternehmen in Steingaden. Der Tagesablauf ist klar strukturiert: Von halb neun bis halb fünf – kein Schichtdienst, keine Wochenendarbeit. „Es ist ein Modell, das funktioniert, weil es Verlässlichkeit schafft – für die Gäste und für das Team“, erklärt Olga Bernhard. Denn nicht nur ihre Gäste in der Tagespflege liegen ihr am Herzen. „Ohne meine Mitarbeiter ginge das alles nicht. Ich bin dankbar dafür.“ Ihre engste Mitarbeiterin, Heidi, ist seit zehn Jahren an ihrer Seite – und hat auf Olgas Drängen hin die Hauswirtschafts-Meisterschule absolviert. Diese Loyalität und das gegenseitige Fördern sind kein Zufall. Es ist Ausdruck einer Führungskultur, die auf Vertrauen und Wertschätzung basiert.
Wer Olga Bernhard nach ihren Aufgaben in der Einrichtung fragt, bekommt eine nüchterne, klare Antwort – und merkt dabei, wie viel dahinter steckt. Pflegedokumentation, Risikomanagement, Sturzprävention, Qualitätssicherung, Verhandlungen mit den Krankenkassen, MDK-Kontrollen. Die Unternehmerin trägt Verantwortung für ihre Gäste, für ihre Mitarbeiter, für die Wirtschaftlichkeit des Betriebs.
Ob man mutig sein muss, um sich selbstständig zu machen – darauf hat sie eine klare Antwort. „Mutig? Ja, das muss man sein. Aber Selbstständigkeit bedeutet vor allem Verantwortung – auf allen Ebenen.“ Gleichzeitig baut sie bewusst Strukturen auf, die ihr mehr Freiraum schaffen sollen: Eine erfahrene Pflegefachkraft wird zur Pflegedienstleiterin ausgebildet, um operative Aufgaben zu übernehmen. Olga Bernhard möchte sich auf das konzentrieren, was sie als Geschäftsführerin wirklich voranbringt – und auch ein bisschen mehr Zeit mit ihren Tagesgästen verbringen.
Die Frau hinter der Unternehmerin
Olga Bernhard hat zwei Söhne und vier Enkelkinder. Zum Oma-Dasein hat sie eine entspannte Haltung: Sie ist gerne für die Kleinen da, wenn es passt. Aber eine „typische Oma“ ist sie nicht. „Ich genieße es, Oma zu sein, aber auch abgeben zu dürfen“, meint sie lächelnd.
Hinter der starken Außenwirkung – die sie selbst eher auf ihren Beruf zurückführt als auf ihre Persönlichkeit – steckt eine Frau, die Entscheidungen und Prioritäten setzen kann, für die das Wort Motivation kein Fremdwort ist und die weiß, welche Ziele realisierbar sind. Sie kennt aber auch die andere Seite jenseits des Berufs. Sie erfuhr, dass Vertrauen zerbrechlich ist und dass Stärke und Einsamkeit sich nicht ausschließen.
Schließlich: „Das gehört alles zum Leben dazu. Es kommt so, wie es kommen soll, und alles hat seinen Sinn – auch wenn es anfangs gar nicht danach aussieht.“ Worte, die nachdenklich machen und zugleich beruhigen. Sie laden dazu ein, dem eigenen Lebensfluss zu vertrauen, auch wenn Wege steinig erscheinen.
Text: Foto: Sabina Riegger



