Außerfern

50 Jahre Restaurant „Zur Geierwally“

Ein halbes Jahrhundert Herzblut, Heimat und Lechtaler Küche

Vor 50 Jahren öffnete Guido Degasperi in Elbigenalp seine Urbanstube – und legte damit den Grundstein für eines der außergewöhnlichsten Restaurants im Lechtal. Heute führen seine Kinder Florian Degasperi und Katharina Matti das Lokal weiter. Ein Gespräch über Familientradition, Leidenschaft und die Kunst, eine gute Sauce zu kochen.

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Wer das Restaurant „Zur Geierwally“ in Elbigenalp betritt, keine gewöhnliche Gaststube. Trachten, Gemälde, Antiquitäten und Zeichnungen von Josef Anton Falger zieren die Wände. In einer alten Kinderwiege finden Likör- und Spirituosenflaschen ihren Platz. Ein gusseiserner Ofen steht in der Ecke, Suppenschüsseln in verschiedenen Formen und Größen reihen sich aneinander.

Die sogenannte „Himmelspforte“ – die eigentliche Eingangstüre zum Restaurant – ist die alte Kirchentüre aus Bach. Alles hat seinen Platz. Alles hat seine Geschichte. Und mittendrin: Guido Degasperi, 78 Jahre alt, Tattoos auf den Händen, Ohrringe, die lange Kette, Lederhosen – und ungebrochen neugierig auf das, was noch kommt. Seit 50 Jahren steht er für dieses Lokal. Seit November 2023 nicht mehr allein.

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Florian Degasperi (47) und seine Schwester Katharina Matti (45) haben das Restaurant übernommen. Keine Selbstverständlichkeit – und keine leichte Entscheidung. „Ich habe immer gesagt, ich kann es nicht machen, weil ich einen Hauptberuf habe“, erzählt Florian Degasperi, der als Banker tätig ist. Katharina wiederum wollte es nicht alleine stemmen. „Wir haben lange diskutiert. Letztendlich haben wir uns dann entschieden, es gemeinsam zu machen“.  Die Aufgabenteilung ist klar: Katharina trägt die Hauptlast des Betriebs – Küche, Einkauf, Personal, Organisation. Florian ist drei bis vier Tage pro Woche im Lokal, kümmert sich um die Buchhaltung und hilft, wo er kann. Vier Mitarbeiter, hauptsächlich geringfügig beschäftigt, unterstützen das Duo..

Beide haben die Hotelfachschule in St. Johann in Tirol absolviert. Die Gastronomie steckt also in ihnen – auch wenn der Lebensweg sie zeitweise in andere Richtungen geführt hat. Florian war in Deutschland unterwegs. Katharina war ebenfalls lange außerhalb der Gastronomie tätig. „Wir haben unsere Entscheidungen immer selbst treffen können“, betont der Banker. „Aber der Weg hat uns doch immer wieder ins Lechtal zurückgeführt – ins Restaurant, zum Vater.“

Die Geschwister betonen, dass die Übernahme keine Pflicht gewesen sei vielmehr eine Herzensangelegenheit. „Ich sehe es als Weiterführung seines Traumes,“, so Florian Degasperi. Guido Degasperi selbst war froh, dass sich die Geschwister einigen konnten. „Wenn ihr das so wollt“, hat er gesagt – und nichts weiter.

Aufgewachsen zwischen Gästen und Gutenachtgeschichten

Florian Degasperi und Katharina Matti sind buchstäblich mit diesem Haus aufgewachsen. Ihr Vater war alleinerziehend – und hat es trotz des Gastronomiebetriebs nie versäumt, seine Kinder jeden Abend ins Bett zu bringen, mit ihnen zu beten und Geschichten zu erzählen. „Die Gäste mussten warten. Das war so. Das war Usus und sie wussten das“, sagt Guido Degasperi.

Das Geierwally-Restaurant mit dem Kochherd. Hier findet auch seit 25 Jahren das Kochen am offenen Herd statt.

