
Fragen und Antworten
„Hallo Majka, kako su djeca?” Meine Oma ist am Telefon. Ich telefoniere mit meiner Freisprecheinrichtung im Auto. Es ist heiß draußen und weil ich die Klimaanlage nicht mag, fahre ich mit geöffneten Fenstern über die Autobahn. Der Fahrtwind drückt sich durch das Auto. Die Luft peitscht in den Innenraum, es ist ziemlich laut. “Hallo, Omi! Den Kindern geht es gut”, schreie ich dem Autodisplay entgegen. Meine Sonnenbrille klebt mir auf dem Nasenrücken, mir ist heiß und ich verstehe meine Oma kaum. Deswegen überlege ich kurz, die Klimaanlage doch anzumachen. Und das, obwohl ich seit vielen Jahren nach einem einschneidenden Erlebnis mit einer ägyptischen Klimaanlage jede Klimaanlage meide, sofern ich kann.
Ich glaube, es war im Hochsommer 2009 als mein Mann und ich beschlossen, spontan nach Ägypten zu fliegen. Unsere Vorstellung: Türkisblaues Meer, Sandstrand, wolkenloser Himmel. Es war unser erster großer gemeinsamer Urlaub und wir wollten eine unvergessliche Zeit erleben. Und so kam es dann auch.
Wir kühlten unser Hotelzimmer auf Kühlschranktemperatur runter. Und wir liebten es. Rein, raus, rein, raus: Draußen 40 Grad, drinnen gefühlte zehn. Unser Körper verstand langsam die Welt kaum mehr. Nur wenige Tage später verstand er sie gar nicht mehr. Spätestens dann, als uns bewusst wurde, dass wir nicht nur im Kühlschrank saßen, sondern auch freiwillig unter Beschuss einer Keimschleuder waren. Mit Fieber, Halsschmerzen und frierend bei 40 Grad am Strand, sehnten wir unseren Rückflug entgegen. Zu Hause warteten Antibiotika und drei Wochen Bettruhe. Seitdem meide ich Klimaanlagen konsequent.
„Habt ihr genug getrunken?“ höre ich meine Oma fragen. Ich muss lachen, weil sie mich das heute schon mehrfach gefragt hat. Wie auch schon meine Mama.
Ihre Fragen sind wie eine Art Gebet, das sie täglich sprechen, seitdem ich denken kann. Seitdem ich Kinder habe, hat dieses Gebet ein neues Level erreicht.
Für sie ist es wichtig zu wissen, ob alle satt sind und glücklich. Ob die Schuhe der Kinder noch passen, wie es in der Schule war. Sie zeigen Liebe und sprechen sie auch aus. Sie vermissen einen schon, obwohl man gerade mal einen Tag unterwegs ist. Manche Menschen verstehen das vielleicht nicht. Und würden die täglichen Fragen vielleicht als erdrückend oder aufdringlich empfinden. Für mich sind sie es nicht. Obwohl es Tage gibt, an denen sie mich auch nerven. Aber ich weiß, woher sie kommen, diese Fragen. Die eher wie Hände sind, die sich ausstrecken und einen behüten. Über Kilometer, über Ländergrenzen und über Generationen hinweg.
Meine Mama und meine Oma haben es geschafft, ein Leben zu gestalten, wie sie es für richtig empfinden und sie haben sich durchgesetzt. Entgegen patriarchalischen Strukturen und kulturellen Dogmen.
Durch die beiden habe ich gelernt, dass man auf das, was man liebt, aufpasst.
Oma fragt noch nach meinem Tankstand, Sie selbst ist nie Auto gefahren. Ich schaue auf die leere Straße vor mir. Flimmernder Asphalt, blauer Himmel, kein einziges Auto weit und breit.
Es ist noch immer laut im Auto, die Klimaanlage aus und die Fenster sind offen. „Der Tank ist voll, Omi. Wir sind bald da.“