Mit 14 Jahren verließen beide das Lechtal, um die Hotelfachschule zu besuchen. Für Guido Degasperi war das eine bewusste Entscheidung. Er hatte die Schule besucht, war von der Direktorin – einer Frau in einer Zeit, in der es sonst überall nur Direktoren gab – begeistert gewesen. „Das ist es, was ich meinen Kindern mitgeben will“, dachte er damals. Er hatte sich nicht getäuscht. Weit weg vom Lechtal, wo niemand den Namen Degasperi kannte, waren die Geschwister plötzlich unbeschriebene Blätter. Eine neue Erfahrung – und im Rückblick eine wertvolle.

Mit dem Namen Degasperi aufzuwachsen war nicht immer einfach. „Überall, wo man hinkommt, kennt man die Familie“, erzählt Florian. „Der Name öffnet Türen – aber manchmal eben auch nicht.“ Und dann ist da noch der Vater selbst: Tattoos, Ohrringe, lange Kette, Lederhosen. Alles andere als das klassische Bild eines Lechtaler Gastwirts.

„In der Schule haben sie immer gesagt: Du hast einen coolen Papa“, erinnert sich Katharina lachend. Guido Degasperi selbst hat auf Kritik an seinem Erscheinungsbild stets auf seine Art reagiert: „Ich habe erst recht eins draufgegeben. Als wir übergeben haben, habe ich mir beide Hände tätowiert. Das bin ich“, erzählt er mit einem schelmischen Lächeln und voller Enthusiasmus. 

Die dritte Generation ist längst dabei

Was besonders beeindruckt: Die Leidenschaft für das Lokal hat sich bereits auf die nächste Generation übertragen. Katharinas älteste Tochter hat eine Gastronomieausbildung absolviert und arbeitet jeden Sommer als feste Servicekraft mit. Den Anstoß gab ein einfacher Wunsch: Sie wollte einmal mit ihrem Opa zusammenarbeiten – das kennen lernen, was ihn ausmacht, und es gemeinsam mit ihm erleben. Heute ist sie jeden Sommer dabei, im Winter geht sie auf Saison in andere Skigebiete.

Katharinas Sohn spielt jeden Montag steirische Harmonika im Lokal. Ihr Mann ist der gute Geist im Hintergrund, der dafür sorgt, dass alles läuft. Florians Frau und seine Kinder helfen ebenfalls mit, wenn sie gebraucht werden. Alle sind sie beim Trachtenverein – jenem Verein, den Guido Degasperi 1991 selbst gegründet hat und der bis heute aktiv ist. „Es ist eine tiefe Verwurzelung“, sagt Florian. Und das spürt man.

Was wohl am meisten erstaunt: Guido Degasperi selbst steht noch immer täglich in der Küche. Zwölf, manchmal 13  Stunden und das mit 78 Jahren. Tochter Katharina bestätigt: „Er lässt einen schon arbeiten.“ Und dann kommt das „Aber“ „Die Saucen kostet er. Immer.“ Denn das, so Guido, ist die eigentliche Kunst. Grillen und Braten kann jeder. Aber eine Sauce – die braucht Gefühl, Erfahrung und einen Gaumen, der weiß, wohin die Reise gehen soll. „Jede Sauce ist anders. Das ist die Kunst.“

Rezepte? Gibt es offiziell keine. Mengenangaben? Fehlanzeige. Alles läuft nach Gefühl – jahrzehntelang antrainiertem, untrüglichem Gefühl. Einzig ein Ordner existiert, auf dessen Deckblatt in schöner Schrift „Guidos geilste Rezepte“ steht. Nur damit man die Grundsubstanz nicht vergisst. 

Damit man weiß, in welche Richtung es geht. In der Küche selbst herrscht Ruhe. Keine Schreierei, keine Hektik. „Da weiß jeder, was zu tun ist“, sagt Katharina. 

Mut in schweren Zeiten

50 Jahre sind keine Selbstverständlichkeit und schon gar nicht in der Gastronomie. Es gab Zeiten, in denen es kaum lief. Zeiten, in denen Guido Degasperi nicht wusste, wie es weitergehen sollte. In solchen Momenten ging er zum Grab seiner Mutter – die er jahrelang gepflegt hatte – und bat sie um Hilfe. „Und dann ist es nachher gegangen. Wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her,“sagt er in seiner unbeschwerten Art.  Die Ideen holte er sich aus den Städten und brachte sie mit ins Lechtal.

Daraus entstanden die legendären Partys in der Urbanstube: die erste Schaumparty im Lechtal und  die Beach-Party mit drei Kubikmeter Sand. „Das war für mich nicht nur Spektakel. Sie waren Überlebensstrategie. Ich war manchmal ein bisschen zu früh mit diesen Ideen im Lechtal“, gibt er zu. „Aber wir haben durchgestanden.“ Die junge Kundschaft von damals kam später mit Freundinnen wieder, dann mit Ehefrauen, dann mit Kindern. Eine Stammkundschaft, die über Jahrzehnte gewachsen ist. „Dass der Vater immer diesen Mut hatte, Neues zu probieren, um auch die schweren Zeiten durchzustehen, ist nicht ohne. Es ist bewunderswert,“ sagt Florian Degasperi, nicht ohne Stolz.

Heute läuft das Lokal besser denn je. „Wir sperren auf und es geht von null auf hundert“, erzählt Florian. Flauten, wie sie früher zu Saisonbeginn üblich waren, gibt es kaum noch. Das liegt auch daran, dass das Restaurant nie nur auf Touristen gesetzt hat. Besonders bekannt ist das tägliche Salatbuffet. Bis zu 27 verschiedene Salate, alle hausgemacht. „Viele Einheimische kommen nur wegen des Salatbuffets“, erzählt Florian. „Die sagen, diese Salate kriegen sie nirgendwo anders.“

Die Küche selbst ist tief in der Lechtaler Tradition verwurzelt: Schlutzkrapfen, Knödel in allen Variationen – herzhaft und süß –, Kirschknödel, Marillenknödel mit Marzipan. Dazu Spezialitäten, die Guido selbst erfunden hat: etwa ein Schweinefilet, speckummantelt, mit regionalem Ziegenkäse überbacken. Ergänzt wird das Angebot durch internationale Gerichte für alle, die nicht zwingend auf Tiroler Küche aus sind. „Wenn jemand gar nichts findet, ein Wiener Schnitzel findet er immer“, sagt Florian mit einem Lächeln.

Nicht zu vergessen das „Kochen am offenen Herd“. Eine kulinarische Erlebnisgastronomie,. die es so kein zweites Mal gibt.  Die hausgemachten Schnäpse – Blutwurz, Walnuss, Zirbe, Schlehen, Eierlikör – werden selbstverständlich nach wie vor selbst angesetzt. „Nichts gekauft. Alles echt. Wenn man etwas bewirbt, dann muss es auch so sein. Sonst lässt man es lieber bleiben“, sagt Guido Degasperi

Die Feier: Herzlich, offen, familiär

Am Samstag, 18. September, feiert das Restaurant „Zur Geierwally“sein 50-jähriges Bestehen. Ab 18 Uhr beginnen die Feierlichkeiten, ab 20.30 Uhr spielt Livemusik. Am Sonntag, 19. September, ist das Lokal ebenfalls ab 18:00 Uhr geöffnet – ganz normal, ohne Programm. „Alle, die gerne kommen und mit uns feiern möchten, sind herzlich eingeladen“, so die beiden. Es gibt keine große Gala. Kein Spektakel. Nur Menschen, die sich mögen – und gemeinsam feiern wollen, was 50 Jahre Mut, Leidenschaft und Durchhaltevermögen möglich gemacht haben.

Text · Foto: Sabina Riegger

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